Reiter der Apokalypse – Azrael
Es stank bestialisch in der flimmernden Hitze. Über den Leichen des Schlachtfelds kreisten die ersten Aasfresser. Einige kleinere Gefechte sorgten noch für eine Geräuschkulisse aus metallischem Klirren der aufeinandertreffenden Waffen, gebrüllten Befehlen und den Schreien der Getroffenen. Niall blickte über das Chaos. Die unzähligen, verstümmelten Toten, das Blut, verlorene Körperteile … und dazwischen Verletzte. Verletzte, die er bergen sollte. Musste. Es war seine Pflicht. Eine Pflicht, die ihm nun zur Last wurde.
Seine Augen tränten, als ein weiterer Windstoß den ekelerregenden Geruch von Tod und Fäulnis in seine Nase trug. Es war ein leises Geräusch inmitten einer Kakofonie des Krieges, das seine Aufmerksamkeit erregte.
Ein Wimmern. Voller Schmerz und Angst.
Niall sah sich suchend um, bis er vor Schreck erstarrte. Das Mädchen, das er dann unter einer Leiche hervorzog, konnte höchstens zehn Jahre alt sein. Es war kaum noch bei Bewusstsein, als er einen Teil seines Hemdes opferte und es ihr auf die klaffende Bauchwunde presste. Blut lief über seine Hände. Auch das Gesicht und die Haare des Kindes waren von dem flüssigen Rot verschmiert und verklebt. Es floss aus einer tieferen Schramme an ihrer Schläfe.
"Halte durch." Seine Stimme bebte. Er konzentrierte sich auf einen der schwierigsten Zauber. Einen, der helfen sollte, zu heilen, das junge Leben zu retten. Seine Hände wurden wärmer, glühten schließlich …
"Gib auf, junger Druide. Du kannst ihr nicht mehr helfen!" Die leise Stimme, die plötzlich hinter ihm erklang, ließ sein Blut gefrieren. Ohne den Zauber zu beenden, blickte er über seine Schulter. Eine schmale Gestalt, in Dunkelheit gehüllt, hielt eine Sense in ihrer linken Hand. Dunkles Holz mit einer hell glänzenden, langen Klinge, von deren Spitze etwas Blut tropfte.
"Ich überlasse sie dir nicht!", knurrte er.
"Niall …"
"Woher kennst du meinen Namen?" Seine Augen weiteten sich panisch, sein Atem ging schneller.
Ein leises Seufzen und eine kleine Bewegung mit ihrer freien Hand … Die Zeit stand still.
Niall konnte sich mit einem Mal nicht mehr bewegen. Er war eingefroren. Auch der Magiefluss zu seiner Patientin, den er aufrechterhalten hatte, versiegte. "Nein!", keuchte er. Seine Hände zitterten.
"Noch ist sie nicht tot. Es ist eine Pause. Eine kurze", sprach die Gestalt mit tonloser Stimme und Niall lief ein eisiger Schauer über den Rücken. "Ich kann dies nicht oft, also fühle dich geehrt, dass ich sie dir schenke, Heiler!"
Niall schluckte schwer. "Du … bist der Tod!"
"Ich habe viele Namen. Das ist einer davon." Der Tod trat näher und mit ihm kam Kälte, die über Niall einschlug. "Du bist neu dabei, also lass mich dir kurz erklären: Wenn ich komme, die Seele von jemandem zu holen, mache ich das nie ohne Grund!" Die Autorität in der Stimme ließ keinen Platz für Diskussion. "Wenn du es probierst, verschwendest du nur Zeit und Energie. Sowohl meine als auch deine, die du besser nutzen könntest."
"Aber sie ist doch nur ein kleines Kind!", flehte Niall um Gnade.
"Ein hübsches Mädchen, das dem Mann, unter dem du sie hervorgezogen hast, die Hauptschlagader im Bein durchtrennt hat."
Niall blickte zu dem kräftigen Mann, der reglos im Staub lag. "Ich würde ihr nicht helfen können?"
Er beobachtete, wie die Schattengestalt den Kopf wiegte und dann leise gestand: "Doch. Aber es hätte einen hohen Preis und du tätest ihr damit keinen Gefallen."
"Und du kannst das für sie entscheiden?"
Ein erneutes Seufzen. "Wir haben kaum noch Zeit … Ach, was soll’s", knurrte der Tod und beugte sich vor. Überraschend warme Finger einer schlanken Hand griffen nach Nialls Hand. Er wollte zurückweichen, doch er war noch immer unbeweglich in dem Zauber gefangen. Sein Blick fiel auf gepflegte Nägel und ein herzförmiges, kleines Muttermal auf dem Handrücken zwischen Daumen und Zeigefinger.
Als er den Blick hob, stockte ihm der Atem. Dutzende Schattengestalten bewegten sich fließend zwischen den Opfern der Schlacht und überall, wo sie wandelten, entstiegen blasse Schlieren den erkaltenden Leichen.
"Ja, mein Bruder war erneut sehr erfolgreich in seiner Aufgabe", flüsterte der Tod plötzlich dicht an seinem Ohr. "Ich wollte dir aber eigentlich zeigen, was passiert, wenn du das Mädchen rettest."
Eine lange, blonde Haarsträhne rutschte aus der schattenhaften Dunkelheit, als der Tod ihm auf einmal kalte Luft ins Gesicht blies. Niall, noch immer erstarrt, konnte lediglich blinzeln, als plötzlich flackernd Bilder in seinem Bewusstsein auftauchten.
Ein junges Dienstmädchen, das von einem älteren Herrn verprügelt wurde, sich unter den Schlägen krümmte. Abgemagert, mit Lumpen bekleidet. Fußtritte ließen sie stürzen. Haut platzte auf durch Peitschenhiebe. Vergewaltigung brachte Tränen. Ein abgetrennter Finger fiel in den Dreck.
Die Vision war nur kurz, doch Tränen liefen über Nialls Gesicht.
"Sie würde sich in fünf Jahren selbst das Leben nehmen. Löse deinen Zauber, Niall. Mit der gesparten Energie kannst du hier noch mehrere Verletzte retten." Der Tod löste die Hand von seiner und trat zurück. Auch die blonde Haarsträhne verschwand erneut im Schatten.
Plötzlich konnte Niall sich wieder bewegen, die glühenden Sonnenstrahlen trafen auf seine Haut und die ekelerregende, stickige Luft schlug über ihm zusammen. Schweren Herzens löste er seine Magie und das Leben spendende Band auf.
Der Tod senkte seine Sense und drückte die Spitze der Klinge schon beinahe sanft auf die Stirn des kleinen Mädchens. Ein leises Seufzen floss über ihre Lippen. Der letzte Atem strömte aus ihren Lungen.
"Ihre Seele wird bei uns Frieden finden. Erinnere dich daran, Niall, kein Tod ist grundlos!"