Rinas Flucht – Masons Jagd
Ich wusste vorher, dass ich bei Neumond besser zu Hause hätte bleiben sollen und doch hat es mich hinaus in den Wald gezogen. Mein zweites Ich hat mir kaum eine Wahl gelassen. Zumindest bin ich jetzt in einem sehr abgelegenen Teil, am Ende einer Schlucht – und hoffentlich sicher. Hier plätschert ein kleiner Wasserfall den dunklen Felsen hinab und sammelt sich in einem natürlichen Becken, bevor das Wasser als Bach weiter ins Tal fließt.
Meine Pfoten berühren das kühle Nass, als ich etwas von dem klaren Wasser auflecke. Meine Ohren zucken und ich vernehme ein entferntes Heulen. Mehrstimmig. Damit hat die Neumondjagd begonnen. Mal wieder. Jeden Monat suchen sie nach Schicksalsgefährten – oder Opfern. Mein Schwanz bewegt sich unruhig hin und her. Ich sollte schleunigst Beute aufspüren, erlegen und heimkehren. Ab morgen wird alles anders. Dann werde ich fliehen.
Beinahe lautlos schleiche ich los. Meine sensible Nase nimmt alle Gerüche auf und filtert sorgfältig aus, was nicht essbar ist. Meine Tasthaare zittern, als ich noch ein weiteres Mal tief Luft hole und dann der frischen Spur einer Maus folge. Sie kann noch nicht weit sein. Als ich sie erspähe, spannt sich mein ganzer Körper an. Einem Impuls folgend, springe ich los, katapultiere meinen zierlichen Körper in die Luft – und packe das kleine Mäuschen noch bevor ich richtig gelandet bin.
Warmes Blut rinnt über meine Zunge und hinterlässt dort den Geschmack nach Eisen. Kleine Knochen knirschen und knacken unter meinen Zähnen – bis ich schlucke und mich auf die Suche nach mehr mache.
Nach drei Mäusen und ein paar ausgebuddelten Wurzeln kehre ich zu dem Wasserbecken zurück. Ich schließe meine Augen und erlaube mir, meine menschliche Gestalt anzunehmen. Meine Reißzähne ziehen sich zurück, Knochen verändern ihre Form und ich stöhne leise, bevor ich meinen Kopf hebe und mir eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht streiche. Dann knie ich mich an das Ufer und wasche mir Erde von den Händen und Blut aus dem Gesicht. Es wird Zeit, dass ich nach Hause zurückkehre. Auch wenn die Neumondjagd auf der anderen Seite des Waldes stattfindet, bleibt das Risiko, entdeckt zu werden – und steigt mit jeder Minute, die ich hier bleibe und meinen Geruch verbreite.
Ich will gerade aufstehen, als mein Instinkt Alarm schlägt. Die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf und ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden.
Ohne meine Kauerstellung aufzugeben, drehe ich ganz leicht meinen Kopf, blicke durch meine langen Haarsträhnen zum Eingang der Schlucht und erstarre. Erst sehe ich lediglich das unheilvolle Glänzen von einem Paar Augen, das mich fixiert. Dann – ganz langsam, als hätte er alle Zeit der Welt – schreitet ein Wolf aus den Schatten der Büsche und Felsen.
Mein Atem stockt. Ich fühle mein Herz, das heftig pocht und meinen Puls rasen lässt.
Er ist groß. Größer als ich oder auch die Wölfe, die hier im Revier leben. Sein Fell ist dunkel, aber in der düsteren Neumondnacht kann ich seine eigentliche Fellfarbe nicht erkennen. Schritt für Schritt kommt er auf mich zu, selbstsicher, weil ich in der Falle sitze.
Meine Fäuste sind geballt, während ich fieberhaft nachdenke, wie ich dieser Situation entfliehen könnte. Ich will keine Beute eines männlichen Wolfes werden – und erst recht keine Gefährtenbindung. Nicht hier. Nicht jetzt.
Ich will weglaufen, rennen, aber so drängend der Gedanke an Flucht auch ist, ich weiß, dass ich damit zur ultimativen Beute dieses Wolfes werden würde. Andererseits ist Bleiben auch keine Alternative.
Ein leises Grollen erklingt hinter mir. Zu nah für meinen Geschmack. Viel zu nah. Es ist in keiner Weise bedrohlich gemeint, doch für mich ist dieses Geräusch eines der schlimmsten, die ich in den letzten Tagen gehört habe. Meine Kiefer pressen so stark aufeinander, dass ich Angst habe, er könnte meine Zähne knirschen hören.
Dann steht er hinter mir. Sein Atem streift die nackte Haut meines Rückens. Ein Schauer durchläuft mich. Er strömt einen fast schon betörenden Geruch aus. Nach Moos und einem kurzen Frühlingsregen. Ich schließe überwältigt meine Augen. Das darf jetzt nicht sein. Gedanklich flehe ich alle Mächte des Kosmos an, dass ich davonkomme. »B… bitte … n… nicht«, flüstere ich mit einem fast schon panischen Zittern in der Stimme. Ich weiß, dass die Wölfe aus dem hiesigen Rudel sich in meiner Angst geweidet hätten, doch ich sehe keine andere Möglichkeit.
Meine erweiterten Sinne nehmen seine Anspannung hinter mir wahr. Dann flimmert die Luft, als der Wolf seine Gestalt wechselt.
Finger berühren meinen Rücken. Reflexartig ziehe ich meine Schultern hoch, spanne sämtliche Muskeln an. Ich wage es nicht, mich zu dem nackten Mann umzudrehen, dessen Körperwärme auf meine Haut strahlt.
»Du weißt, dass ich dich nicht gehen lassen kann«, raunt er in mein Ohr.