Wie früher, nur ganz anders
Es klingelt.
Eilig stehe ich auf und streiche meine Haare zurück. Ein bisschen Ordnung muss schon sein. Mein Blick schweift einmal durch meine Wohnküche. Ist alles an seinem Platz? Ordentlich genug? Rasch richte ich noch ein Sofakissen und eile dann in den Flur zur Tür, um den Türöffner zu drücken. Eine Minute habe ich noch, bis der Fahrstuhl ankommt. Zwei Minuten, wenn er noch in den oberen Stockwerken ist. Ein Blick in den Flurspiegel verrät mir, dass der Versuch, meine Haare zu bändigen, mal wieder gescheitert ist. In der Hoffnung, wenigstens ein bisschen was zu retten, ziehe ich mir das schwarze Band-Shirt glatt.
Ein Pochen an der Wohnungstür. Energisch. Laut. Ich öffne – und werde angesprungen. Arme schlingen sich um meinen Nacken, schlanke Beine umklammern meine Hüften und ein wilder Schopf aus braunen Haaren kitzelt mir im Gesicht. »Hey, Zoey, hast du mich etwa vermisst?«, grinse ich und erwidere ihre Umarmung ebenso fest. Der Geruch ihres Shampoos bleibt in meiner Nase hängen. Grapefruit.
»Was denkst du denn? Wie lange haben wir uns jetzt nicht gesehen? Zwei Jahre?«, fragt sie und drückt sich etwas von mir weg. Ihre braunen Augen funkeln, doch ich sehe auch den kleinen Schatten in ihnen, den sie mit ihrer guten Laune überspielt.
»Anderthalb. Ich habe dich in Tokio besucht, schon vergessen?«, antworte ich auf ihre rhetorische Frage und verschweige, dass ich ihr sogar die Anzahl der Tage nennen könnte. Die habe ich heute früh nämlich noch ausgerechnet. Voll das Klischee, aber ich war unglaublich nervös und neben der lauten Musik und dem Putzen meiner Wohnung musste ich mir doch einiges ausdenken, um nicht durchzudrehen.
Zoey kichert und lässt mich los. Widerstrebend löse auch ich meinen Griff, damit sie mich mit etwas Abstand ausgiebig betrachten kann.
»Du hast tatsächlich noch Tickets für das Festival bekommen, Arne?« Sie tippt mit einem Finger auf das Logo meines Shirts.
»Du offenbar nicht? Ich war fast jedes Jahr da, seit wir es zur Tradition gemacht haben.«
Zoey verzieht ihr Gesicht. »Und ich habe die Tradition gebrochen«, seufzt sie, nimmt ihr Handgepäck vom Hausflur und geht weiter in meinen Flur, damit ich die Tür schließen kann. Sie streift sich ihre Boots von den Füßen und kickt sie einfach zur Seite. Unordentlich wie immer. »Warum ist es bei dir nur fast jedes Jahr gewesen?«, erkundigt sie sich und mustert die spartanische Garderobe meines kleinen Flures. Ihr Blick bleibt bei dem einzigen Bild hängen, das an der Wand hängt. Ein Foto von uns beiden auf unserem ersten Festival. Schlammbespritzt und lachend, sitzt sie huckepack auf meinem Rücken, während ich sie über meine Schulter hinweg angrinse.
»Ich war zu dem Zeitpunkt im Krankenhaus. Du weißt schon, die Lungenentzündung.« Ich deute auf die drei Zimmertüren. »Bad, Schlafzimmer, Wohnküche. Fühl dich wie zuhause, Zoey.«
»Ach ja. Was ein Scheiß. Davon hattest du mir geschrieben. Ich war … schon in Japan, oder?« Sie streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn und sieht mich wieder an.
Ich reibe mir mit einer Hand den Nacken. »Jup. Komm, wir gehen ins Wohnzimmer. Willst du etwas trinken?«
Zoey deutet zwinkernd zum Badezimmer. »Ich komme gleich wieder. Hast du Cola oder Sprite?«
Jetzt hebe ich eine Augenbraue. »Was denkst du von mir? Tzz. Als wüsste ich nicht, wen ich heute zu Gast habe.« Kopfschüttelnd wende ich mich ab und stapfe gespielt beleidigt ins Wohnzimmer.
»Cola!«, ruft Zoey mir lachend hinterher.