Am Ufer der Zeichen
MATCH
Der Abend in Marina del Vento trägt eine milde Wärme. Stimmen vermischen sich, verlieren sich in den schmalen Gassen.
Aura liegt ausgestreckt auf dem Bett, das Handy lose in der Hand. Tinder hat sie erst an diesem Abend installiert, mehr aus einer Laune heraus als mit irgendeiner wirklichen Absicht. Sie ist in Italien, der Abend liegt noch vor ihr, und irgendwann denkt sie einfach: Warum nicht? Ein bisschen schauen, mehr nicht. Die ersten Profile erscheinen auf dem Display. Ein Wischen nach links. Noch eins. Und noch eins. Links. Links. Links. Die Geste wird ruhig, beinahe mechanisch - bis ein Gesicht sie anhält.
Dunkle Augen. Ein unruhiges Licht darin, als trügen sie einen Sommer, der nicht endet. Unter dem Bild ein Satz: „I tatuaggi sono finti" - Die Tattoos sind fake.
Warum bleibe ich hier stehen? Nicht nur das Foto hält sie, sondern auch das Dazwischen. Eine Span-nung, die sich leise in ihr ausbreitet. Der Name dar-unter: Elio. Ihr Daumen verharrt ein paar Sekunden
- dann berührt er das Display. Ein Herz leuchtet auf.
It's a match. Ihr Puls wird schneller. Sie ist aufgeregt. Noch bevor sie das Handy weglegen kann, erscheint seine erste Nachricht.
„Ma ti devo preparare una pizza?" - Soll ich dir
eine Pizza zubereiten?
Aura stutzt. Eine Pizza? Was ist das denn für eine erste Nachricht? Dann muss sie lachen, so unvermit-telt, dass ihre kleine Hündin Martha an ihren Füßen den Kopf hebt und sie ansieht.
„Che domanda ..." - Was für eine Frage, tippt Aura zurück.
Aus einem Scherz wird etwas, das bleibt. Worte lösen einander ab, mal spielerisch, mal ruhiger, und zwischen send und read entsteht ein Rhythmus, der nicht geplant ist und doch trägt. Erst nach und nach begreift Aura, dass die Pizza-Frage gar nicht so zufällig war: Elio arbeitet als Pizzaiolo.
„Also deshalb die Pizza", schreibt Aura.
„Natürlich", antwortet Elio. „Und weißt du was?
Die Hände eines Pizzabäckers sind aus Gold."
„Das behauptest du jetzt einfach so?" Nein. Das ist eine Tatsache." Zwischen zwei Nachrichten hält sie inne. „Du weißt schon, dass ich wesentlich älter bin als du", schreibt sie schließlich.
Seine Antwort kommt ohne Zögern. „Und? Age is
just a number."
Mehr macht er daraus nicht. Kein Nachfragen, kein Zurückweichen. Der Altersunterschied ist für ihn von Anfang an keine Hürde.
Wer bist du? Und warum klingt es, als hätte ich
dein Echo längst in mir getragen?
Elio sitzt am Küchentisch, das Handy vor sich, die Unterarme auf der Tischplatte. Er schreibt, löscht, beginnt von vorn. Obwohl er antworten will, wartet er noch. Sie schreibt nicht wie die anderen. Zwischen ihnen ist sofort etwas Vertrautes, als würden sie sich längst kennen.
Sein Bruder Matteo lehnt im Türrahmen und sieht das breite Grinsen in Elios Gesicht. „Okay, wer ist sie?"
Elio wendet sich zu ihm. „Wer?" „Die Person, die dich gerade so aussehen lässt." Das Display leuchtet erneut auf, und Elio beginnt
direkt zu tippen.
„Sag ich dir später", sagt er und tippt weiter.
„Na schön", sagt Matteo. „Dann bin ich ja mal
gespannt."
Als Matteo wieder geht, dreht er sich noch einmal zu Elio um. Der wirkt ungewöhnlich unbeschwert.
Schon nach wenigen Tagen gehört das Schreiben ganz selbstverständlich zu ihrem Alltag. Morgens eine Nachricht noch vor dem ersten Kaffee. Immer wieder schicken sie sich Bilder von sich - Urlaubsfotos, Aufnahmen aus dem Training, Bilder vom Strand, kleine Ausschnitte aus dem Leben.
„Hast du eigentlich Fotos von dir aus der Zeit, als du so alt warst wie ich jetzt?", fragt er irgendwann.
Aura sucht ein paar heraus und schickt sie ihm.
„Wow. Bellissima" - Wunderschön, schreibt er. „Genauso wunderschön wie heute."
Natürlich freut sich Aura riesig über seine Worte und gleichzeitig spürt sie ein wenig Melancholie, als sie diese schönen Jugendfotos von sich sieht. Wie lang ist das her und dennoch fühlt es sich an, als wären nur ein paar Jahre vergangen.
Eines Abends schickt er mehrere Bilder hintereinan-der. Keine Erklärung. Nur Dateien, die im Chat auf-poppen. Aura öffnet das erste. Ein junger Mann mit rundem Gesicht, weich um Bauch und Hüften, hält ein überdimensionales Bierglas hoch und lacht in die Kamera. Die Augen wach, fast übermütig. Eine schmale Brille sitzt auf seiner Nase. Ein weiteres Bild folgt, dann ein kurzes Video, aufgenommen irgendwo in einer Restaurantküche. Derselbe junge Mann, während er ganz selbstverständlich eine Pizza in den Holzofen schiebt.
Auf das Foto und das Video geht sie zunächst gar nicht ein, sondern schreibt einfach über etwas ande-res weiter. Bis Elio plötzlich einhakt.
„Du sagst ja gar nichts dazu." Dahinter ein trauri-
ges Emoji.
Aura versteht nicht sofort. „Wozu?"
„Zu meiner Veränderung."
„Welche Veränderung?"
„Na, auf dem Foto und in dem Video. Das bin
ich." Aura ist verblüfft. „Niemals. Das kannst nicht du sein." Sie versucht, die Gesichtszüge miteinander zu vergleichen. Die Augen. Den Mund. Diese besondere Art zu lächeln. Daran erkennt sie ihn schließlich. Sie schaut zurück zu seinem aktuellen Profilbild und wieder zum Video.
„Unglaublich. Ich hätte dich nicht erkannt. Was für eine starke Veränderung. Ich bin sprachlos." Dann schreibt sie noch: „Übrigens, du hast wunderschöne Augen."
„Danke", antwortet Elio. „Meine Augenfarbe ist
ziemlich selten. Das nennt man Hazel Eyes."
„Hazel Eyes?"
„Ja. Je nachdem, wie das Licht einfällt, sehen sie anders aus. Mal mehr grün, mal brauner, manchmal fast golden."
Wie besonders er ist, denkt Aura.
Nach einer kurzen Pause kommt Elio wieder auf die Bilder zurück. „Ja. So sah ich bis vor ungefähr einem Jahr aus. Ich war nicht immer so, aber ein paar Jahre war ich deutlich kräftiger."
„Aber wenn du vorher nicht so warst - wie kam es dann dazu?", fragt Aura. „Warum hast du in der Zeit so zugenommen?"
„Keine Ahnung, das war einfach so eine Phase.
Ich hab gearbeitet, bin heim, hab gezockt oder Anime geschaut. Ich liebe Anime. Ich war kaum drau-Ben, hab keinen Sport gemacht, einfach nichts."
Aura hört ihm aufmerksam zu und nimmt wahr, wie selbstverständlich er ihr gegenüber von dieser Zeit erzählt.
Dann schickt er ihr noch ein paar neue Bilder.
Spiegelselfies in Trainingshose, definierte Schultern.
Flacher Bauch. Das Gesicht schmaler, markanter, männlicher. „Ich habe genau acht Monate gebraucht.
Ich habe angefangen zu trainieren, auf meine Ernährung zu achten und habe es durchgezogen." Kein großes Pathos im Satz. Aber etwas darin klingt nach Disziplin. Und nach Stolz.
„Respekt. Du siehst fantastisch aus", tippt sie.
Diesmal dauert seine Antwort ein paar Sekunden länger. „Danke. Deine Worte bedeuten mir sehr viel." Sie scrollt nach oben zu dem alten Bild. Dann wieder zu dem neuen. Zu dem alten Bild. Zum neuen Bild. Zurück.