Der Gesang des Gauklers
Ein Schlag in den Nacken ließ Lucan zusammenzucken.
»Hast nichts Besseres zu tun, als mit dem verlausten Köter zu spielen?«, tönte eine Frauenstimme.
Lucan schlang die Arme um das winselnde Hündchen auf seinem Schoß und duckte sich zur Seite.
Wieder fuhr die Hand auf seinen Kopf nieder. »Faulenzn, das kannste!« Seine Stiefmutter stopfte ein paar Strähnen aus ihrem hochroten Gesicht unter die Spitzenränder ihrer bestickten Haube. »Warum bist nicht bei den anderen, dich auf den Auftritt vorbereiten?«
Genau das könnte ich Euch auch fragen. Lucan drückte das zitternde Fellbündel an sich.
»Na, wird’s bald?« Matild holte erneut aus, doch er entwischte ihrer Hand mit einem Sprung. Sie verkniff den Mund und betrachtete ihren Stiefsohn abschätzig. »Hätt Onfroi doch gewusst, auf wasser sich einlässt, damals! Wat man nich alles verspricht, wenn einer aufm Sterbebett liegt! Kümmern würde er sich um euch zwei, hat er euerm Vater gesagt. Ha! Er und kümmern! Wer tutn das die ganze Zeit? Wer kochtn für euch? Wer wäscht und näht eure Kleider? Na, wer?«
Matilds Kinn zuckte, als wollte sie eine Antwort aus Lucan herauszerren, aber er schwieg. Egal, was er sagte, sie würde ihn ohnehin nur wieder einen Lügner und Dummkopf nennen.
“Bei uns arbeitste fürs Essen. Wie wir anderen auch.« Matild hob drohend die Hand. »Na los. Zurück anne Arbeit!«
»Komm, Garulf!« Lucan drückte das Hündchen an sich und eilte von dannen, hinaus aus dem Innenhof mit der großen Halle, den Wohngebäuden und der Kapelle, und quer durch den östlichen Vorhof, vorbei an Handwerkerhütten, dem Brunnen und den Ställen für Pferde und Hunde. »Verhungern lassen würde sie dich! Als wenn Sire Robert de Monbrai es merkt, dass ein Stück altes Brot fehlt! Wer in einer Burg mit drei Höfen wohnt, muss auf wichtigere Dinge achten.« Er kraulte Garulf am Kinn und ließ sich bereitwillig von der kleinen rosa Zunge die Hand ablecken. »Wie ist Onfroi bloß an diese Frau gekommen, hm, Garulf? Bestimmt hat er einen guten Grund dafür gehabt. Nur dass ich ihn immer noch nicht entdeckt habe.«
Seufzend trat er neben der Schmiede in den westlichen, äußeren Burgvorhof ein, der mit seiner niedrigen Mauer und seinem Gefälle geradewegs ins Meer abzutauchen schien. »Aber wie sollte ich auch? Ich bin nicht nur ungeschickt, ich bin auch dumm.«