Anatomie der Dummheit: Ein Spiegel in Versen
Im Zimmer mit Blick auf den Parkplatzrand sitzt Mutter
und faltet die Hände gebannt.
Die Jahre, sich langsam wie Staub auf sie legen.
Das Radio es rauscht und es riecht nach Regen.
„Es geht mir ja gut hier“, sagt sie leise,
„man hat doch Gesellschaft
auf eine besondere Art und Weise.“
Die Kinder sind fern. Sie haben zu tun. Ich darf hier ruhen. Man muss ja auch leben und Rechnungen zahlen, da will ich mich doch gar nicht beklagen.
Die alten Fotos an der Wand lächeln still und weise. Damals war Nähe noch kein Pflichtbesuchssprung,
aber damals war sie auch noch jung.
Dann plötzlich ein Wunder im Pflegeheimflur das ist doch sonst gar nicht ihre Natur. Eine Nichte, ein Neffe und ein Schwur. „Ach Tantchen, wie geht es? Du machst aber noch eine gute Figur.“ Die Stimmen weich, die Augen strahlen, womit kann man hier noch prahlen.
Sie drücken der Tante Pralinen in die Hand und fragen so nebenbei ganz banal nach dem Stand. Das Testament ja nicht unwichtig ist, das weiß doch heute jeder Schelm.
Was steht drin, sag ganz schnell.
„Du weißt doch, wir lieben dich sehr,
aber mit der Arbeit ist es uns schwer
dich hier zu besuchen. Also nimm es nicht krumm.“
Die alte Hand zittert plötzlich vor Glück. Ein Besuch, ein längst verloren gegangenes Familienglück. Leise lächelt sie vor sich hin. Es ist die reinste Idylle,
bei der sonst herrschenden Stille.
Bedürftigkeit ist keine Zier, aber wer sagt es ihr?
Ein kleiner Satz „Wir denken an dich“ lässt leuchten
ihren sonst traurigen Blick.
So wird sie im Inneren warm und vergisst allen Gram.
Doch draußen, im Flur, wird leise gerechnet:
Wie groß war das Haus?
Was hat es gebracht? Hat sie uns auch wirklich bedacht?
Das gilt es herauszufinden, bevor andere sie an sich binden.
Wenn dann der Winter endgültig kommt und
der kalte Atem im Zimmer nur noch flach bei ihr wohnt,
dann stehen sie da, in dunkler Garderobe,
mit Tränen im Blick und Berechnung im Lobe.
Tantchen jedoch hat zuletzt nur gedacht:
„Wie schön, dass mich jemand noch einmal besucht hat.“
Vielleicht ist das Erbe nicht Geld und nicht Stein,
sondern der Hunger nach Nähe und Sein.
Der größte Betrug ist nicht das Testament,
sondern der Besuch,
denn wer Liebe erst findet im Schatten des Geldes,
verliert sie am Ende an den Hellsten des Feldes.
So endet die Rechnung still und verkehrt:
Man erbt vielleicht Häuser, doch wer erbt das Herz?