Blinde Arroganz
Es schienen Stunden vergangen zu sein, seit die drei Männer Vladimir in diesem Drecksloch an einen Stuhl gefesselt zurückgelassen hatten. Seine Glieder waren steif und die Seile schnürten sich in die Handgelenke. An das taube Gefühl auf der Haut hatte er sich schon fast gewöhnt, doch der Gestank kroch ihm noch immer widerlich in die Nase. Er hatte sich umgeschaut, alte Wände aus grauem Beton, ein winziges Fenster kaum groß genug für eine Katze. Selbst wenn es ihm gelang, sich von den Fesseln zu befreien: Es gab außer der verschlossenen Tür keine Fluchtmöglichkeit und seine Peiniger waren nicht blöde genug, dass sie ihn durch diese hinausspazieren ließen. Nirgends entdeckte er einen Hinweis, wo er sich überhaupt befand. Seine Lage war unter allen Umständen ausweglos.
Plötzlich knarrte die Tür und die drei Anzugträger kamen herein. Obwohl seine Furcht intensiver wurde, war Vladimir erleichtert, denn ohne die geringste Fluchtmöglichkeit bedeutete dies zumindest eine Chance. Er war bereit, ihnen alles zu sagen oder zu geben, und innerlich loderte bei ihm der Gedanke an Hoffnung auf, dass er dafür freikommen würde.
Es war das erste Mal, dass der hagere Mann vor ihn trat. Sein Anzug war maßgeschneidert, die Krawatte mit einer Nadel verziert und seine schmalen Augen verrieten seine asiatische Herkunft. Das schwarze dichte Haar ließ sein Alter kaum erkennen und doch schätzte ihn Vladimir wesentlich älter als die beiden anderen Kerle. Der Hagere stand da und musterte ihn mit ausdruckslosen Augen, die Haltung schien gelassen, aber seine Ausstrahlung hatte etwas Gefährliches. »Sie erledigen also die Drecksarbeit für dieses BKA und wühlen für die in der Scheiße.«
Vladimir antwortete nicht spontan und überlegte, denn es war mit Sicherheit nicht ratsam, diesen Mann zu provozieren. »Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich werde wohl deswegen beauftragt, weil ich andere Möglichkeiten habe. Einer Behörde sind die Hände gebunden, weil sie sich an die Gesetze halten muss.«
»Und was haben Sie davon? Bekommen Sie als Dank eine Ehrenmedaille?«
»Nein, ich verdiene mein Geld damit.«
Abfällig reagierte der Alte: »Wie viel Geld bekommt man für die Suche nach Scheiße?«
»Ich kann nicht klagen«, gab Vladimir höflich zurück.
»Ich bin immer wieder beeindruckt von euch Deutschen. Ihr macht für ein paar Euro die Drecksarbeit und seid damit zufrieden, wenn nicht sogar noch stolz darauf.«
»Ich bin nur in Deutschland geboren, aber ich bin mit russischen Werten aufgewachsen. Deswegen verstehe ich nichts vom deutschen Stolz«, rechtfertigte sich Vladimir.
»Dies erklärt natürlich einiges. Ein russischdeutscher Bastard.«
Die Beleidigung ignorierte Vladimir. Was ihn mehr störte, war die Tatsache, wie dieses Gespräch verlief. Was hatte er mit alldem zu schaffen? Wenn er nicht diesen Job angenommen hätte, würde unter Umständen ein anderer Hacker hier sitzen und nicht er. Schon öfters hatte er Aufträge vom BKA übernommen. Meist suchte er nach irgendwelchen Dokumenten und Nachweisen, die auf schwer zugänglichen Servern versteckt waren oder irgendjemand auf seinem Laptop hatte. Es war ihm immer gleichgültig gewesen, was dahintersteckte. Er bekam einen groben Umriss, wonach er suchen sollte, und lieferte ab, was er fand. Nie kam eine Rückmeldung vom BKA, sondern es wurde nur der vereinbarte Betrag überwiesen. Da diese Aufträge recht regelmäßig kamen, war er überzeugt davon, dass er zufriedenstellende Arbeit ablieferte. Nie hatte er dabei direkten Kontakt, weder zu einem Mitarbeiter der Behörde noch zu jenen, die er ausspioniert hatte. Er agierte völlig anonym. Umso schwerer fiel ihm die jetzige reale Situation, in der ihm weder sein Computerwissen noch sein Hackertalent etwas brachten. Vladimir saß hier und wurde gefoltert, gedemütigt und beleidigt. Statt sich kämpferisch und provokant zu geben, würde er keine Fragen stellen und nur antworten, wenn er gefragt wurde. Denn er hatte nicht die geringste Ahnung, was ihn erwartete, und eine Scheißangst.
Der alte Asiate schritt langsam mit gesenktem Kopf und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch den Raum. Nach einer Weile blieb er stehen, sah Vladimir in die Augen. »Nehmen wir theoretisch an, Sie hätten etwas gefunden, das wesentlich bedeutender ist als jener Mist, den Sie sonst so ausgraben. Eine Weitergabe an dieses BKA würde etwas in Gang setzen, das internationale, nicht überschaubare Konsequenzen hätte und damit wäre doch sicherlich niemandem geholfen.«
»Es liegt nicht in meiner Verantwortung zu beurteilen, was das Gefundene bedeutet. Und es ist auch nicht mein Job, mich um die Konsequenzen zu kümmern. Ich bekomme Aufträge, arbeite sie ab und kassiere das Geld. Der Rest ist mir völlig egal.«
Kaum hatte Vladimir den letzten Satz beendet, traf ihn ein Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht. Der Hagere stand vor ihm und rieb sich die Handfläche, mit der er zuvor zugeschlagen hatte. »Sie sind nicht in der Position, mich zu verarschen. Wir wissen beide, dass Sie nicht mit legalen Mitteln arbeiten. Dies spielt auch keine Rolle, aber es wird jetzt das erste Mal sein, dass Sie für Ihren Diebstahl die Verantwortung übernehmen und selbst die Konsequenz dafür tragen.«
Das Gesagte hatte Vladimir nicht gehört, in ihm kochte nur die Wut über den Schlag. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Das Blut jagte Adrenalin durch jede Faser seines Körpers. Das Herz schlug heftig, bereit zur Rebellion. Die Grenze war erreicht. Er wollte kämpfen. Doch sein Verstand besann sich der ausweglosen Lage und so schnaufte er, um regelrecht Dampf abzulassen. Es dauerte eine Weile, bis sich sein Zorn von der Vernunft regieren ließ. Niemals hatte er sich als Dieb gesehen, er war ein Spezialist, der sein Handwerk ausgezeichnet verstand. Im Innersten war er der Held, der sich nicht verarschen ließ. Doch nun tat sich eine Schlucht vor ihm auf, die nicht zu überspringen war. Es blieb ihm keine andere Wahl, wenn er überleben wollte. »Ich habe das Material nicht gestohlen, ich habe es lediglich kopiert. In diesem Sinne wurde nichts entwendet und wenn ich die Kopien vernichte, dann hat es nicht einmal einen Diebstahl gegeben.«
»Dann geben Sie uns den Zugang und wir vernichten es für Sie«, sagte der Hagere mit wohlwollender Stimme.
»So trivial ist das nicht. Ich müsste dazu an einem bestimmten Ort sein, um dort die notwendigen Schritte einzuleiten. Niemand außer mir kann diese Daten löschen.«
»Sie wollen mir erklären, dass ich Sie gehen lassen muss?«
»Ja«, antwortete Vladimir und rechnete mit einem weiteren Schlag, der nicht folgte.
Stattdessen stand der Asiate da und lachte. »Wenn die Informationen so sicher sind und niemand an sie herankommt, dann wäre es so, als würden sie nicht existieren. Also besteht auch nicht die Notwendigkeit, Sie gehen zu lassen. Habe ich das richtig verstanden?«
Vladimir begriff seine eigene Dummheit, er hatte diesen Mann unterschätzt. Die Chancen, hier lebend rauszukommen, fielen gerade gegen null. Er hatte nicht die Wahrheit gesagt, was den Zugang zu den Daten anging. Vielleicht gab es eine Option zu überleben, doch er würde sie niemals erwähnen, nicht einmal, wenn er dafür sterben musste. Also nickte er auf die Frage zweimal bedächtig mit dem Kopf.
»Wissen Sie, womit ich ein Problem habe? Ich glaube Ihnen nicht. Ich habe Ihre Arbeitsweise verfolgt, habe gesehen, mit welcher Raffinesse Sie in die Server eingebrochen sind. Ihr Handeln war stets durchdacht, präzise und vielleicht auch brillant. Und nun wollen Sie mir erzählen, dass Sie keinerlei Vorsichtsmaßnahmen für sich selbst getroffen haben?«