Der Krieger des Königs
Es sind zu viele. Ihren blutverschmierten Lanzen werden wir ebenso wenig entkommen wie den gefräßigen Feuern, mit denen sie unsere Häuser und Dörfer niederbrennen. Mag sein, dass sich in diesem Moment die Tore der Hölle für mich öffnen, aber mein Scramasax wird dafür sorgen, dass ich nicht alleine gehe.
Mein Blick wandert über die zerstückelten Leiber, die den Boden bedecken. Das wird ein Fest für die Wölfe werden, wenn sie sich über die Leichen hermachen. Zu wenige sind von uns übrig, um den Gefallenen ein anständiges Begräbnis zu bereiten. Wen sie noch nicht erwischt haben, der wartet nicht den nächsten Angriff ab, sondern rennt um sein Leben. Denn dass sie wiederkommen, ist gewiss. Sie ziehen sich zurück, nur um am nächsten Tag erneut anzugreifen. Ihre schwer bewaffneten Reiter verschonen auch Frauen und Kinder nicht. Sie verbreiten Angst und Schrecken, wo immer sie auftauchen. Von Eoforwic aus wälzt sich eine Feuersbrunst, ein Morden und Zerstören durch ganz Norþhymbre. Sie werden erst Halt machen, wenn sie unseren Willen gebrochen haben und wir uns ihrer Herrschaft unterwerfen – oder wenn sie uns alle ausgerottet haben.
Meine Zunge klebt am Gaumen. Eine gefühlte Ewigkeit haben wir gegen ihre wilden Horden gekämpft und versucht, die furchteinflößenden Reiterscharen von unserem Leib und Leben, unserem Hab und Gut abzuhalten. Sie sind unerbittlich. Jeden, der sich ihnen in den Weg stellt, durchbohren sie aus vollem Galopp mit ihren Lanzen oder strecken ihn mit einem gezielten Schlag ihres Schwertes nieder.
Wir stehen hier wie einst Byrhtnoð und seine Mannen, als sie im Jahre 991 unseres Herrn bei Melduna die herannahenden Wikinger zu sich hinüberwaten sahen. Wodon þa wælwulfas, for wætere ne murnon ... Aber unser Gegner fürchtet weder Wasser noch Feuer – und Gott und den Teufel wahrscheinlich ebenso wenig. Unsere Waffen vermögen nichts auszurichten gegen ihren unbarmherzigen Blutdurst, den sie hier im Norden jeden Tag an Tausenden unserer Landsleute gierig stillen.
Ich habe bis zuletzt gekämpft, aber jetzt verlässt mich die Hoffnung. Ich kann nicht mehr. Von unseren Waffen tropft das Blut vieler ihrer Reiter und Pferde, aber wir können die Schlacht nicht gewinnen. Ich habe alles verloren. Meine Heimat brennt lichterloh, meinen Vater haben sie grausam hingerichtet, meine Mutter und zwei meiner Schwestern geschändet und erstochen, andere Bewohner zusammengetrieben wie Vieh und niedergemacht, meine drei jüngeren Geschwister sind in den Wald geflohen und leben, aber wie lange noch?