Echo of a Silenced Song
ELIRA
Seufzend begann Elira, die Pfeile noch einmal zu prüfen, bevor sie ihren Weg in die verschiedenen Köcher fanden. Es dämmerte bereits, als sie fertig war. Rian war noch nicht zurückgekehrt. Unruhe kroch in ihre Knochen und wieder konnte sie dieses feine Vibrieren in ihrem Körper spüren. Sie musste dringend die Fesseln um ihre Magie wieder festigen. Mit einem letzten Blick zum dunkler werdenden Himmel eilte sie ihm nach, dem dichten Wald entgegen.
Stille umfing Elira, sobald sie zwischen die tief hängenden Äste trat und der vertraute Geruch nach feuchtem Moos ihr in die Nase kroch. Sofort wurde sie ruhiger, ihre Gedanken klarer. Auf leisen Sohlen bahnte sie sich ihren Weg durch das dichte Unterholz. Den dunklen Umhang eng um sich gezogen, schlug sie den Weg zu einer versteckten Lichtung mit einem schmalen Bachlauf ein. Wenn Rian noch im Wald war und gefunden werden wollte, würde er dort sein. Es war einer seiner Lieblingsplätze. Ebenso wie ihrer. Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, als all die Erinnerungen der letzten Sommer aufkamen.
Ein Knacken nicht weit entfernt riss sie aus den Gedanken. Ihr Atem stockte und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Das Kribbeln in jeder Zelle ihres Körpers wuchs zu einem stetigen Vibrieren. Aufmerksam sah sie sich um. Nichts regte sich.
Wahrscheinlich war es nur ein Hase. Oder ein Eichhörnchen, beruhigte Elira sich und setzte den Weg fort.
Ab und zu drangen die vertrauten Geräusche der Tierwelt an ihre Ohren. Ein Zwitschern hier, ein Grunzen da. Das Rascheln der Blätter im aufkommenden Wind.
Allmählich entspannte sich ihr Körper wieder und sie verschmolz mit dem Wald. Bewegte sich, als wäre sie selbst eins der zahllosen Wesen, geboren in dem dichten, unberührten Grün. Hier gab es nichts als Instinkt. Manchmal erschien es ihr, als könnte sie das Leben spüren, wie es früher einmal im ganzen Land gewesen sein musste. Bevor sich alles verändert hatte.
Das leise Plätschern von Wasser ließ Elira den Kopf heben. Im fahlen Licht des Abends lag die Grasfläche einsam da. Rian war nicht hier. Seufzend zog sie ihren Umhang enger um sich und setzte sich auf den kalten Boden, direkt an das Ufer des kleinen Baches.
Wenn er nicht gefunden werden wollte, sollte sie ihn in Ruhe lassen. Anders als Rian akzeptierte sie die Entscheidungen, die er traf.
Ihm wird schon nichts passieren.
Fröstelnd atmete Elira tief ein, spürte der eisigen Luft in ihren Lungen nach, und verharrte reglos. Still saß sie da und lauschte. Nur das stetige Murmeln des Wassers war zu hören. Wachsam glitt ihr Blick über Zweige und Büsche. Kein einziges Tier wühlte das Unterholz auf.
Langsam kam sie vollends zur Ruhe, ihr Atem wurde gleichmäßig. Erschöpft schlossen sich ihre Lider. Die letzten Tage hatten ihr viel abverlangt. Alte Wunden waren aufgerissen worden. Noch immer fühlte sich der Tod ihrer Mutter zu nah an. Trotz all der Jahre. Vermutlich würde sich daran nie etwas ändern. Sie hatte gelernt, mit dem Schmerz zu leben, ihn als Teil ihrer selbst akzeptiert.
Kaum hatte es dieser Gedanke an die Oberfläche ihres Geistes geschafft, schien sie etwas anzustupsen. Ganz sachte spürte Elira dem Gefühl nach. Da war es wieder. Das Kribbeln. Fast wie ein Summen. Kaum hatte sie es wahrgenommen, da breitete es sich aus und kroch durch ihren Körper.
Reflexartig schlug Elira die Augen auf, spannte sich an und drängte diese fremde Energie zurück. Das Bild eines Käfigs tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Die Magie wand sich, kämpfte gegen sie an. Mit solch einer Wucht, dass sie aufkeuchte. Stirnrunzelnd hielt sie inne. Nie zuvor hatte sie dieses Gefühl überkommen, wenn sie die fremde Macht verdrängte. Irgendetwas hatte sich verändert.
Es fühlt sich falsch an. Als würde ich etwas Lebendiges einsperren. Ihm die Lebensgrundlage nehmen. Die Luft zum Atmen. Wäre doch nur meine Mutter hier. Sie wüsste, was zu tun ist.
Nur wenige Erinnerungen aus ihrer Kindheit waren geblieben. Die Tatsache, dass ihre zwei Jahre ältere Schwester ebenso begabt gewesen war wie sie, war eine davon. Das war auch der Grund, warum sie in ihr Haus gekommen waren. Die Soldaten. Der Orden.
Eine Welle, geboren aus Traurigkeit und genährt von Wut, schlug über Elira zusammen. Drohte sie zu ersticken. Und die Magie wandelte sich. Sie schien zu verharren. Mächtig und ruhig. Gefährlich und lebendig. Es fühlte sich an, als wäre da etwas Eigenständiges in ihr. Gefangen in der Hülle, die der Körper bot. Nie zuvor hatte Elira die Energie derart deutlich gespürt. Verstanden.
Tief atmete sie ein und schloss erneut die Augen, blendete alles um sich herum aus. Stück für Stück wagte sie sich vor. Als würde sie sich an ein verwundetes Tier heranschleichen. Und die Energie antwortete. Tastend. Suchend. Ein weiterer tiefer Atemzug und sie war da.
Ihr ganzer Körper bebte vor ungenutzter Macht. Doch es jagte ihr keine Angst ein, nicht dieses Mal. Nein, sie fühlte sich vollständig.
Elira schlug die Augen auf. Gestochen scharf drang ihr Blick durch die Welt um sie herum. Ein fernes Summen durchzog die Luft. Die Magie war eins mit ihr, ihrem Geist. Kein Fremdkörper, gefangen in den Tiefen. Und es passierte … nichts. Keine Explosion von Macht, keine Zerstörung.
Wild strömte diese unbändige Kraft in Elira, floss durch ihre Adern, verschmolz mit ihrem Blut. Und es fühlte sich richtig an. Fasziniert saß sie da und ließ dieser Macht freien Lauf. Ein zufriedenes Seufzen entfuhr ihr und ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Etwas in ihr hatte seinen Platz gefunden. So verharrte sie, bis der Wald vollständig in Dunkelheit versank.