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M. F. Hakket

Böses Wesen Gier

Prolog

Die Klimaanlage summte auf Hochtouren, trotzdem glänzten Schweißperlen auf der hohen Stirn von Bür­germeister Eberhard Willerbach. Mit einer fahrigen Be­wegung wischte er sie fort, bei diesen sommerlichen Temperaturen schwitzte er immer extrem und bekam schlecht Luft.
Er klappte den Laptop zu und schob ihn von sich.
Ihm war klar, dass er etwas mehr für seine Gesundheit tun sollte, mehr Sport, weniger fettes Essen und Alko­hol. Weniger Stress. Vor allem weniger Stress. Aber Poli­tik war sein Leben, seine Frau früh verstorben, die Kin­der außer Haus – es war bis auf seinen Arzt niemand mehr da, der ihm ins Gewissen reden konnte. Doch Ärzten konnte man nicht trauen. Die wollten nur Geld.
Er goss sich, statt der dritten oder vierten Tasse Kaf­fee, ein Glas Mineralwasser ein und blickte aus dem Fenster.
Bald würde im Flecken Coppenbroich, seiner Gemein­de, wieder gewählt werden, und seine Umfrageergebnis­se waren nicht besonders gut. Nein, das stimmte nicht, sie waren miserabel.
Knarzend protestierte der Stuhl, als er sich zurücklehn­te und wiederholt darüber nachdachte, was er in seiner Amtszeit eigentlich so furchtbar verkehrt gemacht hatte.
Ihm fiel nichts ein. Im Grunde hatte er den Istzustand nur verwaltet, niemandem ging es schlechter als vorher, und dass er keine Arbeitsplätze aus dem Hut zaubern konnte, war nicht ihm anzulasten. Kleine, dörfliche Ge­meinden waren für große Investoren einfach nicht inter­essant.
Willerbach nahm einen Schluck Wasser und rülpste verhalten.
Die Wähler waren schwierige Subjekte. Sie wünschten sich große, politische Veränderungen, die alles besser machen sollten. Besser bedeutete in der Regel: mehr Geld in der Brieftasche. Sie waren aber nicht in der Lage zu erklären, wie das denn nun genau zu bewerkstelligen sei, denn meist lehnten sie alles ab, was die ausgetrete­nen Pfade versuchte zu verlassen. Sie wollten lieber beim Bewährten bleiben. Aber besser sollte es halt sein.
Willerbach war den Gang des geringsten Widerstandes gegangen und beließ es, wie es war. Das war eigentlich der einzige Vorwurf, dem man ihm hätte machen kön­nen.
Doch nun sollte alles anders werden. Der Grundstein, den er für seine Wiederwahl brauchte, war gelegt wor­den.
Wenn er ganz ehrlich zu sich war, wusste er nicht, ob das, was er getan hatte, richtig oder vielleicht doch falsch gewesen war. Er schüttelte den Kopf, wischte den Ge­danken fort wie vorhin den Schweiß. Keine Zweifel ha­ben. Ein Politiker, der an seinen Entscheidungen zwei­felte, war ein Idiot.
Sollte alles so laufen, wie er es sich gedacht hatte, wür­de ihm niemand auf dieser Welt vorwerfen, dass er sprichwörtlich seine Seele dafür verkauft hatte. Es hätte eh niemanden interessiert, weil alle nur an sich selbst dachten. War das ein Vorwurf? Nicht doch, er verfuhr schließlich selbst so.
Und sollte es wider Erwarten anders ausgehen ... dann würde das ohnehin keine Rolle mehr spielen.
Ihm wurde schwindelig, eine Schweißperle rann an sei­ner Schläfe hinab. Verdammte Hitze.
War er wach oder torkelte er durch einen Albtraum?
Willerbach nahm sein Handy in die Hand und begut­achtete das Display. Irgendjemanden wollte er anrufen ... oder war er gerade angerufen worden? Sein Gesicht spiegelte sich dunkel in dem kleinen Bildschirm.
Bin ich ein Idiot?, fragte er sich und legte das Gerät auf den Tisch zurück, blickte zur weißen Decke hinauf.
Ihm war übel.