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Anya Stüben

Ein Dorf voller Funken

Der ausgebüxte Kater

Hannah
Es war ein guter Tag im Tierheim. Einer von der ruhigen Sorte, keine Neuzugänge, kein Tier, das nachts zittert und das man nicht beruhigt bekommt. Stattdessen haben gleich mehrere ein neues Zuhause gefunden, ein Kaninchenpaar, das schon eine gefühlte Ewigkeit bei uns war, und eines von den Katzenkindern, und es blieb sogar Zeit für einen Schwatz mit ein paar von den Ehrenamtlichen, die abends mit den Hunden Gassi gehen. So ein Tag macht mich leicht, macht mich großzügig mit der Welt.
Ich bin kaum zu Hause, da fange ich schon an, es zu spüren. Ein warmes Ziehen, hell und fein, das sich in den Handflächen sammelt und langsam kräftiger wird. Ich kenne das gut genug, um zu wissen, dass ich mich nicht erst lange hinsetzen muss. Ich ziehe mir nur schnell etwas Bequemes an, tausche die Arbeitssachen gegen einen dicken Pullover, und ziehe meinen Mantel über.
Ich stecke die Hände in die Manteltaschen und trete wieder vor die Tür, und da unten, am Ende der Straße, geht Tobias mit langen Schritten die Gasse hinunter. Den Kopf gesenkt, zielstrebig, als wüsste er genau, wohin.
Ich bleibe stehen und sehe ihm einen Moment nach, und irgendetwas an diesem Anblick wärmt mich. Gestern war er spät dran, viel später als ich, und ich hab mir gedacht, dass er sich wohl gesträubt hat, so lange, bis das Ziehen ihn nicht mehr in Ruhe gelassen hat. Aber heute läuft er einfach los, ohne Umweg, ohne dass ihn erst jemand aus dem Haus scheuchen musste. Der Mann, der mir gestern noch erklärt hat, dass es keine Magie gibt, folgt ihr heute wie selbstverständlich die Gasse hinunter, und ich glaube, er merkt es nicht einmal.
Ich gehe ihm einfach nach, ein paar Schritte hinter ihm, und lasse das Schmunzeln zu, das mir auf die Lippen steigt. Er biegt in die Lindenstraße ein, dann in den schmalen Weg, der zu den älteren Häusern am Ortsrand führt, und je weiter wir kommen, desto klarer höre ich es schon, ehe ich sehe, wohin es uns zieht.
Eine Stimme, dünn und brüchig, die immer wieder denselben Namen ruft. Dazwischen ist ein Geräusch, das mir sofort ins Herz geht, das trockene Klappern einer Leckerlidose, geschüttelt und geschüttelt, in die Dunkelheit hinein.
„Tigerle. Tiiigerle. Komm, mein Guter.“
Vor dem letzten Haus bleiben wir stehen, Tobias und ich fast gleichzeitig, und im Schein der Laterne über der Haustür sehe ich den alten Gustav in seinem Garten stehen. Im Morgenmantel über der Hose, die Füße in Pantoffeln, die er bei der Kälte längst nicht mehr anhaben sollte. In der einen Hand die Leckerlidose, mit der anderen stützt er sich am Gartenzaun ab, und er schüttelt die Dose und ruft, schüttelt und ruft, und wendet den Kopf in jede Richtung, als könnte er den Kater herbeisehen.
Als er uns bemerkt, sinkt die Hand mit der Dose herab, und einen Moment lang steht in seinem Gesicht diese jähe Hoffnung, die schlimmer ist als alles andere.
„Habt ihr ihn gesehen? Meinen Tigerle?“
„Noch nicht, Gustav.“ Ich komme an den Zaun. „Aber dafür sind wir da. Erzähl mal, seit wann ist er weg?“
„Seit gestern Nachmittag.“ Er nickt zum Schuppen hinüber, dessen Tür einen Spalt offen steht. „Ich war da drin und hab gekramt, und dann fällt mir die alte Leiter um, mit so einem Krach. Der Tigerle saß neben mir, und der ist raus wie der Blitz, über den Zaun und weg.“ Seine Hand mit der Dose zittert ein wenig. „Und seitdem nichts. Nicht zum Fressen, nicht zur Nacht. Das gibt’s doch gar nicht. Der geht sonst nie weiter als bis zum Nachbargarten, der ist doch keiner von den Streunern.“
„Dann hat ihn der Schreck ordentlich gepackt“, sage ich. „So einer rennt in Panik, bis er nicht mehr kann, und dann verkriecht er sich und traut sich nicht mehr raus. Der sitzt jetzt wahrscheinlich irgendwo mucksmäuschenstill und wartet, dass die Welt wieder ruhig wird.“ Ich lege ihm die Hand auf den Arm. „Wir finden ihn. Aber geh du rein, es ist viel zu kalt für dich hier draußen. Gib mir die Dose, damit locke ich ihn.“
Gustav will protestieren, aber Tobias hat ihn schon behutsam am Arm genommen und führt ihn Richtung Haustür, und irgendwann lässt der alte Mann sich schieben, wenn auch mit einem letzten, langen Blick über die dunklen Gärten.
Tobias und ich stehen allein in der Kälte, und über uns geht der erste Stern auf.
„Und jetzt?“, fragt er.
„Jetzt suchen wir eine Katze.“ Ich knipse die Taschenlampe am Handy an, aber nur die kleine, gedämpfte Stufe. „Im Dunkeln. In fremden Gärten. Willkommen bei der Magie, Tobias.“
Er sieht mich an, lange, und ich kann nicht ganz deuten, was in seinem Gesicht vorgeht, aber es sieht aus wie jemand, der sich fragt, womit genau er das verdient hat.
„Das ist nicht dein Ernst“, sagt er.
„Doch. Und je eher wir anfangen, desto eher hat der arme Kerl seinen Kater wieder.“
Ich zeige ihm, wie man sucht. Runter auf die Knie, unter die Büsche, hinter die Holzstapel, in jeden Spalt, in jedes Loch, das größer ist als eine Faust. Eine Katze macht sich klein, wenn sie sich fürchtet, kleiner, als man denkt, und passt in Ecken, in die man sie nie vermuten würde. 
Wir klingeln uns durch die Straße, ein Haus nach dem anderen. Ob wir mal in den Keller dürften, in den Schuppen, in die Garage, und keiner sagt nein, nicht wenn es um Gustavs Tigerle geht. Die alte Frau Kettmann kommt in Strickjacke und Hausschuhen mit heraus und schließt uns ihre Waschküche auf. Der junge Kettmann bringt eine große Handlampe. „Zu hell“, sage ich. „Das macht ihm nur noch mehr Angst.“ Er dämpft sie brav auf die kleinste Stufe. Zwei Kinder, die längst im Bett sein sollten, dürfen mitsuchen und nehmen es todernster als alle anderen zusammen.
Tobias mittendrin, mit ernstem Gesicht, wie er unter einem fremden Auto herleuchtet und leise nach einem Kater ruft, den er noch nie gesehen hat. Ich muss lachen, und er fängt meinen Blick auf und weiß genau, warum ich grinse.
„Kein Wort“, sagt er.
„Ich hab doch gar nichts gesagt.“
Tobias tritt zur Seite, um hinter eine Regentonne zu leuchten, und mit dem nächsten Schritt versinkt sein Fuß knöcheltief in etwas Weichem, Dampfendem. Der Geruch verrät es schneller als das Licht.
„Ei verrecke!“ Er springt zurück, schüttelt das Bein, und im Schein von einem halben Dutzend Lampen steht er da, neben Kettmanns Misthaufen, mit einem Gesicht, als hätte die Magie ihn ganz persönlich beleidigt.
Ich lache so sehr, dass ich mich an der Regentonne festhalten muss. Die Kinder kreischen vor Vergnügen. Sogar der alte Kettmann gibt ein Geräusch von sich, das entfernt nach Glucksen klingt.
„Das“, sagt Tobias mit letzter Würde und streift sich den Schuh am nassen Gras ab, „steht so nicht in meiner Aufgabenbeschreibung.“
„Steht es doch.“ Ich wische mir die Lachtränen weg. „Kleingedrucktes. Herz sucht Kater, Nebenwirkungen inbegriffen.“
Irgendwann teilen wir uns auf, es geht schneller, wenn nicht alle im selben Pulk suchen. Tobias richtet sich auf einmal auf, mitten in der Bewegung, und wird still. Er legt den Kopf ein wenig schief, als horche er auf etwas, und dann sieht er den Feldweg hinunter, zu den alten Schuppen und Scheunen am Ortsrand.
„Ich geh mal da lang“, sagt er. „Schau du hier weiter.“

Ich suche noch bei den Kettmanns im Hof, leuchte hinter die Mülltonnen und unter den alten Anhänger, als ich es in den Händen spüre.
Das Summen ist warm und fein, wie gestern bei Sabine, aber diesmal zieht es nicht in die Tiefe, sondern in eine Richtung. Es wird stärker, wenn ich mich zum Feldweg drehe, und schwächer, wenn ich mich abwende. Dort ist es also. Dort müssen wir suchen. Dort ist vorhin auch Tobias hin.
Ich richte mich auf und gehe los, dem Summen nach, den Feldweg hinunter, weg von den Lichtern und Stimmen der anderen, in die Dunkelheit zwischen den alten Schuppen.
Der Schuppen steht windschief am Ende des Feldwegs, ein altes Ding aus verwittertem Holz, und die Tür hängt nur noch halb in den Angeln. Der Lichtschein von Tobias’ Handy tanzt darin herum, und ich höre ihn, ehe ich ihn sehe, wie er sich irgendwo da drinnen durch ein Gewirr aus altem Gerümpel schiebt.
„Tobias?“ Ich bleibe an der Tür stehen und leuchte hinein. Es ist vollgestopft bis unter die Decke, alte Weinkisten, ein zerlegtes Bettgestell, Kanister, Bretter, alles kreuz und quer, und mittendrin Tobias, halb auf den Knien, halb liegend, wie er sich in eine Lücke zwängt, die kaum breiter ist als er selbst.
Ein Reißen, laut in der Stille, Stoff, der nachgibt. Und dann, gedämpft, sein leises Fluchen.
„Alles okay?“, frage ich und mache schon einen Schritt hinein. „Hast du dich verletzt?“
„Nein.“ Es kommt gepresst, konzentriert. „Nur die Hose. Bleib, wo du bist, hier ist kein Platz für zwei.“
Er hat recht, und trotzdem fällt es mir schwer. Ich stehe an der Tür, die Hände fest um die Taschenlampe, und will nichts lieber, als ihm helfen, mit anpacken, das ist mein Metier, verängstigte Tiere, das kann ich, das ist meins. Aber der Schuppen lässt nur einen durch, und der bin nicht ich. Also bleibe ich und leuchte ihm den Weg und beiße die Ungeduld hinunter.
Aus dem Dunkeln, irgendwo hinter den Kisten, kommt ein Maunzen. Ganz leise, dünn und heiser, wie von einem Tier, das seit einem Tag und einer Nacht ruft und keine Stimme mehr hat. Mir zieht sich alles zusammen. Ich kenne diesen Laut, ich höre ihn im Tierheim beinahe täglich, und jedes Mal trifft er mich an derselben Stelle, tief unten, wo das Mitleid sitzt und der Drang, es besser zu machen.
„Da bist du ja“, höre ich Tobias sagen, und seine Stimme ist mit einem Mal eine andere, tief und weich und ganz ruhig. „Na komm. Komm her, Tigerle. Ist ja gut. Ist ja alles gut.“
Ich stehe an der Tür, die Taschenlampe in der Hand, und wage kaum zu atmen, weil ich diesen Moment nicht stören will. Denn das da drinnen, dieses sanfte, geduldige Reden mit einem Tier, das vor Angst nicht mehr weiß, wohin, das ist genau das, was ich kann, was ich liebe, was ich für mein Eigenstes halte. Da kniet ein Mann im Dreck, den ich für nüchtern gehalten habe, für einen Kopfmenschen, und macht es, als hätte er nie etwas anderes getan. Kein Locken, kein Zerren. Nur da sein und warten, bis das Vertrauen größer wird als die Furcht. Ich hätte es keinen Deut anders gemacht.
Mir wird eng in der Kehle, und ich bin heilfroh, dass er mich gerade nicht ansieht. 
Es dauert. Ich höre ihn sich zurückschieben, Zentimeter um Zentimeter, immer weiter redend, damit der Kater nicht wieder in Panik gerät, und dann schält er sich rückwärts aus der Lücke und kommt auf die Füße.
Er steht im Licht meiner Lampe, und mir bleibt die Luft weg. 
Tobias ist von oben bis unten verdreckt, das Haar voller Spinnweben, ein Streifen Staub quer übers Gesicht, die Hose am Knie aufgerissen. An seine Brust gedrückt, in beiden Händen, hält er einen kleinen, zitternden, grau getigerten Kater mit weißem Lätzchen, der sich in seine Jacke krallt, als hinge sein Leben daran. Tobias merkt gar nicht, wie er aussieht. Er sieht nur den Kater an, redet weiter leise auf ihn ein, streicht ihm mit einem Finger über den Kopf, wieder und wieder, und in seinem Gesicht liegt eine Sanftheit, die ich ihm nie zugetraut hätte.
Mein Atem geht flach, und in meiner Brust breitet sich eine Wärme aus, die von innen gegen die Rippen drückt und mir bis in die Fingerspitzen kriecht. Ich muss schlucken. Meine Augen brennen, ohne dass ich es kommen sehe, und ich bin froh um die Dunkelheit, die verbirgt, was mir gerade ins Gesicht geschrieben steht. Ich sehe diesen dreckigen, zerzausten Mann mit dem Kater an der Brust, und ich möchte im selben Moment lachen und weinen und einfach zu ihm hingehen, und ich verstehe nichts davon.
„Sag mal“, frage ich, während wir nebeneinander den Feldweg hinaufgehen, „wie bist du eigentlich auf den kleinen Pfad da hinten gekommen? Den hab ich in der Dunkelheit kaum gesehen.“
„Weiß auch nicht.“ Er zuckt mit den Schultern, den Kater immer noch fest an der Brust. „Nur so ein Gefühl. Ich hab ihn gesehen und wollte wissen, ob da hinten vielleicht Verstecke sind.“
„Nur so ein Gefühl“, wiederhole ich.
„Ja.“
Ich sage nichts weiter. Ich lächle nur vor mich hin in die Dunkelheit.
Bei Gustav brennt Licht, und kaum biegen wir in seine Straße ein, geht auch schon die Haustür auf. Er muss am Fenster gewartet haben, die ganze Zeit, und als er uns sieht, Tobias mit dem kleinen grauen Bündel an der Brust, bleibt er im Türrahmen stehen, eine Hand am Griff, die andere vor dem Mund.
„Tigerle“, sagt er, und mehr bringt er nicht heraus.
Tobias tritt zu ihm und legt ihm den Kater vorsichtig in die Arme, und in dem Moment, in dem Gustav sein Tier wieder spürt, dieses warme, zitternde Fell an seiner Brust, geht ein Ruck durch den alten Mann. Er drückt das Gesicht in Tigerles Nacken, und seine Schultern beben.
„Du dummer Kerl“, murmelt er in das Fell. „Du dummer, dummer Kerl. Wo warst du nur.“
Tobias steht daneben, verdreckt, mit der zerrissenen Hose, und sieht dem alten Mann und dem Kater zu, und ich sehe genau den Moment, in dem es ihn erwischt. Wie etwas in seinem Gesicht weich wird, wie er schluckt, wie er wegsehen will und es nicht kann. Ein alter Mann, der sein Liebstes wiederhat, und Tobias daneben, dem es sichtlich näher geht, als er je zugeben würde. 
„Kommt rein“, sagt Gustav endlich, mit nasser Stimme. „Kommt rein, ihr beiden, ihr müsst euch aufwärmen.“ Sein Blick wandert zu Tobias, zu der zerrissenen Hose, dem Dreck. „Und du kriegst erst mal einen Schnaps. Oder zwei.“ 
Wir gehen noch mit hinein, für eine Weile, sitzen in Gustavs warmer Stube, während Tigerle sich auf seinem Schoß zusammenrollt und endlich wieder zu schnurren anfängt. Wir trinken den Schnaps, den er uns aufdrängt, und Gustav krault den Kater hinter den Ohren. „Den hat meine Frieda angeschleppt“, sagt er. „Vor elf Jahren, aus dem Straßengraben, nass wie ein Lappen. Ich hab gesagt, der kommt mir nicht ins Haus.“ Er lacht. „Seitdem schläft er auf ihrer Seite vom Bett.“ Es wird spät, ehe wir uns losreißen können.
Wir machen uns auf den Heimweg, müde und wortkarg. Tobias sieht in seiner zerrissenen, verdreckten Hose zum Fürchten aus, und trotzdem gehe ich gern neben ihm her durch die stille, dunkle Nacht. In mir ist eine Wärme, die nichts mit dem Schnaps zu tun hat. Ich sehe sie mir lieber nicht zu genau an.