Ein Dorf voller Funken
Prolog
Tobias
Das Wasser quillt zwischen den Dauben hervor, den schmalen Hölzern des Weinfasses, dünn und zögernd. Ich halte den Wasserschlauch tiefer ins Fass, fülle nach, immer weiter, und unten läuft es so schnell wieder heraus, wie ich es oben hineingieße. Ein Jahr stand das Fass leer, das Holz ist ausgetrocknet und rissig, und jetzt hält es nichts mehr. Unter meinen Stiefeln breitet sich eine Pfütze über das Kopfsteinpflaster aus und sucht sich ihren Weg durch die Fugen bis zum Zaun.
Meine Finger sind klamm um den Schlauch, der Oktober hängt schon kalt in der Luft, und mein Atem steht in kleinen Wolken vor mir.
Ich lehne mich weiter vor, drehe das Handgelenk zu weit, und der Strahl prallt von der runden Fasswand ab, hoch, mir voll ins Gesicht.
Die Kälte trifft mich, bevor ich begreife, was passiert. Sie schlägt mir den Atem weg, fährt mir über die Wangen, in die Augen, und ich reiße den Kopf zur Seite, viel zu spät. „Ei verrecke!“ Es fährt mir heraus, bevor ich denken kann. Das Wasser läuft mir schon in den Kragen, eine eisige Spur den Nacken hinab, zwischen die Schulterblätter. Ich ziehe die Schultern hoch, schnappe nach der Luft, die es mir aus der Brust getrieben hat. Der Schlauch fällt mir aus der Hand und zappelt am Boden, spritzt mir gegen die Schienbeine, und ich stehe mitten in meinem eigenen Hof, tropfnass, das Hemd klebt mir am Rücken.
Von drüben, über den Zaun, kommt ein Lachen, hell und ungeniert, mitten hinein in mein Unglück.
Ich fahre mir mit dem Handrücken über die Augen, wische das Wasser weg. Da steht sie an ihrem Gartenzaun, die Hände auf dem obersten Querbalken, und lacht, dass ich es bis in die Brust spüre. Hannah. Meine Nachbarin.
„Die sollen dicht werden“, ruft sie herüber, „nicht du!“
Ich sehe an mir hinunter. Das Hemd klebt mir am Bauch, aus dem Saum tropft es auf meine Stiefel, und in meinen Schuhen steht das Wasser. Ein Lachen steigt mir selbst in die Kehle, und ich lasse es raus, weil es nichts mehr zu retten gibt.
„Niemand hat mir gesagt, dass die sich wehren“, rufe ich zurück.
Sie schüttelt den Kopf, immer noch lachend, und wendet sich wieder ihrem eigenen Garten zu. Ich sehe ihr einen Moment nach, dann drehe ich mich zurück zu den Fässern.
Drei stehen im Hof, dunkel vom Wasser, und ich habe keine Ahnung, ob das jetzt gut ist oder ob ich hier drei Haufen Brennholz gieße. Beim Opa stand nie ein Fass herum, das ausgetrocknet war. Bei ihm ist alles in Gebrauch, alles gepflegt, jedes Holz kennt seine Aufgabe.
Hier kann ich nichts machen. Das ist das Ungewohnte. Ich kann nicht schrauben, nicht nachbessern, nicht schneller quellen lassen. Entweder das Holz saugt sich voll und findet von selbst zusammen, oder es bleibt rissig, dann wandert das Fass im Frühjahr aufs Feuer.
Ich trete näher an das älteste der drei Fässer, lege die Hand auf die feuchten Dauben. Es riecht erdig, nach nasser Eiche und ganz schwach nach Essig, nach all der Zeit, die es leer im Keller stand. Und dann höre ich es. Ein Knacken, tief im Holz, ein Knarren, das kommt und geht. Das Fass saugt sich voll. Es fängt an zu atmen.
Neu kaufen wäre leichter. Ein frisches Fass leckt nicht und macht keine Arbeit. Aber frisches Holz gibt seinen eigenen Geschmack an den Wein, drängt sich vor. Die Alten hier haben das längst hinter sich. Sie schweigen im Wein, lassen ihn sein, was er ist.
Ich richte mich auf, streiche mir das nasse Haar aus der Stirn und atme durch. Die Luft ist kühl und schmeckt nach feuchter Erde und Rauch, irgendwo brennt ein Kaminfeuer. Kein Motor, kein Hupen, keine Stimmen, die durcheinanderreden. Nur ein Hund, der weit unten im Dorf bellt, und der Wind, der durch die kahlen Reben streicht.
Ich hebe den Kopf. Über den Dächern der Gasse steigen keine Hochhäuser in den Himmel, sondern die Weinberge, Reihe um Reihe den Hang hinauf, braun und still um diese Jahreszeit. Es ist noch nicht lang her, dass ich noch aus dem vierzehnten Stock auf eine Kreuzung gesehen habe, auf Rücklichter, die sich bis zum Horizont stauten.
Manchmal begreife ich immer noch nicht, wie ich hergekommen bin.
Es begann alles an einem ganz normalen Sonntag, an Opas Küchentisch, bei einem Glas von seinem Letztjährigen.
Ich sitze da, wo ich als Kind schon saß, und draußen liegt das weiche Mailicht über den Reben, die schon voll im Laub stehen. Der Opa schenkt nach, ohne zu fragen, und ich höre mich sagen, was ich sonst für mich behalte.
„Mir fehlt das hier“, sage ich. „Jedes Mal, wenn ich wieder wegfahre, fehlt es mir mehr. Die Ruhe, der Geruch, und das man abends sieht, was man den Tag über getan hat.“ Ich drehe das Glas in der Hand. „In der Stadt bau ich Sachen, die keiner anfassen kann. Abends weiß ich manchmal nicht mal mehr, was ich eigentlich gemacht habe.“
Der Opa hört zu, ohne mich zu unterbrechen. Er dreht sein Glas zwischen den Fingern, und erst als ich fertig bin, stellt er es ab.
„Weißt du“, sagt er, „neben meiner Parzelle ist was frei. So ein Stückel, keine fünfzehn Ar. Liegt schon über ein Jahr brach.“
Ich sehe ihn an. Er sieht mich an, über den Rand seiner Brille.
„Der Besitzer ist gestorben. Das Winzerhaus dazu steht ein paar Dörfer weiter im Tal, leer, und der Berg verwildert halt.“ Er zuckt mit den Schultern. „Die letzte Lese hat keiner mehr geholt.“
Er steht auf, zieht die Schublade der Anrichte auf und kramt eine Weile darin herum, bis er ein paar Blätter hervorzieht, an der Ecke zusammengetackert. Er legt sie vor mich auf den Tisch. Obenauf das Foto von einem gusseisernen Hoftor in einer Sandsteinmauer, darunter ein Lageplan, auf dem jemand mit Kugelschreiber eine Parzelle umkringelt hat.
„Woher hast du das denn?“, frage ich.
Der Opa setzt sich wieder und schenkt nach. „Bub, ich kenn doch meinen Enkel. Das ist nicht das erste Mal, dass du mir an dem Tisch erzählst, was dir fehlt.“
Ich lache und schüttele den Kopf, weil das doch Unsinn ist, ein Hirngespinst, so ein Sprung.
„Und da wächst noch was?“, frage ich. „Nach über einem Jahr?“
Der Opa sieht mich an, und um seine Augen legen sich die Falten. Er sieht mir an, dass es in mir schon arbeitet.
„Das“, sagt er, „schauen wir uns an.“
Eine Woche später stehe ich mit dem Opa im Hof, und der Makler schließt die schwere Holztür auf.
Der Hof ist größer, als ich gedacht habe. Kopfsteinpflaster, an den Rändern von Gras durchbrochen, eine alte Kastanie in der Ecke. Ich sehe sofort, wie es hier zur Lese aussieht, die Bütten, die vollen Kisten, die Leute, und draußen am Tor die Traktoren, die zum Abladen heranfahren. Jetzt liegt alles still, und mein Atem steht in der kühlen Luft.
„Der Schuppen ist da hinten“, sagt der Makler und geht voran.
Es riecht nach Staub und altem Öl, als wir eintreten. Die Presse steht in der Mitte, eine schwere alte Korbpresse, und daneben Geräte, deren Namen ich noch nicht kenne, die Rebelmaschine, irgendetwas mit Zahnrädern und Trichtern. Der Opa legt die Hand auf das Metall, prüft, dreht an einer Kurbel. Sie quietscht, aber sie dreht sich.
„Die läuft noch“, sagt er. „Ein bisschen Fett, dann läuft die wieder wie am ersten Tag.“
Vom Schuppen führt ein Rohr an der Wand entlang und verschwindet im Boden. Ich frage nicht wohin, ich sehe es gleich selbst.
Der Keller ist das Herz des Hauses, das spüre ich, sobald wir die Treppe hinuntersteigen. Ein Gewölbe aus altem Sandstein, die Luft kühl und feucht, und still, so still, dass ich den Opa neben mir atmen höre. An den Wänden liegen Fässer. Manche stehen aufrecht, manche liegen auf hölzernen Böcken, und selbst im Halbdunkel sehe ich, dass sie trocken sind, die Reifen locker, das Holz rissig.
„Und da hinten“, sagt der Makler und deutet in die Ecke, „steht noch was vom alten Besitzer. Gehört alles dazu.“
In der Ecke, auf einem Regal, ein paar Flaschen. Staubig, aber etikettiert, mit der Hand beschriftet. Ich nehme eine, wische den Staub weg. Spätburgunder. Ein Jahr, das älter ist, als ich gedacht habe.
Der Opa nimmt mir die Flasche aus der Hand, dreht sie ins Licht der nackten Glühbirne, und um seinen Mund passiert etwas, das ich lange nicht gesehen habe.
Er dreht sich zum Makler um. „Dürfen wir eine aufmachen? Ich würd’ gern wissen, was da oben am Berg steht.“
„Von mir aus.“ Der Makler hebt die Schultern. „Ehrlich gesagt bin ich froh, wenn sich das mal einer genauer anschaut. Das Haus wär längst weg, wenn der Berg nicht dranhinge.“ Er sieht mich an. „Sie wissen, dass Sie den pflegen müssen? Hier in der Pfalz kommen Sie da nicht drumherum. Wer die Lage hat, hält sie in Schuss, so steht’s im Gesetz. Deswegen springen die Leute wieder ab, wenn sie das hören.“
Ich sehe zum Opa, der schon die Flasche entkorkt. Er hebt nur kurz die Augenbrauen, als wollte er sagen, das kriegen wir schon hin.
Der Opa zieht den Korken, riecht daran, und gießt einen Schluck in eines der Gläser, die der Makler aus einer Kiste kramt. Er hält das Glas gegen die Glühbirne, dreht es, lässt den Wein an der Wand hinunterlaufen, und nimmt den ersten Schluck.
Ich sehe ihm zu und warte, und er lässt sich Zeit. Er schmeckt, kaut fast, sieht dabei ins Leere, und erst nach einer Weile nickt er.
„Probier.“
Ich nehme einen Schluck. Zuerst nur kühl und ein bisschen herb, dann öffnet es sich, wird dunkel und weich, nach reifen Kirschen, nach Waldboden, nach etwas, das ich nicht benennen kann. Es schmeckt nach Jahren. Es schmeckt nach jemandem, der wusste, was er tat.
„Guter Spätburgunder“, sagt der Opa. „Die Lage kenn ich, die ist gut, das war mir klar. Aber die Traube taugt was. Hat jemand mit Verstand gepflanzt.“
Er stellt das Glas ab, und sein Gesicht wird ernster.
„Nur, Bub, das musst du wissen. Spätburgunder ist eine Diva. Der verzeiht dir keinen Fehler. Und nach über einem Jahr ohne Pflege...“ Er schüttelt den Kopf. „Ehrlich? Das Vernünftige wäre rausreißen. Was Robustes rein, einen Dornfelder, der wächst dir fast von allein. Damit machst du dir das Leben leicht.“
Ich sehe die Fässer an den Wänden, die trockenen Reifen, die Flasche in meiner Hand mit der handbeschrifteten Schrift. Irgendjemand hat hier gestanden, wo ich stehe, und aus diesen Reben etwas gemacht, das mir jetzt auf der Zunge liegt.
„Nein“, sage ich. „Ich reiß ihn nicht raus.“
Es kommt einfach so aus mir heraus, ohne dass ich es überlege, und kaum ist es gesagt, weiß ich, dass es stimmt.
„Ich will keinen Dornfelder. Ich will den hier.“ Ich hebe die Flasche. „Auch wenn’s Arbeit macht. Gerade weil’s Arbeit macht.“
Der Opa sieht mich lange an. Ich sehe ein Funkeln in seinen Augen, das ich von früher kenne, von damals, als ich als Kind neben ihm zwischen den Reben stand.
„Weißt du“, sagt er, „wenn’s einer schafft, dann du. Du hast schon als Bub magische Hände gehabt. Das hab ich immer gesagt.“
Ich lache, weil das doch nur so ein Spruch ist, wie Großväter ihn machen. Aber der Opa lacht nicht mit.
Dann geht alles schneller, als ich denken kann, und langsamer, als ich es aushalte. Der Makler, der Notar, die Bank. Ein Sommer voller Unterschriften, voller Papiere, die ich unterzeichne, ohne dass mir jemand ansieht, wie mir dabei das Herz schlägt. Im September halte ich den Schlüssel in der Hand.
Jetzt stehe ich hier, mit dem Schlauch in der Hand, tropfnass, und gieße Wasser in ein Fass, das vielleicht nie wieder dicht wird.
Ich drehe das Wasser ab. Meine Finger sind steif vor Kälte, und in meinen Schuhen quatscht es bei jedem Schritt, als ich zum Zaun hinübergehe.
Hannah kniet in ihrem Beet, ein paar späte Zwiebeln in der Hand, und als sie mich kommen sieht, richtet sie sich auf. Ihr Blick geht über mich, von den nassen Haaren bis zu den Schuhen, und ihre Mundwinkel zucken.
„Und?“, fragt sie. „Sind sie jetzt dicht?“
„Eins von dreien.“ Ich bleibe am Zaun stehen. „Die anderen beiden überlegen noch.“
Sie lacht, und es ist dasselbe Lachen wie vorhin, hell und ohne jede Vorsicht. Ich merke, dass ich am Zaun stehen bleibe, obwohl ich klatschnass bin und mir kalt ist und es überhaupt keinen Grund gibt, noch länger hier zu stehen.
Kapitel 1
Hannah
Die Tüten schneiden mir in die Finger, dünne rote Striemen, aber ich hab keine Lust, noch mal zum Auto zu laufen, also nehme ich alles auf einmal. Zwei in die linke Hand, zwei in die rechte, den Blumenstrauß unter den Arm geklemmt, und so wanke ich über den Hof, ein bisschen wie ein überladener Weihnachtsbaum auf zwei Beinen. Bei jedem Schritt schlägt mir eine Tüte gegen das Knie, aber ich grinse trotzdem vor mich hin, weil morgen der erste Advent ist und mir das ganze Gewicht plötzlich egal ist.
Ich bleibe kurz stehen und atme die kalte, rauchige Luft ein. Ich mag diese Stunde. Alles wird weich, die Kanten, die Farben, sogar die Geräusche, und irgendetwas in meiner Brust wird weit dabei.
Nebenan steht Tobias in seinem Hof, gebeugt über irgendwas Metallenes, und als das Gartentor hinter mir quietscht, hebt er den Kopf.
„Warte, ich helf dir.“ Er ist schon halb über den Weg, ehe ich etwas sagen kann.
„Ach was.“ Ich schüttele den Kopf, dass mir eine Strähne ins Gesicht fällt. „Das bisschen. Ich hab schon ganz andere Sachen geschleppt.“
Er bleibt trotzdem am Zaun stehen, als wollte er sichergehen, dass ich es auch wirklich schaffe. Es zieht mir die Mundwinkel nach oben, ganz gegen meinen Willen.
„Aber gut, dass ich dich sehe“, sage ich und stelle die Tüten kurz auf dem Mäuerchen ab. „Morgen früh, denk dran. Da ist das ganze Dorf am Marktplatz und schmückt.“
„Halb zehn geht es los. Verschlafen kannst du es nicht, ab acht ziehen die Bläser durchs Dorf.“
„Die Bläser.“
„Ein paar aus dem Musikverein. In den anderen Dörfern spielen sie vom Kirchturm, ganz feierlich, Turmblasen nennt sich das. Bei uns ziehen sie durch die Gassen und wecken das ganze Dorf. Bleiben irgendwo stehen, spielen zwei Lieder, und ehe du am Fenster bist, sind sie schon zwei Straßen weiter.“ Ich grinse. „Ich sag ja immer, das machen sie, damit auch wirklich keiner zu spät zum Schmücken kommt. Aber das behaupte nur ich.“
Er sieht mich an, und um seinen Mund zuckt es. „Klingt, als würdest du dich ein bisschen sehr auf morgen freuen.“
„Natürlich freu ich mich.“ Ich zucke mit den Schultern, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt, weil es das für mich auch ist. „Es ist der erste Advent. Wer freut sich da nicht?“
Er zuckt nur mit den Schultern, und ich nehme meine Tüten wieder auf.
„Halb zehn, am Markt. Und zieh dir was Warmes an. Wir stehen den ganzen Vormittag draußen.“
„Ja, Mama.“
Ich lache und lasse ihn stehen, mit seinem halben Lächeln und seinem Metallding, und trage meine Einkäufe ins Haus, ehe mir doch noch die Henkel abreißen.
Am nächsten Morgen wecken mich die Bläser.
Ich liege noch im Warmen, die Augen halb zu, die Decke bis zum Kinn, als es von irgendwo heraufklingt, gedämpft und weich. Sofort bin ich hellwach. Es kribbelt mir bis in die Zehen, dieses helle, alberne Weihnachtskribbeln, das mich mit Mitte Zwanzig noch genauso erwischt wie mit acht. „Macht hoch die Tür.“ Erst meine ich, sie stünden gleich unten in der Gasse, dann klingt es plötzlich von der anderen Seite, hinter den Dächern her, mal näher, mal ferner. So war es schon immer. Der Schall springt durch die engen Gassen, wird von den Häusern hin und her geworfen, und man hört sie ganz deutlich und findet sie doch nie.
Als Kind bin ich losgerannt, den dicken Mantel über das Nachthemd geworfen, mit nackten Füßen in die Winterstiefel geschlüpft, immer dorthin, wo ich sie vermutete. Immer war da nur eine leere Gasse und der Klang schon zwei Straßen weiter. Irgendwann habe ich es aufgegeben, sie fangen zu wollen. Jetzt bleibe ich einfach liegen, höre zu, wie „Macht hoch die Tür“ über die Dächer wandert.
Ich stehe auf, als das letzte Lied schon lange verklungen ist, mache mir einen Kaffee und trinke ihn am Küchenfenster, während draußen der Morgen langsam heller wird. Der Raureif liegt auf allem, auf den kahlen Zweigen des Apfelbaums, auf dem Gartentisch und den Spinnweben am Schuppen, und wo die Sonne über die Dächer klettert, fängt er an zu glitzern, als hätte jemand über Nacht das ganze Dorf mit Zucker bestäubt.
Ich ziehe mich warm an, von der Mütze bis zu den dicken Handschuhen, und mache mich auf den Weg zum Marktplatz.
Schon von weitem höre ich, dass das ganze Dorf auf den Beinen ist. Stimmen und Gelächter wehen mir entgegen, dazwischen scheppert eine Leiter, die jemand gegen eine Hauswand stellt. Kisten voller Strohsterne und Lichterketten stapeln sich um den Brunnen, jemand zerrt einen riesigen Tannenbaum von einem Anhänger, und mitten auf dem Platz stehen die großen Pavillons.
Unter dem einen hat Pfarrer Schmitt schon seine kleine Anlage aufgebaut, und ein paar der Älteren sitzen auf den Bänken, die Hände um dampfende Kaffeebecher gelegt, und hören ihm zu. Es ist kein Gottesdienst in der Kirche heute, es ist einer mitten im Trubel, zwischen Leitern und Tannenzweigen, und ich mag das. Dass der liebe Gott und die Strohsterne am ersten Advent denselben Platz teilen.
Ich reiche gerade Frau Wagner das Ende einer Lichtergirlande hinauf, die wir zwischen zwei Laternen spannen, als ich ihn entdecke. Tobias steht drüben beim Kaffeeausschank, einen Becher in der Hand, und neben ihm die alte Gerlinde, die ihm mit großen Gesten irgendetwas erklärt. Er nickt höflich, aber ich sehe schon von hier, dass er kein Wort versteht. Gerlinde redet in Andeutungen und Sprüchen, die man erst nach dreißig Jahren im Dorf entschlüsselt, und sie kommt gar nicht auf den Gedanken, dass der Mann neben ihr keine dreißig Jahre hat, sondern drei Monate.
Tobias nickt und nickt, höflich bis in die Schulterspitzen, aber seine Augen huschen immer wieder zur Seite, als suchten sie einen Weg hier heraus. Ich muss grinsen, und irgendwo unter dem Grinsen regt sich der Wunsch, ihn da rauszuholen, ehe Gerlinde ihn ganz um den Verstand redet. Ich drücke Frau Wagner das lose Ende in die Hand, wische mir die Finger an der Jeans ab und gehe hinüber.
„...und um vier ist dann der Umzug zum Brunnen. Da müssen Sie sich früh anstellen, junger Mann, sonst kriegen Sie keinen guten Platz. Und ohne guten Platz sehen Sie nichts von der Ziehung, und dann war der ganze Tag umsonst.“
„Aha“, sagt Tobias.
„Gerlinde.“ Ich lege ihr eine Hand auf den Arm. „Lässt du mir den armen Mann kurz? Ich brauch noch jemanden, der mir die hohen Sachen aufhängt, und der hier ist schön groß.“
Gerlinde lässt ihn ziehen, wenn auch mit einem Blick, als würde sie mir den Neuen nur ungern überlassen, und dann stehen Tobias und ich allein zwischen den Kisten.
„Danke“, sagt er leise. „Ich glaube, ich hätte da nicht mehr rausgefunden.“
„Gerlinde meint es gut. Sie hat nur ein bisschen viel zu erzählen.“ Ich drücke ihm ein Bündel Strohsterne in die Hand. „Komm, ich zeig dir, wie das läuft. Die Sterne kommen an die Girlanden, gleichmäßig verteilt, nicht alle an eine Stelle. Und die großen Kugeln heben wir uns für den Baum auf.“
Er dreht einen Stern in den Fingern, vorsichtig, als könnte er zerbrechen. „Und das macht ihr jedes Jahr? Das ganze Dorf?“
„Jedes Jahr. Am ersten Advent, ohne Ausnahme.“ Ich reiche ihm die nächste Girlande. „Meine Oma hat immer gesagt, wer beim Schmücken fehlt, dem fehlt zu Weihnachten was. Und irgendwie hat sie recht behalten.“
Wir arbeiten uns die Reihe entlang. Er hängt die Sterne, weil er größer ist und besser an die Girlanden kommt, und ich reiche ihm hinauf, was er braucht, und sage ihm, wo als Nächstes was hinsoll.
„Und heute Nachmittag“, sage ich, während ich ihm den nächsten Stern hochreiche, „das ist das Eigentliche. Wenn es dämmert, ziehen wir alle unseren zweiten Namen.“
„Zweiten Namen.“ Er hält inne, den Stern in der Hand. „Wie meinst du das?“
„Am Brunnen. Am späten Nachmittag, wenn es dämmert, stellt sich das ganze Dorf auf. Aber es ziehen nicht alle. Die ganz Kleinen noch nicht, die ganz Alten nicht mehr. Und von den anderen zieht auch nicht jeder jedes Jahr. Wen es trifft, das entscheidet sich erst da.“ Ich reiche ihm die nächste Girlande. „Und es sind keine richtigen Namen, die man zieht, sondern Eigenschaften. Mut, Geduld, so etwas. Jede genau zweimal, für zwei Menschen. Und die beiden, die dieselbe ziehen, die sind dann ein Gespann. Aber was genau, und warum, das erfährst du nachher. Dann wird die alte Geschichte erzählt.“
Er sieht mich an, und ich merke, wie er versucht, sich einen Reim darauf zu machen, und keinen findet. Es hat etwas Rührendes, wie ernsthaft er sich müht, das Unmögliche zu verstehen, und ich muss mich zusammenreißen, um nicht wieder zu grinsen.
„Ihr zieht euch Eigenschaften“, sagt er langsam.
„So ist es.“ Ich grinse. „Willkommen im Dorf, Tobias.“
Gegen Mittag riecht der ganze Platz nach Suppe.
Irgendwer hat die großen Kessel unter den Pavillon geschoben, und wir stellen uns an, die Hände klamm, die Wangen kalt, und löffeln heiße Kartoffelsuppe aus Pappbechern, im Stehen, zwischen halb geschmückten Girlanden. Ich umschließe den Becher mit beiden Händen, und die Wärme kriecht mir durch die klammen Finger bis in die Handgelenke, so gut, dass ich fast seufze. Neben mir hält Tobias seinen genauso fest, und ich sehe, wie ihm langsam die Farbe zurück in die Fingerspitzen kommt.
„Und?“, frage ich und nicke auf seine bloßen Hände, die sich um den Becher klammern. „Wo sind denn die Handschuhe, an die du denken solltest?“
„Zu Hause.“ Er sieht fast ein bisschen ertappt aus. „Auf der Kommode. Da, wo ich sie hingelegt hab, damit ich sie nicht vergesse.“
Ich lache, und irgendwo unter dem Pavillon lacht der alte Reinhold mit, ohne zu wissen, worüber, einfach, weil gelacht wird.
Nach der Suppe geht es weiter. Wir hängen die letzten Girlanden und richten die Strohsterne, die der Wind schief gezogen hat, und irgendwann klettert Tobias auf die Leiter, um an die Spitze des großen Baums zu kommen.
„Ein Stück nach links“, rufe ich hinauf. „Nein, mein links.“
„Dein links ist mein rechts.“
„Dann eben dein rechts. Hauptsache, der Stern hängt nicht schief wie letztes Jahr.“
Er rückt den Stern zurecht, lehnt sich zurück, prüft. „Und jetzt?“
„Perfekt.“ Es ist nicht ganz perfekt, aber er friert, und ich bin gnädig.
Er kommt die Leiter herunter, bläst sich in die klammen Hände, und wir stehen einfach nebeneinander und sehen hinauf zu dem Baum, der langsam Gestalt annimmt. Es ist ein gutes Schweigen, das zwischen uns steht, und ich merke, dass ich mich keinen Zentimeter wegbewege.
„Riecht nach zu Hause“, sagt er auf einmal, leise, mehr zu sich selbst. „Die Tanne. Meine Oma hatte immer echte Bäume, nie so künstliche. Das hab ich ganz vergessen, wie das riecht.“
„Man erzählt sich, du hast dich im Herbst ganz schön abgemüht da oben“, sage ich und reiche ihm den nächsten Karton mit Kugeln. „Im alten Wingert. Mit Hilfe sogar.“
„Von den Leuten meines Großvaters, ja.“ Er dreht eine Kugel in den Fingern. „Ohne die hätte ich nicht mal gewusst, wo ich anfangen soll.“
„Und? Steht noch was, nach dem Jahr?“
„Mehr, als ich gedacht hätte.“ Auf einmal klingt er richtig wach. „Alle sagen, ich soll die alten Stöcke rausreißen und was Pflegeleichtes pflanzen. Nach der Vernachlässigung, und dieser heiklen Sorte.“ Er schüttelt den Kopf. „Aber es lebt noch so viel. Das reiß ich nicht raus.“
Ich sehe ihn von der Seite an. Da ist ein Trotz in seiner Stimme, aber darunter etwas Weicheres, und das bleibt bei mir hängen, ohne dass ich sagen könnte, warum.
Am Nachmittag kippt das Licht.
Es passiert jedes Jahr um diese Zeit, wenn die Sonne hinter die Hänge sinkt und der Platz in dieses tiefe Blau getaucht wird, das keine Lampe nachmacht. Mit dem Licht kommt der Glühwein. Er steht plötzlich dampfend auf dem Tresen, dunkel und würzig, und der Duft nach Nelke und Orange legt sich über den halben Markt. Ich hole zwei Becher und drücke Tobias einen in die Hand, ehe er nein sagen kann.
Wir lehnen am Brunnenrand, die Lichterketten gehen an, eine nach der anderen, und der Platz, an dem wir den ganzen Tag geschuftet haben, sieht auf einmal aus wie verzaubert. Ich spüre es in den Händen, dieses feine Kribbeln, das jedes Jahr wiederkommt, wenn es so weit ist. Die Magie wacht auf. Sie liegt in der Luft wie der erste Frost.
Neben mir wird Tobias still. Er dreht den Becher in den Händen, runzelt die Stirn, sieht sich um, als hätte ihn jemand am Ärmel gezupft.
„Alles gut?“, frage ich.
„Ja. Nur...“ sagt er. „Komisch. Ich glaub, ich vertrag den Wein nicht mehr so wie früher.“
Ich muss lächeln und trinke einen Schluck, damit er es nicht sieht. Weil ich genau weiß, dass es nicht der Wein ist.
Ein Knacken. Ein Rauschen, das über den Platz zieht. Dann ertönt die Stimme, alt und warm und ein bisschen leiernd, eine Stimme, die dieselbe ist, seit ich denken kann, obwohl der Mann, dem sie gehörte, längst unter der Erde liegt.
„Vor langer Zeit“, sagt die Stimme, „als der erste Schnee auf unsere Hänge fiel, kam etwas in unser Dorf, das keiner gerufen hatte. Es kroch in die Wurzeln der alten Reben und legte sich schlafen, und nur einmal im Jahr, wenn der Advent beginnt, wacht es wieder auf.“
Ich kenne jedes Wort. Ich habe die Geschichte mein ganzes Leben gehört, und trotzdem läuft mir jedes Jahr aufs Neue ein Schauer den Rücken hinunter. Aber dieses Jahr höre ich nicht richtig hin. Dieses Jahr sehe ich zur Seite, zu Tobias, der sie zum ersten Mal hört.
Er steht ganz still, den leeren Becher noch in der Hand, und lauscht. Ich sehe, wie sich seine Stirn in Falten legt, als suchte er nach dem Haken, nach der Erklärung, die es für so eine Geschichte nicht gibt.
„Die alte Magie sucht sich aus, wen sie braucht“, sagt die Stimme. „Immer zwei, die zusammengehören. Zwei, die gemeinsam vermögen, was jedem allein verwehrt bleibt. Sie fragt nicht nach Alter, nicht nach Freundschaft, nicht nach Verstand. Sie wählt. Und wer gewählt wird, der trage seinen Namen still. Kein Wort darüber, zu keinem, so sehr es auch drängt. Erst wenn die erste Aufgabe ruft, sollt ihr euch finden.“
Das Band knackt ein letztes Mal und verstummt. Für einen Moment liegt eine Stille über dem Platz, in der ich nur mein eigenes Blut in den Ohren höre. Pfarrer Schmitt hebt den alten Weidenkorb hoch, und durch die Menge geht ein Rascheln, ein Scharren von Stiefeln.
Der Korb wandert von Hand zu Hand. Einer nach dem anderen greift hinein, nimmt einen gefalteten Zettel, klappt ihn auf. Die meisten sehen das leere Papier, lächeln ein bisschen, manche erleichtert, manche wehmütig, und stecken es ein. Dieses Jahr nicht.
Frau Kellermann zieht. Leer. Der alte Reinhold hält seinen Zettel dicht vor die Augen, dreht ihn sogar um. Leer.
Als der Korb zu mir kommt, ist mein Mund auf einmal trocken. Es ist jedes Jahr dasselbe, dieses Kribbeln in den Fingerspitzen, wenn ich hineingreife, und jedes Jahr sage ich mir, dass es sowieso nichts wird, dass die meisten leer ziehen, dass die Wahrscheinlichkeit. Ich nehme den ersten Zettel, den meine Finger berühren. Das Papier ist kühl und rau.
Ich klappe ihn auf.
Mitten auf dem Papier, aus dem Nichts, kriecht Wärme in meine Handfläche, ganz fein, und dann schreibt es sich. Goldene Linien ziehen sich über das Papier, glühen auf, werfen winzige Funken, die verglühen, ehe sie meine Haut erreichen. Ein Wort.
Herz.
Mir stockt der Atem, und mein Herz schlägt gegen die Rippen, als wollte es das Wort bestätigen. Ich schließe die Hand darum, schnell, ehe es jemand sieht, und presse den warmen Zettel gegen die Brust.
Als ich aufsehe, sehe ich Tobias.
Er steht keine zwei Schritte neben mir, den Kopf über seine eigene Hand gebeugt, und über seinen Fingern tanzen die letzten goldenen Funken, die gerade erlöschen. Er starrt auf seinen Zettel, als hätte der ihn gebissen. Er reibt sich mit dem Handrücken über die Augen und murmelt, mehr zu sich selbst: „Ich glaub, das war echt zu viel Glühwein.“
Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht laut loszulachen.
Er hebt den Blick, und unsere Augen treffen sich. „Wie macht ihr das?“
„Was denn?“
„Ja, hier, dieses...“ Er hält mir den Zettel entgegen, hilflos, als könnte ich ihm die Erklärung liefern, die sein Kopf nicht findet. „Dieses... ja, das hier. Das Glitzern. Die Schrift.“
„Das ist die Magie, Tobias.“
Der Blick, den er mir daraufhin gibt, ist so ratlos, so gründlich überfordert, dass ich es nicht mehr halten kann und einfach lache. Er glaubt mir kein Wort, und irgendwie ist das erfrischend.
„Komm.“ Ich schiebe meinen Zettel tief in die Manteltasche, die Faust noch darum. „Lass uns noch aufräumen helfen, und dann nach Hause. Übermorgen, am 1. Dezember, erfährst du mehr. Wenn du deinen Namenspartner triffst.“
Ich sehe, wie er Luft holt, wie er noch etwas sagen will, eine Frage, einen Einwand, irgendwas Vernünftiges. Aber dann bricht er ab und schüttelt nur den Kopf.
Wir sammeln die letzten Kartons und Kisten ein, tragen die leeren Leitern zur Seite, und nach und nach leert sich der Platz, bis nur noch die Lichter über uns brennen und das ganze Dorf nach Hause geht.
Ich freue mich auf übermorgen. Ich bin ausgewählt worden. Wer wird wohl mein Namenspartner sein, was für Aufgaben werden wir bekommen? Ich glaube, ich werde die ganze Nacht kein Auge zutun.
Tobias
Ich wache auf, ehe der Wecker klingelt, und noch ehe ich die Augen öffne, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Ein Gefühl, als hätte ich etwas vergessen, etwas Dringendes, das mir auf der Zunge liegt und sich nicht greifen lässt. Ich bleibe liegen und gehe die Liste durch. Kein Termin heute. Keine Deadline. Der Kunde in Frankfurt wartet erst Donnerstag auf das Update. Trotzdem sitzt da dieses Kribbeln, leise, hartnäckig, hinter der Stirn, und es wird nicht weniger, je länger ich darüber nachdenke.
Ich würde es gern auf den Glühwein schieben. Am Sonntag war mir schon komisch, am Nachmittag, als der Wein auf dem Tresen stand, und da hab ich es auch getan. Zwei Becher, höchstens zweieinhalb, aber vielleicht war der Winzerkram hier stärker, als ich gewohnt bin. Nur war der Glühwein am Sonntag, und gestern ging es mir blendend.
Dann eben der Kaffee. Ich hab gestern Abend um zehn noch einen getrunken. Das wird’s sein.
Ich setze mich auf und fahre mir übers Gesicht. Der Zettel liegt drüben auf der Kommode, wo ich ihn Sonntagnacht hingelegt habe, und ich sehe schon von hier den goldenen Schimmer der Schrift, der einfach nicht verblasst. Gestern habe ich ihn den ganzen Tag nicht angefasst und trotzdem ständig hingesehen. Sonntagnacht bin ich wach gelegen und hab auf dem Handy gesucht. Unsichtbare Tinte, die sich durch Wärme entwickelt. Thermochrome Beschichtungen. Irgendein Reagenz, das beim Kontakt mit der Haut reagiert. Es gibt das alles, technisch, es wäre erklärbar. Nur schreibt sich keine dieser Tinten von selbst mitten aufs Papier, in goldenen Funken, die in der Luft verglühen. Ich hab es gesehen. Ich stand daneben und hab zugesehen, wie sich das Wort geschrieben hat, Buchstabe für Buchstabe, aus dem Nichts.
Herz.
Ich komme mir vor wie in einem Harry-Potter-Film, mit Zauberstäben und Briefen, die von Eulen kommen. Nur bin ich hier kein Kind, sondern ein erwachsener Mann, der sein Geld damit verdient, Maschinen das Denken beizubringen, und ich sitze in meinem Bett und starre auf einen Zettel, der leuchtet.
Was soll das bedeuten? Wie geht es weiter? Hannah hat nur gesagt, das würde ich heute, am 1. Dezember erfahren, wenn ich meinen Namenspartner treffe. Aber niemand darf über seinen Namen reden, das hat die Stimme vom Band gesagt, kein Wort, zu keinem. Wie soll ich herausfinden, wer der zweite ist, wenn keiner es sagen darf?
Ich stehe auf, mache Kaffee, dusche, und setze mich an den Rechner. Der Bildschirm füllt sich mit Code, mit Zeilen, die ich sonst im Schlaf lese, und ich arbeite mich durch das Update für Frankfurt, Stück für Stück. Aber das Gefühl bleibt. Es sitzt da, den ganzen Vormittag, hinter der Stirn. Ein leises, gleichmäßiges Kribbeln, das sich weder wegtrinken noch wegarbeiten lässt.
Zum Frühstück esse ich zwei Brötchen, in der Hoffnung, dass es einfach der leere Magen ist. Es bleibt. Ich trinke einen Tee, lege eine Pause ein, gehe im Haus umher. Es bleibt.
Werde ich krank? Ich taste in mich hinein, wie man an einen Zahn tippt, der wehtun könnte. Kein Fieber, kein Kratzen im Hals, kein Frösteln. Nur dieses Kribbeln, das mit den Stunden nicht schwächer wird, sondern stärker.
Am Nachmittag halte ich es am Schreibtisch nicht mehr aus.
Es zieht mich zur Tür, buchstäblich, ich ertappe mich, wie ich immer wieder zum Fenster sehe, hinaus, wo die Sonne schon tief über den Hängen steht und das letzte Licht des Tages die Reben vergoldet. Vielleicht ist es das. Vielleicht sitze ich einfach zu viel drinnen, starre zu lange auf den Bildschirm, und mein Körper will nichts als frische Luft und ein bisschen von der Sonne, ehe sie weg ist.
Ich überlege noch, ob ich etwas vergessen habe. Einkaufen, ein Anruf, irgendetwas, das sich nicht als Wort in meinem Kopf formen will. Aber da ist nichts. Nur der Drang, raus.
Ich gebe nach. Ich ziehe die Jacke über und trete vor die Tür. Die kalte Luft tut sofort gut. Ich atme sie tief ein, bis es in den Lungen brennt, und für einen Augenblick ist der Kopf ganz klar. Ich stecke die Hände in die Taschen und laufe los, ohne Ziel, einfach dorthin, wohin die Füße mich tragen. Hauptsache Bewegung. Hauptsache raus.
Irgendwann bin ich stehen geblieben, ohne es zu bemerken. Ich blinzle, sehe mich um, und begreife nicht gleich, wo ich überhaupt bin.
Ich stehe mitten im Dorf, an der Ecke, wo die Gasse auf den Marktplatz trifft. Wie ich hierhergekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich losgegangen bin, um den Kopf frei zu bekommen, und jetzt stehe ich hier, ohne einen Grund, den ich benennen könnte.
Da ist Hannah. Sie steht ein paar Schritte entfernt, an der Holzhütte neben dem großen Baum, um die herum um diese Zeit noch kaum jemand steht, und sieht mich an.
„Ich wollte nur ein bisschen an die Luft.“ Es klingt selbst in meinen Ohren wie eine Ausrede. „Ich saß den ganzen Tag am Rechner, da wird man ja...“
„Klar.“ Sie nickt, und um ihren Mund zuckt es. „An die Luft. Verstehe.“
Ich weiß nicht, warum ich mir vorkomme, als hätte ich mich gerade verraten, ohne zu wissen, womit.
Sie kommt einen Schritt näher, und ihr Ton wird ernster, vorsichtiger.
„Sag mir eins, Tobias. Was stand Sonntag auf deinem Zettel?“
Ich zögere. „Ich dachte, darüber darf man nicht reden. Das mit dem Band, kein Wort, zu keinem.“
„Nur bis heute. Vom Ziehen bis zum 1. Dezember hält man den Mund.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Heute darfst du es sagen. Musst du sogar, sonst findet man sich nie oder steht am Ende vor dem Falschen.“
Also sage ich es. „Herz.“
Sie sieht mich an, und für einen Moment sagt sie gar nichts. Sie zieht ihren eigenen Zettel aus der Manteltasche, faltet ihn auf und hält ihn mir hin. In goldenen Linien, die nicht verblassen wollen, steht dasselbe Wort.
„Na so was“, sagt sie, und es klingt ehrlich überrascht. „Dann sind wir beide wohl die nächste Zeit die Partner.“
Sie schiebt den Zettel zurück in die Tasche und mustert mich, und langsam legt sich das Überraschte, macht etwas Wärmerem Platz.
„Komm.“ Sie deutet mit dem Kopf zu der Hütte hinüber. „Du guckst, als könntest du einen heißen Kakao vertragen. Und ich glaube, dann ist heute wohl meine Aufgabe, dir das alles zu erklären. Und deine, es zu verstehen. Und mir nicht bei jedem zweiten Satz zu sagen, dass es das nicht geben kann.“
Die Hütte ist kaum mehr als eine Holzbude mit einem dampfenden Kessel und einer Lichterkette. Auf einem Pappschild an der Theke steht mit Filzstift: Heute: Landfrauen. Die Frau dahinter kennt Hannah.
„Zwei Kakao“, sagt Hannah. „Mit Sahne.“
„Mit Schuss?“, fragt die Frau und greift nach einer Flasche Amaretto. „Oder Rum?“
„Für mich nicht.“ Es rutscht mir heraus, ehe ich nachdenke. „Heute lieber keinen Alkohol.“
Hannah hebt eine Augenbraue, sagt aber nichts, und die Frau füllt die Becher ohne Schuss.
„Ich weiß, wie das klingt.“ Ich nehme meinen Becher, wärme mir die Hände daran. „Aber mir war den ganzen Tag komisch. Am Sonntag nach der Ziehung dachte ich noch, ich hätte zu viel von dem Glühwein erwischt. Gestern war alles wieder gut. Und heute früh war es plötzlich da, dieses Kribbeln, hier, hinter der Stirn. Ich hab gearbeitet, gefrühstückt und gehofft, dass es weggeht. Ging es nicht. Ich dachte schon, ich brüte was aus, werde krank.“ Ich schüttele den Kopf. „Und am Nachmittag wurde es so schlimm, dass ich es drinnen nicht mehr ausgehalten hab. Ich bin einfach raus, ohne Ziel, nur an die Luft. Und dann...“
Ich halte inne.
Ich taste in mich hinein, so wie den ganzen Tag schon, aber da ist nichts mehr. Kein Kribbeln. Keine Unruhe. Nur der warme Becher in meinen Händen und die kalte Luft und Hannah, die neben mir steht.
„Es ist weg“, sage ich langsam. „Seit ich hier stehe. Es ist einfach weg.“
„Klar ist es weg.“ Sie lächelt in ihren Becher. „Du bist ja da, wo du hin sollst.“
„Also gut.“ Ich lehne mich an die Holztheke, den warmen Becher zwischen den Händen. „Dann erklär es mir. Was passiert hier?“
Hannah dreht ihren Kakao langsam in den Händen und sieht hinüber zu den Lichtern, die im Tal nach und nach angehen.
„Jeden ersten Advent wacht die Magie auf, das hast du ja gehört. Und dann sucht sie sich Leute aus. Immer zwei, die dasselbe Wort ziehen. Das Wort sagt, was gebraucht wird. Mut, Geduld, Herz, was auch immer.“ Sie sieht mich an. „Und die beiden, die es zieht, die kümmern sich dann im Advent darum. Zusammen.“
„Kümmern worum?“
„Um das, wozu die Magie uns schickt. Jeden Tag ist irgendwo etwas, das ein Herz braucht. Mal was Kleines, mal was Größeres. Mal ist es zum Lachen, mal geht es einem nah.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Man weiß vorher nie, was kommt. Man merkt nur, dass es einen zieht, so wie dich heute. Und dann geht man hin und schaut, was zu tun ist.“
Ich sehe sie an und warte darauf, dass sie lacht, dass sie sagt, war nur ein Scherz, willkommen im Dorf, wir veräppeln hier gern die Zugezogenen. Sie lacht nicht.
„Und das machen wir jetzt bis Weihnachten. Jeden Tag.“
„Nicht jeden.“ Sie schüttelt den Kopf. „Es gibt auch Tage, da ruft nichts. Da ist Ruhe. Dann kann man sich auch mal irren und denken, man hat versagt, dabei war einfach nichts zu tun.“ Sie lächelt. „Das gehört dazu. Man muss lernen, den Unterschied zu spüren.“
„Und wenn ich dir sage, dass ich an nichts von alldem glaube?“
„Dann glaubst du eben nicht.“ Sie trinkt ihren Becher leer, ungerührt. „Der Zettel in deiner Tasche glaubt trotzdem. Und das komische Gefühl, das dich den ganzen Tag hergetrieben hat, das hat dich auch nicht gefragt, ob es dir passt.“
Darauf fällt mir nichts ein, und das ärgert mich mehr, als es sollte.
Wir bleiben, bis die Becher leer sind und mir die Kälte durch die Jacke kriecht. Hannah redet, erzählt irgendetwas von früheren Jahren, von Paaren, die es zusammengewürfelt hat, aber ich höre nur mit halbem Ohr hin. Meine Gedanken sind bei dem Zettel in meiner Tasche, bei dem Wort, das sich von selbst geschrieben hat, und daran, dass ich für nichts davon eine Erklärung habe.
Als wir uns trennen, ist es dunkel geworden.
„Bis morgen“, sagt sie und geht schon rückwärts.
„Und woher weiß ich, wann? Und wo?“
Sie lächelt.
„Du wirst es merken. Genau wie du es heute gemerkt hast.“
Sie dreht sich um und ist weg, und ich stehe allein auf dem leeren Platz, unter den Lichtern, mit einem leuchtenden Zettel in der Tasche und dem unbequemen Gefühl, dass sie recht haben könnte.