← Zurück zum Buch
Alexander Sandmann

Die Geschichte von K

Kapitel 1 - Das ist K

Er stand in Jays Luftschutzkeller. Ungefähr zwei Uhr früh in der längsten Nacht des Jahres 1999. Jays Band hatte ihren aus der Eigenperspektive wohl denkwürdigen Auftritt beendet. Statt Gitarren, Schlagzeug und Jays eigenwilligem Gesang dominierten jetzt dumpfe Bässe in doppelter Pulsgeschwindigkeit den Raum. Das Licht folgte den Bässen, tauchte den Raum im Sekundentakt in gleißende Helligkeit und absolute Dunkelheit.
Der Raum begann sich zu drehen. Nicht wirklich, natürlich. Er schloss kurz die Augen, öffnete sie wieder und sah auf das Vodkaglas in seiner rechten Hand, das immer wieder für Sekundenbruchteile zu verschwinden schien, nur um im nächsten Moment wieder aufzutauchen. Beinahe hämisch. Er öffnete die Hand und ließ es fallen, wodurch es lautlos am Betonboden zersprang. Zumindest war außer den Bässen kein Geräusch wahrzunehmen.
Die Lichteffekte änderten sich. Immer noch den Bässen folgend, doch die hellen Phasen wurden dunkler. Statt des grellen Weiß wurde der Raum nun in dunkle Blautöne getaucht. Ich muss mich unbedingt anlehnen, dachte er, ging zwei Schritte zurück und lehnte sich an die unverputzte Mauer aus Klinkerziegeln. Schloss abermals die Augen und öffnete sie erst nach ein paar Sekunden wieder. Besser. In dem großen Raum bewegten sich etwa fünfzig Menschen zur Musik. Tanzten, wenn man es so nennen wollte. Durch die Lichteffekte sah er sie wie in einem Film, dem jedes zweite Bild fehlte. In unwirklich erscheinenden Farben, nur dunkel, hell oder blau. Auch wenn er diese Art Musik nicht mochte, das hatte etwas. Musste er zugeben.
Sein Blick blieb an einem Detail hängen. An einer Person. Einer Frau. Er konnte sie durch die Menge hindurch wahrnehmen. Sie stand ruhig da, an der gegenüberliegenden Wand, vielleicht fünfzehn Meter von ihm entfernt. Aufrecht. Selbstbewusst. Unzweifelhaft sah sie ihn an. Direkt, zielgerichtet, nicht nur aus Zufall. Ihre dunklen, großen Augen schienen in jedem blauen Lichteffekt zu blitzen. Er konnte nicht genau sagen warum, doch kam sie ihm mehr wie eine Erscheinung vor als eine reale Person. Beinahe unwirklich attraktiv. Etwa in seinem Alter, vielleicht etwas kleiner als er. Dunkle, lange Haare, deren Farbe in diesem Licht nicht genauer erkennbar war. Aber vor allem diese großen, dunklen Augen. Die ihn immer noch ansahen.
Der Schwindel kam wieder. Er lehnte sich nochmals an die Wand. Holte tief Luft, sah zur Decke und zählte langsam bis drei. Sie war weg. Wirklich eine Erscheinung, dachte er. Eine Vision. Er schloss die Augen. Du drehst gerade durch, sagte er zu sich. Es gibt keine Erscheinungen. Du bist nur dabei, den Verstand zu verlieren. Es war einfach zu heiß hier, in diesem Raum unter der Erde. Zu laut. Die Luft zu schlecht. Er zu betrunken. Er atmete nochmals tief durch und zwang seine Gedanken an einen anderen Ort. In eine andere Zeit. Ein paar Stunden zurück. Es war wieder Nachmittag. Er war in Jays Küche.
*
Jay wohnte in den engen Straßen rund um den Dom, wo alte, ehemals noble Bürgerhäuser Mauer an Mauer mit Neubauten standen, die an den gestalterischen Fähigkeiten ihrer Architekten zweifeln ließen. Jays Wohnung lag im zweiten Stock eines ansonsten leerstehenden, alten Hauses, über ihm nur mehr der Dachboden, auf dem sich auch sein Atelier befand. Alles in dem Haus hatte riesige Ausmaße, zumindest im Vergleich zu der schlichten Einzimmerwohnung an der vierspurigen Straße, die er selbst seit kurzem bewohnte. Seine Wohnung war allerdings auch nur ein Ort, um einen Körper über Nacht zu parken. Jays Wohnung war ein Ort, an dem gelebt wurde, das war sofort zu spüren.
Sie waren ein ungleiches Duo, Jay und er. Jay, der eigentlich Josef Anton Yakobus hieß, war ihm in den paar Monaten, die er ihn kannte, wie ein Bruder geworden. Emotional, natürlich. Eine Laune, ein purer Zufall, wenn man so wollte, hatte sie erst im vergangenen März zueinander geführt und förmlich aneinandergeschweißt. Zumindest würde er es so ausdrücken, weil damit auch alles gesagt war, Jay würde wohl ein paar Worte mehr dafür benötigen. Für echte Brüder hätte sie allerdings niemand gehalten. Jay war der Künstler, der nicht wie ein Künstler aussah. Den man nicht mehr vergaß, sobald man ihn einmal gesehen hatte. Ein breites Gesicht mit tiefen Augenhöhlen, darin kleine, leicht trübe blaue Augen, die Glatze stets glattrasiert, zu viele Muskeln über einem Bierbauch und jahraus, jahrein dieselben ausgewaschenen Jeans und dasselbe weiße Langarmshirt. Knapp unter dreißig. Sah eher nach dem Schurken als nach dem Helden eines drittklassigen Actionfilms aus. Und er selbst? Weit weniger einprägsam. Zehn Jahre jünger. Mit seinen braunen Locken, dem Dreitagebart und seiner unauffälligen Statur hielt er sich für ziemlich durchschnittlich. Vielleicht auch leicht darüber. Immerhin schienen manche seiner weiblichen Mitmenschen eine Spur länger als unbedingt nötig an seinen braunen Augen oder seinem Grübchen am Kinn hängen zu bleiben. Was nun aber wirklich gleichgültig war.
„Die beste Party der Stadt, soso“, hatte er gesagt, an diesem Nachmittag, auf der Eckbank in Jays Küche lümmelnd. Die Küche sah für die Küche eines Künstlers erstaunlich bieder aus, wenn auch deutlich zu abgenutzt, um noch wirklich als bieder durchzugehen. Beige Kästen mit brauner Holzumrahmung, gegenüber ein großer, beinahe quadratischer Esstisch und die Eckbank, auf der er lag, gepolstert mit einem unwahrscheinlich geschmacklosen Blümchenmuster. Das einzig Künstlerische in dem Raum war der große, stets gut gefüllte Aschenbecher mitten am Tisch, der weiß Gott was darstellen sollte.
„Nicht mehr und nicht weniger.“ Jay brummte die Antwort, ohne aufzusehen. Aus unerfindlichen Gründen spülte er Gläser mit der Hand ab. Der Geschirrspüler war leer und funktionstüchtig, es erschien wie ein seltsames Ritual, um sich einzustimmen. Worauf auch immer.
„Keine gute. Die beste. Natürlich.“
„Ganz genau.“ Jay spülte weiter.
„Der ganzen Stadt?“
Jay stellte das Glas ins Abtropfgitter und drehte sich um, die Hände voller Schaum. Er sah ihn an wie jemanden, der an einer sehr einfachen Rechnung scheiterte. „Des relevanten Teils der Stadt. Und nachdem sich der irrelevante Teil rein definitionsgemäß nicht besser feiert als der relevante: ja. Der ganzen Stadt.“ Er schüttelte den Schaum von den Händen, zog einen Sessel vom Tisch, setzte sich verkehrt darauf, die Brust an der Lehne, die unter seinem Gewicht knackte, und zündete eine Zigarette an. Jay brauchte zum Reden eine Zigarette wie andere Leute ihre Hände.
„Neunundneunzig Gäste“, sagte er. „Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.“
„Warum ausgerechnet neunundneunzig?“
„Weil wir neunzehnhundertneunundneunzig haben.“
„Und nächstes Jahr sind es dann null?“
„Es gibt kein nächstes Jahr.“
Da war es wieder. Jay hatte den Untergangsmythos in letzter Zeit eindeutig zu oft bemüht, Millennium-Problem hin oder her. Er schien beinahe darauf hinzufiebern. Obwohl, in Wahrheit konnte nicht einmal Jay daran glauben, dass ein simples Softwareproblem die Welt in nicht einmal zwei Wochen über den Abgrund stürzen würde. Vermutlich war es ganz einfach eine künstlerische Marotte. Eine Gelegenheit, ein Grund, das Ende zu zelebrieren und sich somit selbst als Teil des finalen Kapitels zu inszenieren. „Und wir feiern also den Weltuntergang?“, fragte er trotzdem. Er hätte es auf sich beruhen lassen können. Oder sollen.
„Die Welt ist ein Ozeanriese.“ Jay sagte es, wie man sagt, dass es draußen regnet. „Sie fährt. Langsam, aber stur. Und irgendwo da vorne ist der Eisberg. Sehen kann man ihn noch nicht. Aber spüren.“ Er zog an der Zigarette und ließ sich Zeit. „Also. Kabine oder Deck?“
„Bitte?“
„Du stehst natürlich an Deck“, fuhr Jay mit geschlossenen Augen und erhobenen Armen fort, was der Szene einen weiteren Hauch unglaubwürdiger Dramatik verlieh. „Du kannst den Eisberg zwar noch nicht sehen, ihn aber bereits fühlen. Spüren, dass er da ist.“ Er öffnete die Augen und sah Alex direkt an.
„Und ich frage dich: Wirst du dich feige in die Enge der Rettungsboote flüchten? Oder“, und er unterstrich die Frage mit Gestik, einer kurzen Kunstpause und, unvermeidbar, einer Wiederholung, „Oder wirst du, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, mit einem gut gefüllten Glas in der Hand unter den Sternen stehen? Und den Kopf nach oben heben, um ein letztes Mal die unendliche Freiheit zu fühlen?“
Alex war genervt. Pseudointellektuelle Künstlerscheiße. Er gab sich gleichgültig, musste aber zugeben, dass das Bild etwas hatte. Jays Geschichten hatten immer etwas. Faszinierten. Fesselten. Obwohl sie, nüchtern betrachtet, komplett daneben waren.
„Naja. Scheiße. Aber immerhin. Ein volles Glas, und du neben mir.“
„Nein. Ich bin nicht neben dir. Ich bin die Band in der Bar.“ Jay drückte die Zigarette aus, obwohl sie erst halb geraucht war, und genoss sichtlich den Moment. „Und ich spiele, bis alles geflutet und in die eiskalte Tiefe gerissen wird.“
„Und jetzt?“, fragte Alex nüchtern.
„Jetzt?“ Jay sah ihn an. „Wie ich es dir gesagt habe. Wenn du so fühlst wie ich, dann kannst du nicht anders, als noch einmal die beste Party der Stadt zu feiern.“
„Heute ist Dienstag“, sagte Alex. „In der ganzen Geschichte dieser Stadt hat es noch keine einzige gute Party an einem Dienstag gegeben.“
„Heute ist der 21. Dezember.“ Jay stand auf, und der Sessel knackte noch einmal, diesmal erleichtert. „Wintersonnenwende. Die längste Nacht des Jahres. Vielleicht des letzten. Komm. Ich zeig dir, was ich vorhabe.“
*
Alex öffnete die Augen und kehrte in die Gegenwart zurück. Bässe und Lichteffekte waren unverändert. Auch unverändert dominant. Er befand sich in dem großen Raum, den Jay die ‚Bühne‘ nannte. In dem dieser zunächst mit seiner Band eigenwillige Thrash-Metal-Covers abgeliefert hatte und durch den jetzt diese – er zögerte – Musik schallte. Der frisch renovierte Luftschutzkeller unter Jays Innenhof war der perfekte Ort dafür, keine Frage. Er schien vor über fünfzig Jahren den alliierten Bomben getrotzt zu haben und danach vergessen worden zu sein, bis Jay ihn wiederentdeckt und für seine Zwecke adaptiert hatte. Er würde auch diese Party noch überstehen. Dicke Betondecken, einige Meter unter der Erde. Über ihnen schliefen die braven Bürger der Stadt, ohne hiervon etwas mitzubekommen, und hier herunten bekamen sie nichts vom Rest der Welt mit. Es gab nicht einmal Handyempfang. Und das war gut, fand er. Niemand hier herunten wartete darauf, dass ein elektronisches Geräusch ihm mitteilte, was gerade an einem anderen, eigentlich unbedeutenden Ort geschah. Niemand musste irgendwo anders sein. Vielleicht war das das Beste an Jays neuester Schöpfung. Eine abgeschottete Blase, wie eine eigene Insel.
Neben der Bühne hatte Jay noch zwei weitere Räume hergerichtet, den ‚Salon‘ als gemütlichen Raum für Gespräche. Und die Bar, edel und abgefuckt zugleich, der perfekte Ort, um sich auf das richtige Level zu bringen. Wie auch immer dieses Level aussah.
Er schüttelte die Gedanken ab und blinzelte nochmal. Der Schwindel war weg. Nichts wie raus hier. Er stieß sich von der Mauer ab und ging einen Schritt nach vorne, schon im Begriff, seine Entscheidung umzusetzen. Dann blieb er doch stehen. Er sah sie wieder. Sie war noch da. Erschien ihm immer noch unwirklich, doch sie war real, wie er nun zu erkennen glaubte. Sie kam näher. Ging auf ihn zu. Ein nur als selbstsicher zu beschreibender Gang. Das helle Trägershirt, die dunkle Jeans, dazu High Heels, deren Farbe er in diesem Licht nur erraten konnte. Auf einem Betonboden voller Glassplitter. Sie blieb eine halbe Armlänge vor ihm stehen. Sah ihn herausfordernd an. Die dunklen Haare fielen über ihre linke Schulter nach vorne und verdeckten den Träger ihres Shirts.
Sie legte die Hände in seinen Nacken, als wäre es ihr Recht. Sah ihm tief in die Augen. Ließ mit einem einzigen, langen Blick seine Welt verstummen. Nichts mehr existierte. Nur mehr diese großen, dunklen Augen. Ihre rechte Hand wanderte nach unten, auf Brusthöhe. Ihre Linke folgte. Ein weiterer Blitz, dann krallte sie beide Hände in sein Shirt. Schubste ihn mit mehr Kraft, als er es erwartet hätte, den fehlenden Meter zurück, sodass er gegen die Wand knallte. Schmiss sich an ihn und drückte ihn endgültig dagegen. Er konnte ihren gesamten Körper spüren. Die Welt blieb stumm. Vermutlich auch stehen. Sie vergrub ihre Hände in seinen Haaren und küsste ihn leidenschaftlich. Fuhr mit der linken Hand hinab, unter sein Shirt. Erst über seinen Bauch nach oben, dann langsam, seitlich an ihm entlang hinab, bis zum Ansatz seiner Hüfte.
Stoppte. Löste sich von ihm und machte einen halben Schritt zurück. Sie lächelte ihn an. Schüttelte leicht den Kopf, immer noch lächelnd. Nahm die Augen nicht von ihm und ließ sie noch einmal blitzen. Drehte sich um und verschwand in der Nacht.
Er stand noch eine für ihn undefinierbare Zeitspanne da. Irgendjemand hatte die Welt wieder auf laut geschaltet. Nicht plötzlich, eher wie langsam am Regler gedreht. Er versuchte, zu realisieren, ob dies gerade wirklich geschehen war. Nahm dann wahr, dass sich Jay neben ihm befand und halb gelangweilt, halb belustigt an der Wand lehnte. Er schien alles mitbekommen zu haben. Jetzt so zu tun, als ob ihn das nicht wirklich berührt hatte, würde scheitern, das war klar. „Wer ist das?“, schrie Alex also in seine Richtung, gegen den Lärm an.
Die Beats setzten aus. Für einige Sekunden war es still in dem großen Raum. So still, wie es nur in einem Raum voller Menschen sein konnte. Wie um Jay eine Antwort zu ermöglichen.
„Das“, sagte dieser ganz ruhig und lächelte spöttisch, „das ist K.“