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Birgit Wichmann

Anatomie der Dummheit: Ein Spiegel in Versen

Nicht schummeln Schätzchen

Sie stehen im frühen Morgenlicht.
Nicht, dass das Licht noch bricht.
Darüber der Filter der Gnade.
Ohne geht nicht keine Frage.
Der Kaffee dampft. Sie lächeln still, weil es die Performance heute so will.
Authentisch sollen sie rüberkommen, damit bleibt der Sponsor wohlgesonnen.
Auch der Algorithmus flüstert leise,
füttere mich auf meine Weise.
Beichte mir, was jeder hören will, lautstark und schrill.
Und so bekennen sie in bekannter Weise: #nofilter #echtjetzt #ichbinso auf ihre Weise.
Sie preisen Produkte mit zehn Affiliate-Links
im Heiligenschein.
Ein Abo für 4,99 €? Was darfs sonst noch sein?
Sie weinen live und immer in HD,
der Rabattcode dabei ist kein Schmäh.
Und wir? Wir nicken dankbar dazu, für drei Sekunden, dann ist wieder Ruh.
Ein Strand ist kein Strand, wenn er nicht sichtbar im Netz.
Wo bleibt nur Meister Petz?
Ein Sonnenuntergang oh Gott, welche Gnade,
ohne Story ist er aber keine Ware.
Er existiert nun in 9:16 und HD.
Der Strand selbst lächelt nur still o weh.
Alle jubeln und feiern ihn,
aber ist er auch echt im KI-Geflecht?
Wer nicht sichtbar in den sozialen Netzen
ist beinahe nie gewesen.
Hat es denn so etwas je gegeben?
Doch dann oh Schreck, der Akku ist auf einmal weg.
Das WLAN schwächelt, welche Not in den sozialen Medien sind wir tot.
Da sitzen wir nun und die Tränen laufen, alles echt, aber niemand kommt angelaufen.
Niemand jubelt uns zu und nu?
Vielleicht ist das der wahre Skandal. Wir alle wollen gesehen werden und vergessen dabei zu sein. Vertrauen lieber dem schönen Schein als dem echten Leben.
Wofür wurde uns Hirn gegeben?