Blinde Arroganz
Selbst mit einem Auge war die Helligkeit in diesem Raum kaum zu ertragen. Von irgendwoher fiel grelles Tageslicht ins Zimmer und blendete Joschs einäugigen Blick auf eine weiß gestrichene Backsteinwand. Er lag auf einem Bett in einem Raum. Davor erkannte er die Umrisse eines Waschbeckens und ein Klosett, dem scheinbar der Deckel fehlte.
Sein Versuch, das zweite Auge zu öffnen, gelang, obwohl es nur widerwillig den Befehlen des Verstandes folgte. Als er seinen Kopf hob, trampelte eine Horde stampfender Schmerzen durch sein Hirn. Das wilde Gedröhne schien an der Schädeldecke lautlos zu explodieren.
Kurz wandte er sich zur Seite, worauf die vier kargen Wände sich zu drehen begannen. Ein heftiges Schwindelgefühl zwang ihn, sich wieder auf das Kissen zurückzulegen. Zwei Dinge standen jedoch für ihn fest. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo er war, und noch weniger wusste er, wie er hierhergekommen war.
Mit geschlossenen Augen tastete er mit den Händen an sich entlang. Er spürte die Weste und das Hemd darunter. Zum Glück trug er seine Hose und der Stoff des Sakkos schien ebenfalls unbeschadet zu sein. Für die Prüfung seiner Füße war er nicht gewillt, nochmals den Kopf zu heben, also schlug er sie zusammen. Die Schuhe gaben ein leises Klackgeräusch von sich. Allem Anschein nach trug Josch seine eigenen Kleider, was ihn für den Moment beruhigte, denn eine ungepflegte Erscheinung war ihm zuwider.
Als Nächstes griff er in die linke Jackentasche. Sein Geldbeutel war nicht da. Dies war zwar unschön, jedoch nicht weiter ein Problem. Geld hatte er selten im Portemonnaie und die Ausweise und Papiere waren ohne größeren Aufwand wieder zu beschaffen. Entweder langsamer auf legale Weise oder deutlich schneller auf illegalem Wege.
In der rechten Tasche fehlte sein Smartphone, was ihn tatsächlich mehr ärgerte. Zwar war auch das durchaus ersetzbar, aber es war ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit. Damit war nicht das Telefonieren gemeint. Dies tat er wie viele andere recht selten mit dem kleinen Hightech-Teil.
Was ihn wirklich aufbrachte, war die Leere der Westentasche. Darin trug er immer seine goldene Taschenuhr mit edel graviertem Aufklappdeckel, die zu jeder vollen Stunde einen herrlichen mechanischen Schlag erklingen ließ. Vor ein paar Jahren hatte er sich dieses edle Stück geleistet, als nach einem ertragreichen Auftrag sein Konto ausnahmsweise mal im Plus stand. Seit er dieses Schmuckstück besaß, genoss er die Blicke der Leute, wenn er die goldene Uhr herauszog und ihn jeder dabei mit leichter Verwunderung anschaute. Dass sie ihn in einer Zeit von Smartwatches und Smartphones für durchgeknallt und exzentrisch hielten, ignorierte er mit großer Selbstverständlichkeit als Ignoranz des gemeinen Volkes.
Die Bilanz seines Status fiel dazu im Vergleich eher bescheiden aus. Vollständig bekleidet, nachweislich völlig mittellos und um ein Stück Ehre bestohlen. Was war passiert? Obwohl sein Kopf komplexeres Denken kaum erlaubte, erinnerte sich Josch vage an eine Kneipe, wo er den Abend mit sogenannten Hackerfreunden verbracht hatte. Tobias Stiller, der sich selbst als König des Netzes bezeichnete, hatte eingeladen. Netking, wie er sich mit Nickname nannte, pflegte diese monatlichen Treffen, um die neuesten Technologien und Einsatzmöglichkeiten zu besprechen. Meist waren die Neuigkeiten eher gering und so pflegte jeder über seine selbstdargestellten Heldentaten zu erzählen. Nach dem Essen war der Abend wie gewohnt im Hochprozentigen versunken und in Joschs Verstand offenbarte sich nur noch ein schwarzes Loch.
Mit dieser Unwissenheit kam in ihm eine Befürchtung auf. Hatte er sich dummerweise an Josefine rangemacht, Netkings Freundin? Seit er sie kannte, neckten sie sich mit zweideutigen Andeutungen und sie zeigte sich immer etwas anzüglich mit ihrem tadellosen Körper. Zu mehr war es nie gekommen. Zumindest bisher. Der König des Netzes teilte vieles, aber nicht den Erfolg und die Frau an seiner Seite. Es kursierten Gerüchte, dass er dem letzten Grapscher, der es wagte, Josefine anzufassen, einen Finger als Erinnerung für seine Untat abgetrennt hatte. Der Gedanke an eine mögliche Verstümmelung legte sich als Angstkloß in Joschs Magen, der ohnehin schon rumorte.
Schnell hob er beide Hände in die Höhe und stellte mit großer Erleichterung fest, dass keiner seiner Finger fehlte. Nachdem auch dieser Zustand geklärt war, kam in ihm eine Unruhe auf. Er war nicht bereit, sich dem körperlichen Elend hinzugeben. Es widersprach seiner Natur, nutzlos und faul dazuliegen und auf Besseres zu hoffen. Mit seinen 47 Jahren fühlte er sich wie ein Greis, der es nur mit großer Mühe schaffte, die Füße vor das Bett zu stellen. Das Schwindelgefühl brachte ihn dabei fast an die Kotzgrenze. Er pausierte im Sitzen eine Weile, bevor er sich am Bettrand abstützte und sich in die Senkrechte brachte. Das Stehen war eine Herausforderung. Um ihn herum drehte sich das Weiße und er war sich nicht sicher, ob er oder die Erde schwankte. Nach Sekunden der Orientierung bemerkte er eine graue Stahltür. Mit kleinen Schritten, jeder schleppender als der andere, bugsierte er sich und seinen Körper zur Tür. Mit einem Ruck zog er an dem Griff. Sie war verschlossen. Josch war an diesem Ort gefangen, der nicht einmal zehn Quadratmeter groß war. Seine Übelkeit nahm zu. Derart heftig, dass er überlegte, sich in Richtung des Klosetts zu bewegen, doch dann atmete er mehrmals durch. Zumindest verebbte so der erste Drang, sich zu übergeben.
Mit beiden Händen stützte er sich an der verschlossenen Tür ab. Er raffte seine Kräfte zusammen und hämmerte mehrmals mit dumpfen Schlägen gegen das Eisen. Doch nichts passierte unmittelbar und so krächzte er mit beschlagener Stimme: »Ist da jemand? Ich will hier raus!«
Mehr schaffte er nicht, denn es folgte ein kratzender Hustenanfall, der erst einmal kein weiteres Wort zuließ. Sein Körper schwächelte und die Knie gaben nach. Erschöpft sackte er in sich zusammen. Da hörte er erst ein Klicken und dann traf ihn ein harter Schlag, der ihn mit Wucht und knacksenden Knien nach hinten warf. Er krachte mit seinem Allerwertesten auf den kalten Steinboden. Jemand hatte die Tür von außen geöffnet.
Niedergeschlagen und benommener als zuvor hob Josch eine Hand und flehte: »Bitte lass mir meine Finger.«