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Beatrice Sonntag

Amoklauf für Profis

Kapitel 1

Hanno setzte den Blinker und fuhr von der Autobahn ab. Nach so vielen Jahren, in denen er kein Auto besessen hatte, war er erstaunt darüber, wie schnell er sich wieder daran gewöhnt hatte, von einem Gang in den anderen zu schalten und die Spur zu wechseln. Er mochte seinen neu erworbenen Seat, der gerade mal sechs Jahre alt war und noch gut in Schuss. Halbautomatik mit Tempomat. Was das war, hatte der Autoverkäufer ihm mit einem herablassenden Lächeln erklärt. Tolle Sache. Die Landstraße schlängelte sich durch malerische grüne Landschaften. Die Eifel war einfach schön. Das Kaff, in dem er aufgewachsen war, lag am Allerwertesten der Welt, aber immerhin in malerischer Landschaft und in friedlicher Ruhe. Selbst Gregor Gysi, der auf dem Rücksitz zusammengerollt schlief, schien die Autofahrt zu genießen.
Vierzig Minuten später rollte der Seat in die Einfahrt des Hauses, das einst sein Zuhause gewesen war und nun wieder sein Zuhause werden sollte. Homeoffice sei Dank würde er seine Arbeit problemlos von hier aus erledigen können. Er seufzte, als er den Motor abstellte. Der Chihuahua hob neugierig den Kopf. Er würde sich schnell an die neue Umgebung mit so vielen neuen Gerüchen gewöhnen.
Hannos Blick glitt an der Fassade aufwärts. Es war nicht das schönste Haus der Welt. Aber wieso sein Bruder es in mittlerweile acht Monaten nicht geschafft hatte, es zu verkaufen, war ihm ein Rätsel. Ruhig am Ortsrand gelegen, 130 Quadratmeter mit Garage, Terrasse und Garten. Solide Bausubstanz aus den 70er Jahren, liebevoll von seinen Eltern in Schuss gehalten. Auch der Preis war nicht überzogen.
Hanno hievte einen der vier Koffer aus dem Wagen und schleppte ihn die sieben Treppenstufen hinauf, die einer der Gründe dafür gewesen waren, dass seine Eltern in das ebenerdige Seniorenwohnhaus gezogen waren, wo sie umgeben von anderen alten Leuten dienstags abends Bingo spielten und dreimal in der Woche mit dem Shuttlebus ins Einkaufszentrum fuhren.
Letztendlich war es eine glückliche Fügung. Hannos Familie besaß ein unverkaufbares Haus und Hanno geriet unverhofft in Wohnungsnot, nachdem seine Frau Ingrid im Rahmen ihrer Midlife Crisis eine Selbstfindungsreise nach Aserbaidschan gebucht hatte und zwar mit ihrem 20 Jahre jüngeren und sexuell ebenso aufgeschlossenen wie orientierungslosen neuen Freund.
Hanno musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er während 28 Ehejahren nie den Vorschlag gemacht hatte, eine Reise nach Aserbaidschan zu unternehmen, um dort den Wurzeln des Zoroastrismus auf den Grund zu gehen. Ähnlich verhielt es sich mit dem Vorwurf, dass er weder sexuell aufgeschlossen noch orientierungslos war. Alle weiteren Vorwürfe hatte er sich nicht anhören wollen und war in dem Bestreben, endlich seine Ruhe zu haben, aus der gemeinsamen Wohnung in Friedrichshain ausgezogen. Das, was ihn an dieser unerwarteten Trennung am meisten schmerzte, war die Tatsache, dass er mehr Erleichterung spürte als Traurigkeit oder Trennungsschmerz. Warum war er nicht vor ein paar Jahren bereits auf die Idee gekommen, im Rahmen seiner eigenen Midlife Crisis Ingrid gegen ein jüngeres, sexuell aufgeschlossenes Modell einzutauschen?
Gut. Die Antwort auf diese Frage war einfach: Das wäre ihm viel zu anstrengend gewesen. Das, was er in den letzten Jahren an seiner Beziehung mit Ingrid noch wirklich geschätzt hatte, waren neben den gemeinsamen Ausflügen ins Gartencenter und den Bemühungen, in den vier Beeten auf dem winzigen Balkon etwas Essbares zu ziehen, die friedliche Beständigkeit, Höflichkeit und die Tatsache, dass sie sich einfach aneinander gewöhnt hatten. Interessanterweise waren genau das auch die Gründe dafür, dass Ingrid es nicht mehr ausgehalten hatte. Im Nachhinein waren sie also doch unterschiedlicher, als Hanno es vermutet hatte.
Nun stand er fern von Friedrichshain, fern vom Gartencenter, fern von Aserbaidschan und fern von Ingrid und ihrem orientierungslosen Liebhaber vor einer stabilen Haustür und schob den Schlüssel ins Schloss. Immerhin hatte er das Sorgerecht für Gregor Gysi erhalten. Nachdem Ingrid herausgefunden hatte, wie viele bürokratische Hürden das Mitführen eines Haustieres auf eine Aserbaidschanreise mit sich brachte, hatte sie den Kampf schnell aufgegeben. Home sweet home, dachte er, als er die Tür aufstieß und den Koffer die letzte Stufe hinauf bugsierte.
Der Geruch, der ihm entgegen schlug, war schwach, weckte aber sofort Erinnerungen. Unglaublich. Seine Eltern waren bereits vor acht Monaten ausgezogen und trotzdem roch es hier wie Zuhause. Für einen kurzen Moment war er wieder fünf Jahre alt und half seiner Mutter dabei, Weihnachtsplätzchen zu backen. Er war zwölf und brütete in der Küche über seinen Mathehausaufgaben, während sein Vater zum vierzigsten Mal die Kaffeemaschine reparierte, weil er unter keinen Umständen eine neue kaufen wollte. Er war sechzehn und schlich sich nach Mitternacht am Elternschlafzimmer vorbei, in der Hoffnung, dass niemand merkte, dass er Bier getrunken hatte. Er war zwanzig und baute mit seinem Vater im Keller den Partyraum um, sodass er diesen als seine kleine abgetrennte Wohnung nutzen konnte, während er studierte.
Er hatte hier so viele Jahre verbracht und war meistens glücklich gewesen. Zu den tausend Erinnerungen mischten sich fremde Aspekte in dem großen Haus. Seine Eltern hatten in den 30 Jahren seit seinem Auszug zweimal renoviert. Die neue Küche kannte er nur als Besucher, nicht als Bewohner. Und er war nicht oft in der Eifel gewesen. Berlin war so weit weg und die Tatsache, dass sich sein Bruder, der in der Nähe lebte, um fast alle elterlichen Angelegenheiten hatte kümmern können, hatte ihm den Luxus verschafft, sein Leben in Berlin zu leben und sich nur an Weihnachten mal blicken zu lassen.

Hanno schaltete das Licht in der Diele ein und blickte sich um. Es gab viel Platz für die Gestaltung seines neuen Lebensabschnitts. Der große Garten war eine immense Verbesserung, verglichen mit den vier Etagenbeeten auf dem Berliner Balkon.
Außerdem verlangten seine Eltern eine im Vergleich zu Berlin geradezu lächerlich geringe Miete.
Hanno atmete tief ein, sog den Geruch seiner neuen Freiheit ein und sprach sich Mut zu. Er würde sich hier wohlfühlen, beschloss er.
Gregor Gysi bellte wie zur Bestätigung.