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J. Luhber

Zwischen den Schritten

Kapitel 1

»Nora!«

Kathis Kreischen lässt mein Trommelfell beinahe platzen. Sie rennt auf mich zu und fällt mir um den Hals. Ich suche nach Hilfe – und finde nur ihren Verlobten Mattis, der mich offensichtlich auslacht.

Ich bereue es jetzt schon, dass ich zugestimmt habe, ihre Trauzeugin zu sein. Und jetzt muss ich auch noch an diesem bescheuerten Tanzkurs teilnehmen.

»Ich halte meine Versprechen, auch wenn du mir dieses nur unter Alkoholeinfluss abringen konntest, Kathi«, grummel ich und befreie mich aus ihrem Klammergriff.

Kathi strahlt über das ganze Gesicht. »Komm, ich zeige dir alles. Dieses Sommerhaus ist wirklich mehr als großzügig.« Sie übergeht meine nicht unbedingt subtile Anklage einfach und zieht mich am Arm durch das Foyer der zugegebenermaßen beeindruckenden Villa.

Mattis zwinkert mir spöttisch zu – bis Kathi mir meinen Trolley aus der Hand nimmt und ihn zu ihm rüberrollt.

»Mach dich nützlich, Schnucki. Du weißt, Noras Zimmer ist ganz oben, damit sie zumindest hin und wieder in Ruhe lesen kann.«

Und so ganz nebenbei wird mir warm. So grauenhaft fröhlich Kathi immer ist, so achtsam ist sie auch, was die Bedürfnisse anderer angeht. Zumindest hin und wieder.

Sie zieht mich zu den Marmorstufen, die nach oben führen. Dann folgt eine zweite Treppe, die direkt unters Dach führt.

»Die anderen sind in der ersten Etage untergebracht. Du bist also hier oben ganz alleine«, flötet sie und öffnet eine der Türen.

Ein erstaunlich geräumiges Schlafzimmer in warmen Beige- und Brauntönen empfängt uns. Auf einem kleinen Beistelltisch stehen frische Sonnenblumen und daneben ein Lesesessel, der einladender auf mich wirkt als der ganze Rest von der Villa.

Mattis keucht, als er endlich mit meinem Koffer bei uns ankommt. »Himmel, Nora, was hast du eingepackt? Backsteine?«

Kathi antwortet kichernd: »Mehr Bücher als Kleidung, so wie ich sie kenne.«

Ich zucke mit den Schultern. Was soll ich auch für drei Tage alles mitnehmen?

Mattis stöhnt und wird kurzerhand von Kathi in die Seite geknufft. »Also gut, ich gehe dann wieder. Wir sehen uns gleich.«

Ich nicke ihm zu, dann schließt sich die Tür hinter ihm. »Wie lange habe ich Zeit?« Mehr muss ich nicht fragen, denn Kathi kennt mich gut genug.

Sie lächelt. »Dreißig Minuten. Es fehlt nur noch Mattis Trauzeuge. Wir treffen uns unten zum Brunch und danach wird getanzt.« Sie zieht einen zerknitterten Zettel aus ihrer Hosentasche. »Hier. Ich habe extra für dich einen Zeitplan gemacht.« Sie drückt mir das zerknüllte Papier in die Hand und hüpft schon fast aus dem Zimmer.

Ich will sie und ihre Fröhlichkeit hassen, aber ich kann es nicht. Schon gar nicht, als ich ihre unordentliche, mit Herzchen versehene Schrift entziffere. Sie hat mir sogar extra Lesezeit eingeplant. Ein winziges Lächeln schleicht sich auf meine Lippen.