Amoklauf für Fortgeschrittene
Davids Leben hatte sich in den vergangenen drei Jahren auf drastische Weise in eine unerwartete Richtung verändert. Zwar hatte er noch immer seinen Job als Softwareentwickler und seine Sammlung von Erstausgaben japanischer Comics, aber es gab auch viel Neues in seinem Alltag.
All das Neue hatte damit begonnen, dass er Lena kennengelernt hatte, auf einer Geburtstagsfeier eines Kollegen, zu der er eigentlich gar nicht hatte gehen wollen. Sie hatte ihm erklärt und dann im Verlaufe des Abends anschaulich gezeigt, dass es durchaus enorme Vorteile haben konnte, in einer Beziehung zu leben. Seit es Lena gab, trug David modische Poloshirts, aß drei Mahlzeiten am Tag, ging zweimal wöchentlich zur Rückengymnastik und trank Cognac statt Dosenbier.
David war neuerdings verlobt, was vor allem seine Mutter gefreut hatte. Er ging in seiner neuen Aufgabe als angehender sorgender Ehemann vollkommen auf und hatte beim letzten Besuch auf einem Weihnachtsmarkt sogar so etwas wie Vergnügen dabei empfunden, sechs Euro für eine Portion Kartoffelpuffer zu bezahlen.
In seiner neuen Rolle als Verlobter hatte er sich dazu bereiterklärt, sich um die Hochzeitsvorbereitungen zu kümmern. Er konnte das ohnehin besser als Lena, die für akribische Planung, Listen und Terminpläne kein Verständnis hatte.
Ihm wäre unwohl gewesen bei dem Gedanken daran, dass Lena mit ihrer Mischung aus Spontaneität und Bauchgefühl, die sie als Methode bezeichnete, eine so komplexe Aufgabe wie die Planung einer perfekten Hochzeitsfeier übernommen hätte. Ihr war daher eine beratende Rolle zugekommen, die sie vorbildlich erfüllt hatte. Lena wusste nämlich ganz genau, was sie auf ihrer Hochzeit haben wollte und was, beziehungsweise wen, nicht.
Entgegen anfänglicher Befürchtungen, es könnte eine unangenehme Aufgabe werden, fand David in der akribischen Planung Erfüllung. Seit Monaten plante er nun still, sorgfältig und methodisch. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen.
In einem Ordner auf seinem Rechner befanden sich 44 Unterordner, in denen jedes einzelne Detail erfasst, dokumentiert und abrufbar war. Dazu gab es das übergeordnete Excel-Sheet, das ihm alles auf einen Blick anzeigte. Sehr zufriedenstellend. Narrensicher und fehlerfrei.
Alles war in trockenen Tüchern, wie man so schön sagt. Die Termine beim Standesamt und in der Kirche waren gebucht und die Reden vorbereitet, Location, Musik, Catering und Hochzeitstorte und die spezielle Sektsorte für den Empfang waren reserviert, Gästelisten geschrieben, eine durchdachte Sitzordnung erstellt, Tischkarten graviert und die Hochzeitsreise auf die Malediven bestätigt. Alles war bezahlt.
Punkt für Punkt ging David die Liste noch ein letztes Mal durch, bevor er seiner zukünftigen Braut eine Textnachricht schickte: „Alles ist perfekt, Schatz.“
Er erhielt keine Antwort. David ging duschen.
Mit nassen Haaren kam er zurück in sein Wohnzimmer, das gleichzeitig auch Schlafzimmer war. Die kleine Wohnung erinnerte ihn daran, dass nach der Hochzeit weitere Veränderungen in seinem Leben anstanden. Das Haus, welches Lena sich wünschte und das seiner Meinung nach viel zu groß für nur zwei Personen war, würde bald sein neues Zuhause werden. Ein großer Schritt. Eine einschneidende Veränderung. Aber er blickte der Tatsache, dass er sein eigenes Arbeitszimmer haben würde und dass er zudem Miteigentümer eines luxuriösen Kaffeeautomaten sein würde, mit mehr Freude als Besorgnis entgegen. Der Notartermin stand bereits.
David griff nach seinem Handy. Lena hatte die Nachricht gelesen, aber noch immer nicht geantwortet. Eigenartig. Sie war ohnehin in den letzten Wochen ungewöhnlich distanziert. Er hatte es geschätzt, dass sie ihm Zeit für die Planung eingeräumt hatte, aber war es nun, wo alles erledigt war, etwa zu viel verlangt, dass er ein kleines Dankeschön hören wollte? Sicher war sie mit ihrer besten Freundin Sarah unterwegs und genoss die letzten Tage ihres Junggesellinnenlebens.
Vielleicht sollte er das auch tun? David schloss die Augen und nickte. Genau das würde er tun. Und zwar auf Discord in der Welt von World of Warcraft.
Deshalb bemerkte er es nicht, als schließlich Lenas Antwort kam. „Danke. Bis morgen“, schrieb sie kurz vor Mitternacht.
Am Samstagvormittag stand David spät auf. Er ging ins Bad und kam mit sauberen Zähnen und guter Laune zurück ins Wohnzimmer. Es roch nach den Überresten der Pizza, die er sich gestern Abend noch beim Lieferservice bestellt hatte. Mit einem Grinsen im Gesicht räumte er die Essensreste weg und bereitete in seiner billigen Maschine einen Kaffee zu. In genau zwei Wochen würde er sich für die Hochzeit bereitmachen. Standesamt um 14 Uhr, Kirche um 16 Uhr, Empfang und ausgelassene Party ab 18 Uhr.
Sein Handy meldete sich. Eine Nachricht. „Bist du da? Ich komme vorbei und muss was mit dir besprechen.“
So. Lena war also auch schon wach. Dann war es also doch nicht allzu spät geworden gestern mit Sarah.
„Okay“, antwortete er und frühstückte erst einmal.
Die Haustürklingel riss ihn aus seinen Gedanken. Das war aber schnell gegangen. Er öffnete, die Kaffeetasse noch in der Hand.
„Lena, hast du deinen Schlüssel vergessen?“ Er beugte sich zu ihr, bereit für einen Begrüßungskuss, aber sie schob sich an ihm vorbei.
„Hallo David.“
Er wollte eben die Wohnungstür schließen, als Lena die ausgestreckte Hand gegen das Türblatt hielt.
„Kommst du?“, rief sie in den Hausflur. Sie klang ungeduldig.
„Wer ist …?“ David zog die Tür wieder auf und sah, wer Lena begleitete.
„Mark. Guten Morgen.“
„Morgen“, nuschelte der ungebetene Gast. Was machte Mark denn hier? Wollte er ihn noch einmal darum bitten, doch lieber ihn anstelle seines besten Freundes Karsten zum Trauzeugen zu machen?
David atmete tief ein. Er würde sich nicht bequatschen lassen. Wenn seine Mutter es nicht geschafft hatte, würde auch Mark keine Chance haben. Ja, er war sein Bruder und ja, es war in seiner Familie Tradition, dass der Bruder als Trauzeuge ausgewählt wurde. Aber es war Davids Hochzeit und er konnte Mark einfach nicht leiden.
Sein jüngerer Bruder, für den alles immer einfach gewesen war, der hübschere, der größere, der sportlichere, der Liebling der Familie. Mark war alles in seinem Leben immer einfach so zugeflogen und er hatte nie ernsthaft für etwas arbeiten müssen. Gut, das hätte er auch nicht gekonnt, denn er war definitiv nicht der klügere Bruder.
„Wenn es wegen des Trauzeugen ist, ich ändere meine Meinung nicht. Karsten hat schon den Anzug ändern lassen.“
„Das ist es nicht“, raunte Mark und setzte sich ungebeten auf Davids Couch.
„Stören wir dich?“ Lena schlug einen freundlicheren Ton an und gab David nun endlich einen flüchtigen Kuss.
„Nein. Ich hatte bloß nicht damit gerechnet, dass du jemanden mitbringst.“
„Was hast du gemacht?“, fragte Lena, aber David hatte nicht den Eindruck, dass sie sich wirklich für die Antwort interessierte.
„Ich habe eben nochmal die Liefertermine für die Blumen und die Torte überprüft“, sagte er, obwohl das nicht stimmte. Das hatte er schon vor Tagen getan, aber er wollte gerne das Gespräch auf die Hochzeitsfeier lenken.
„Du bist so … gründlich.“ Sie ging zur Couch. „Darf ich?“
David lachte kurz auf. „Klar“, sagte er dann. Seit wann fragte sie um Erlaubnis, um sich auf seine Couch zu setzen?
Eine Pause. Die Uhr an der Wand tickte lauter als sonst. Mark stützte die Hände auf die Knie und sah sich betont beiläufig in der Wohnung um.
„Wollt ihr was trinken?“ David besann sich plötzlich seiner Manieren als Gastgeber.
„Bier“, sagte Mark.
„Nein, danke.“ Lena warf Mark einen strafenden Blick zu. „Wir bleiben nicht lange. Wir müssen aber unbedingt etwas mit dir besprechen.“
David holte eine Flasche Bier aus der Küche und reichte sie seinem Bruder, der sich daran festhielt, wie an einer warmen Tasse Tee im Winter. Niemand sagte etwas.
„Also?“ David setzte sich in den Sessel und schaute seine Gäste an.
„David“, sagte Lena, „ich, … wir müssen dir etwas sagen.“
„Jetzt mach es nicht so spannend. Was ist los?“
Wieder gab es eine Minute betretenen Schweigens. Lena wippte mit dem linken Knie, was sie immer tat, wenn sie nervös war. Sie atmete langsamer als gewöhnlich. Was war nur los? War jemand gestorben? Er wiederholte seine Frage.
Mark räusperte sich. David wandte sich ihm zu. Gut. Wenn Lena nicht mit der Sprache herausrücken wollte, dann eben der dümmliche Bruder.
Aber Lena hob die Hand. „Nein, Mark. Das muss David von mir hören.“
„Was ist denn los?“ David merkte, wie er die Geduld verlor. Was sollte dieses Theater?
„David, wir …. wir lieben uns.“
„Ja. Deshalb werden wir auch heiraten.“
„Nein“, sagte Lena und schluckte. „Nicht wir. Ich meine Mark und ich.“
„Mark und du?“ David runzelte die Stirn. Das ergab keinen Sinn. Was redete sie da?
„Es ist nicht nur eine Phase.“
„Phase?“ David schloss die Augen.
„Ich habe das nicht gewollt. Es ist einfach passiert.“
David stand auf und rieb sich die Stirn. „Ich komme nicht mit. Was willst du mir sagen? Was ist einfach passiert?“
„Wir sind jetzt zusammen“, sagte Lena.