← Zurück zum Buch
Marc Vollmer

Blinde Arroganz

Kapitel 13 (Ausschnitt)

Beim Aufwachen überfiel Vladimir die Gewissheit, dass alles kein mieser Albtraum war. Der Raum wirkte in dem kraftlosen Licht der verdreckten Deckenleuchte wie ein Kerker und seine Haut brannte am ganzen Körper fortwährend von dem Ätzmittel. Er war in der Hölle. In Luzifers Stätten sollte es heiß sein, doch Vladimir zitterte vor Kälte und mitunter auch vor Angst. Wie viel Zeit vergangen war, wusste er nicht. Er schätzte, dass sie ihn zwei Tage auf diesem Stuhl gefoltert hatten. Sein Magen rebellierte, da sie ihm nur zwischendurch etwas Wasser gegeben hatten. Zu essen gab es nichts. Sein dreckiges Hemd und die mittlerweile mitgenommene Hose waren feucht und gaben ihm die Erinnerung an die Folterung zurück. Er war nicht tot. Das würde sich sicherlich anders anfühlen. Er hob seine Hände und bewegte sie, als wären sie kein Teil von ihm. Auch wenn er nicht damit gerechnet hatte, aber er lebte.
Niemals hatte er Angst vor dem Tod gehabt, denn das hätte bedeutet, Furcht vor dem Leben zu haben. Ihm in solcher Form zu begegnen, hatte einiges geändert, aber es war nicht die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Er musste um sein Leben kämpfen, denn er hatte etwas gutzumachen. Wie ein Feigling kam er sich vor. Den Namen seines Bruders zu nennen, war eine Schande, die er kaum ertragbaren konnte. Mit Schmerzen in den Gliedern richtete er sich von der unbequemen Liege auf und versuchte, seine Lage abzuschätzen. Ein vergittertes Fenster, eine Metalltür und massives Gestein gaben ihm wenig Hoffnung auf Flucht. In einer Ecke bemerkte er einen Schatten, den er nicht deuten konnte. Vladimir hörte die Stimme, von der er geglaubt hatte, dass sie nur ein Traum gewesen war: »Du brauchst nicht zu suchen. Es gibt keinen Ausweg.«
Aus der Ecke trat ein großgewachsener Mann heraus. Seine Figur ähnelte einem blanken Knochengerüst und in dem Dämmerlicht zeigten die vielen kleinen Schatten, dass sein Gesicht ausgezehrt war. Die Haare schimmerten in einem verdreckten dunklen Grau. Die Kleider hingen wie Lumpen an ihm und an den Füßen trug er löchrige Stoffschuhe. Sein Alter war nicht mehr zu schätzen, zu sehr glich er einem Todgeweihten. Mit schlürfenden Schritten kam er an Vladimir heran und hielt ihm die Hand hin: »Ich bin Peter und seit 67 Tagen hier.«
Mit dem Kopf leicht im Nacken gab er ihm die Hand: »Vladimir und so lange werde ich mit Sicherheit nicht bleiben.«
Ein kurzes Lachen folgte. »Ich kann deinen Optimismus nicht mehr teilen, aber ich wünsche es dir.«
»Weißt du, warum du hier bist?«, fragte ihn Vladimir.
»Ich denke schon, wobei es auf einigen Vermutungen aufbaut.« Peter setzte sich neben ihn und ein fader Gestank drang zu ihm herüber. »Als Ingenieur sollte ich ein Gutachten über eine Energieanlage vor der Küste Norwegens erstellen, die die Wellenbewegung in Strom umwandelt. Schnell stellte ich jedoch fest, dass das Ganze ein Betrug war. Die Energiemesser waren manipuliert und die Maschine selbst bestand nur aus ein paar leeren Tonnen, die mit mehreren Gelenken verbunden an ein Kabel befestigt worden war.«
»Für wen war das Gutachten?«, hakte Vladimir nach.
»Ich hatte den Auftrag von der Europäischen Union erhalten.«
»Und wieso bist du dann hier?«
»Ich hatte das Gutachten fast fertig, als zwei Männer erschienen und mir nahelegten, es so zu formulieren, dass die Maschine einwandfrei funktioniere. Ich hätte nicht ablehnen sollen. Heute weiß ich, dass dies ein großer Fehler war. Sie schlugen mich zusammen und verbrannten meine Haut mit einem Lötkolben, bis ich das Gutachten umgeschrieben hatte. Ich hatte gehofft, dass ich damit aus der Sache raus bin, aber sie fesselten mich anschließend und brachten mich hierher. Sie wollten wohl vermeiden, dass ich mein Gutachten noch nachträglich revidiere. Was ist bei dir passiert?«
Vladimir grübelte kurz über die Zusammenhänge nach und erzählte dann, dass er vom BKA beauftragt worden war, um Informationen über eine neuartige Batterie zu beschaffen. Dabei war er auf einigen dubiosen Servern gelandet, hatte sich jedoch keine weiteren Gedanken darüber gemacht, sondern nur den Auftrag erledigen wollen. Schließlich hatten sie ihn auf der Straße geschnappt, ihn bewusstlos geschlagen und als er aufwachte, saß er gefesselt auf einem Stuhl.
Peter fing an, mit dem Fuß auf dem Boden zu trippeln, leicht aufgeregt fragte er dann: »Hast du deinen Auftrag schon beim BKA abgeliefert?«
»Nein, ich hatte die Informationen noch nicht aufbereitet. Wieso?«
»Das könnte unsere Rettung sein. Wenn sie nichts von dir hören, werden sie dich suchen.« Dabei klang Peters Stimme wie die eines Kindes, das seine Mutter nach dem kommenden Weihnachtsgeschenk ausfragte.
Kurz überlegte Vladimir. »Peter, ich muss dich leider enttäuschen. Das BKA wird einen Teufel tun, eine Verbindung zu mir herzustellen. Das, was ich für die tue, ist meistens nicht legal.«
Peters Kopf senkte sich und er starrte niedergeschlagen auf den Boden.
Vladimir stand mit einem Ruck auf und fluchte: »Verdammt, es muss doch eine Möglichkeit geben, wie wir hier rauskommen. Die können uns doch nicht ewig hier festhalten.«
Peter hob die Hand zur Besänftigung und zeigte mit dem Kinn in eine obere Ecke des Raumes. Vladimir schaute hinüber und erkannte das rote Lämpchen, das sich unter der Kamera befand. Vage erinnerte er sich daran, dass er auch bei seiner Folter gefilmt worden war.
»Selbst wenn wir fliehen könnten, was ich nicht glaube, was würde das für einen Sinn machen? Die haben dich schon mal gefunden und werden es wieder tun. Wir reden hier nicht von einem Haufen irrer Idioten. Sie scheinen gut strukturiert zu sein und handeln wie eine professionelle Organisation«, sagte Peter.
Ohne es offen auszusprechen, wusste Vladimir, wie recht er damit hatte. Es mussten Profis dahinterstecken, sonst hätten sie ihn nicht gefunden. Selbst wenn es für ihn schwer vorstellbar war, aber sie hatten eine Lücke in seinem System entdeckt und sie genutzt, um ihn zu kidnappen. So etwas hatte er bisher nur der NSA mit ihren Großrechnern zugetraut. Aber warum sollte nicht ein anderes System existieren, das ähnliche Möglichkeiten hat? In seiner ausweglosen Situation wünschte er sich, dass sie ihn besser zu Tode gefoltert hätten, bevor er seinen Bruder verraten hatte.