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Birgit Constant

Der zweite Sohn des Normannen

Buchanfang

Rogers Hände und Zehen drückten sich in den aufgeweichten Boden, als ein anderer Knappe ihm einen gefüllten Eimer auf den Rücken stellte. Aus der schlammigen Erde kroch die Herbstkälte durch seine Finger, die gerade noch Emmas zarte, warme Haut gestreichelt hatten. Mit einem Seufzer winkelte er die Arme an und senkte seinen ausgestreckten Körper nach unten, bis seine Nasenspitze die schmutzigen Grashalme berührte.
»Ein Engleis, der im Dreck zu meinen Füßen kriecht – was für ein schöner Anblick!«
Gerne hätte Roger seinem älteren Halbbruder William für diese Bemerkung eine Ladung Schlamm entgegengeschleudert. Stattdessen schaute er eisern nach unten, ach­tete darauf, dass der Eimer nicht wackelte, und zählte hörbar jede Absenkung.
»Ich würde dir gerne dabei zusehen, wie du vor Erschöpfung zusammenbrichst, aber ich muss meinen Kampf fortsetzen.«
Aus den Augenwinkeln sah Roger, wie William zurück auf den Platz ging, um den Übungskampf fortzusetzen. Ðunres hamer on þe heafod! Sollte doch der Donnergott seinem Bruder eine Lektion erteilen, wenn es schon sein Gegner nicht täte.
»Gib das sofort her!«, donnerte ein Mann nicht weit enfernt.
Roger blickte auf. Der Gutsverwalter Hugues de Borre riss einem kleinen Jungen etwas aus der Hand und wedelte damit drohend vor dem Gesicht einer Frau herum. »Wolltest du etwa deinen Lehnsherrn bestehlen?«
»Seht Euch den Apfel doch an«, sagte die Frau und nahm das weinende Kind in den Arm. »Er ist nur ganz klein und verschrumpelt, und wurmstichig noch dazu. Wir würden ihn ohnehin in der Küche nicht verwenden.«
»Das entscheidest nicht du!« Hugues de Borre warf den Apfel in den Korb und deutete zur großen Halle. »Mach, dass du die Äpfel in die Küche bringst! Sollte ich dich erneut beim Stehlen ertappen, wirst du deiner ge­rech­ten Strafe nicht entgehen.«
Roger richtete den Blick wieder auf die sich nähernden Grashalme. Auf dem Kampfplatz neben ihm tänzelten und sprangen die beiden Gegner keuchend hin und her, bis einer von ihnen einen dumpfen Schrei ausstieß.
»Na, wer ist wieder einmal der Bessere von uns bei­den?«, fragte William derart laut, dass es auch wirklich nie­mand überhören konnte.
»Heute hast du Glück gehabt«, antwortete sein Geg­ner und schnaufte durch. »Aber das nächste Mal verlierst du.«
»Du weißt genauso gut wie ich, mon cher Walter, dass dieser Fall wohl kaum eintreten wird. Wer könnte es schon mit mir aufnehmen?«
»Jemand, der genauso ein großes Maul hat wie du«, sagte Roger zwischen den Zähnen hindurch, während er sich mit zitternden Armen erneut hochdrückte.
Zwei Lederstiefel stellten sich neben ihn. »Dich strengt diese Übung wohl nicht genug an. Warum ver­suchst du sie nicht einhändig?«
Ein Fußtritt riss Roger den Arm weg. Er klatschte mit dem Gesicht in den Schlamm, der Eimer kippte und das eisige Wasser ergoss sich über seinen Kopf und die Schultern. Spuckend und hustend setzte er sich auf und wischte sich den Dreck aus dem Gesicht.
Er wollte gerade aufstehen, um sich auf seinen Bruder zu stürzen, da trat der Waffenmeister Oswulf zwischen die beiden.