Zwischen den Fronten
Das Fahrrad
Oktober 2024 in einer deutschen Großstadt.
[...]
Und plötzlich stand er da. Der mit dem verwüsteten Auge.
Jakob stolperte fluchend zurück, worauf Anton den Kopf hob.
Der Blonde, der sich wie ein Schatten angeschlichen hatte, war mindestens drei Jahre älter als sie. Sein Blick ließ Antons Magen gefrieren – stechendes Grau aus dem rechten Auge, milchiges Weiß aus dem linken. Die Pupille war mit nebelartiger Farbe gefüllt, wie ein altes Fenster, durch das kein Licht drang. Rundherum erstreckten sich wellige Linien und Krater, zentimeterdickes Narbengewebe. Der Augapfel stierte überall und nirgendwo hin, ihnen ins Gesicht, gleichzeitig auf ihre Füße. Die rechte Seite war unversehrt, kantig, der Mund verkniffen.
Antons Füße wühlten sich in den zentimeterhohen Schotterboden, unfähig, zwischen Angriff und Flucht zu entscheiden. Der Bolzenschneider war ihm vor Schreck aus den Fingern gerutscht und lag nun auf Armlänge hinter ihm im Kies.
Der Typ warf seinen Kopf in den Nacken und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was – soll – das?« Er sprach mit weicher Stimme, die nicht zu seiner Optik passte, langsam, als hinderte ihn das Gewicht seiner Zunge, saubere Worte zu formen. Langes A, breites L. Sein Akzent klang russisch, und Anton war Halbrusse. Vielleicht ließ er sich damit besänftigen.
Anton hob die Handflächen. »Hör mal, Bratán, ich …« Die Faust des Unbekannten rammte sich von unten gegen sein Kinn. Er saß auf dem Hintern, ehe er begriff, was passiert war.