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Lina L. Ashwood

Echo of a Silenced Song

Vael & Elira

ELIRA

Pochender Schmerz riss Elira aus dem Schlaf. Ihre Glieder fühlten sich steif an. Und kalt. Langsam öffnete sie die Augen und blinzelte die Müdigkeit weg. Sie brauchte einen Moment, um ihre Umgebung einzuordnen. Schummriges Licht erhellte den Felsen und unter ihrer Hand lag rauer Stein. Sie wollte ihr Bein anwinkeln, um sich weiter aufzusetzen, doch ein scharfer Schmerz ließ sie innehalten. Zischend strömte ihr Atem in ihre Lunge. Die Erinnerung an ein Messer, zu schnell, um auszuweichen, erschien vor ihrem geistigen Auge. Gefolgt von weiteren.
Ihr Kopf fuhr herum.
Er saß keinen Schritt von ihr entfernt, den Rücken an das Gestein gelehnt, ein Bein angewinkelt, die Augen geschlossen. Seine Brust hob und senkte sich langsam, gleichmäßig. Er schien entspannt. Wäre da nicht der Dolch an seiner Seite, direkt neben seiner Hand.
Von allen Männern war sie ausgerechnet ihm in die Arme gelaufen. Hastig versuchte Elira, Abstand zwischen ihre Körper zu bringen. Vergebens in der Enge des Unterschlupfs. Ein schneller Blick zum Eingang sagte ihr, dass die Sonne bereits aufgegangen war. Es war ruhig. Der Sturm schien sich gelegt zu haben.
Elira warf dem Mann neben sich noch einen prüfenden Blick zu. Er hatte sich noch immer nicht gerührt. Also wandte sie sich ihrem verletzten Bein zu.
Der Wegelagerer hatte sie glücklicherweise nicht richtig erwischt. Trotzdem würde eine Narbe zurückbleiben, und sie musste aufpassen, dass sich die Wunde nicht doch noch entzündete. Die Heilung würde dauern und diese Verletzung machte sie langsamer. Deutlich. Keine gute Voraussetzung für die Situation, in der sie sich befand.
Ich muss einen Weg finden, ihm zu entkommen. Bevor es zu spät ist. Die Krone duldet keine untrainierten Magier. Er wird mich nicht gehen lassen. Und dann wartet entweder die Akademie auf mich oder etwas, das schlimmer sein soll als der Tod.
Eliras Gedanken kreisten. Aus den tiefen ihrer Erinnerungen versuchte sie, alle Gerüchte über den Dunklen Prinzen hervorzuholen und zu einem Bild zusammenzufügen.
Immerhin bringt er mich nach Nereth. Falls er die Wahrheit gesagt hat.
Nach dem Überfall gestern hatte sie die Orientierung verloren. Es war also gut möglich, dass er gelogen hatte. Es gab noch mindestens einen Außenposten der königlichen Armee – seiner Armee – in der näheren Umgebung. Das wäre mit Sicherheit die einfachere Variante für ihn. Der Prinz würde sie den Soldaten überlassen und seine Reise fortsetzen. Das zumindest täte sie an seiner Stelle.
Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe. Sie brauchte einen Plan. Die Verletzung würde sie in den nächsten Tagen deutlich langsamer machen. Wenn es ihr gelang, ihn dazu zu bringen, sie zu unterschätzen … Angestrengt zog sie die Brauen zusammen. Würde das genügen? Oder würde es ihn nur noch misstrauischer machen, wenn sie ihm von nun an ohne Widerrede Folge leistete?
Sie hätte nicht schießen, sich nicht einmischen sollen. Aber die Angst in den Zügen der Frau hatte ihren Entschluss gebrochen. Den zweiten Pfeil hatte sie danach absichtlich im Holz des Wagens versenkt. Wenn er sie für eine Bedrohung hielt, wäre eine Flucht aussichtslos.
Elira seufzte schwer und richtete sich vorsichtig auf. An den pochenden Schmerz hatte sie sich bereits gewöhnt. Durstig nahm sie einen Schluck aus ihrem Wasserschlauch und sah zu den Pferden hinüber. Freyja schien zufrieden. Der riesige Hengst des Prinzen hingegen scharrte mit den Hufen.
Vermutlich hat er ein ebenso unberechenbares Temperament wie sein Besitzer. Bei dem Gedanken legte sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen.
Ein Blick zu den leeren Satteltaschen brachte ihren Magen zum Knurren. Sie hatte keinen Proviant, kein Geld – bis auf zwei Silbermünzen, die sie sich für den Notfall in den Saum ihrer Tunika genäht hatte – und sie war verletzt. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als mit ihm zu reiten. Für den Moment.
Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Sein Blick traf ihren. Selbst in dem schwachen Licht erkannte Elira die Augen aus ihren Träumen. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinab und sie wandte sich schnell ab. Mühsam erhob sie sich und ignorierte das Gefühl, beobachtet zu werden. Jeder Muskel schmerzte. Sie bückte sich umständlich und hob ihre Taschen vom Boden auf. Je schneller sie hier wegkam, umso besser. Die Enge erdrückte sie.
Freyja stieß ihr zur Begrüßung an die Schulter.
»Na, Mädchen, hast du dich gut erholen können?«, fragte Elira und strich ihr sanft über den Hals. Ihr Fell war klamm von der Nacht. Bewegung würde auch die Pferde wärmen.
Der schwarze Hengst warf den Kopf schnaubend in die Luft und blickte ihr düster entgegen. Sie bemühte sich, ihm nicht zu nah zu kommen, und bückte sich zu ihrem Sattel. Mehr als zur Hälfte konnte sie ihn nicht auf Freyjas Rücken hieven, da ihr Bein pochte, sobald sie es zu stark belastete. Bevor er zurück zu Boden gleiten konnte, griff eine ruhige Hand danach.
Routiniert schloss der Prinz eine Schnalle nach der anderen, zog am Leder und befestigte anschließend ihre Taschen.
Dabei rutschte der Ärmel seiner Tunika hoch und offenbarte eine feine Linie. Die Erinnerung an ihr Messer auf seiner Haut stieg in ihr empor und ohne weiter darüber nachzudenken, hob sie ihre Hand und fuhr mit ihrem Finger über die Erhebung. Nur ganz leicht.
Sein Kopf ruckte zu ihr herum und eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken, als sein ungezügelter Blick ihren traf. Sie hatte erwartet, dass er sie von sich stoßen, sie anschreien würde, wie sie es wagen konnte, ihn zu berühren. Sie hätte es verstanden, wusste sie ja selbst nicht, was sie dazu getrieben hatte, doch er sah sie einfach nur an.
»Entschuldigt«, stammelte sie schließlich und spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Am liebsten wäre sie mit dem Stein unter ihren Füßen verschmolzen.
Er sagte nichts, wandte sich nur schweigend seinem eigenen Pferd zu, um die Prozedur zu wiederholen.
Kühle Luft schlug Elira entgegen, als sie die winzige Höhle noch immer peinlich berührt verließ, und Sonnenstrahlen fielen auf ihr Gesicht. Einen Moment verharrte sie, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen, und genoss die Wärme auf ihrer Haut. Es war eine willkommene Abwechslung zu dem Schnee der letzten Tage. Die frische Luft klärte ihren Kopf und füllte ihre Lunge mit dringend benötigtem Sauerstoff nach der erdrückenden Enge und ihrem vollkommen unangebrachten Verhalten.
Er musste sie für völlig schwachsinnig oder gar wahnsinnig halten. Was sollte sie bloß sagen, falls er sie darauf ansprach? Es hatte sie nur einfach erschreckt, dass sie ihm diese Narbe – so fein sie auch war – beigebracht hatte. Sie wirkte seltsam unpassend auf seiner makellosen Haut.
Das Geräusch von Hufen durchbrach den Moment. Widerwillig öffnete sie die Augen und sah den Prinzen an.
»Du solltest auch etwas essen, bevor wir aufbrechen.« In seiner ausgestreckten Hand lag ein Stück Brot und etwas Käse.
Sie blinzelte. Das war alles? Rasch nahm sie es mit einem leisen »Danke« entgegen. Wenn er ihr Verhalten ignorierte, umso besser.
Während sie aß, führte sie Freyja leicht humpelnd von dem steinigen Untergrund weg, hin zu dem ihr so vertrauten Waldboden, den eine dicke Schneedecke verbarg. Nur an den Stellen, wo die Bäume dicht genug standen, lugte mit Frost bedecktes Moos hindurch, und die Äste hingen tief, schwer vom Schnee.
»Es ist schon spät. Wir reiten los.« Mit diesen Worten schwang der Prinz, der ihr gefolgt war, sich auf sein Pferd und sah sie abwartend an.
Sie verzog das Gesicht. Es würde ein unangenehmer Tag im Sattel werden. Doch sie hatte keine Wahl, also hievte sie sich mühsam und nicht annähernd so elegant, wie sie es gern gewollt hätte, auf Freyja. Ihr Bein pochte und sie hoffte, die Wunde war durch die Bewegung nicht wieder aufgebrochen.
Kaum dass sie saß, trabte der schwarze Hengst auch schon los.
Die Zähne fest zusammengebissen, trieb sie Freyja mit leichtem Schenkeldruck ebenfalls an.