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Birgit Wichmann

Das Geheimnis der roten Steine

Rittersitz im Nebel

Der Morgen ist kühl und Nebel liegt auf den Feldern. Die beiden Männer hoch zu Ross verschwinden immer wieder in den Nebelschwaden, um kurze Zeit später wieder aus ihnen aufzutauchen. Aus den Nüstern der Pferde steigt weißer Dampf. Die Pferde schwitzen vor Anstrengung, denn ihre Reiter treiben sie immer wieder unbarmherzig zur Eile an. Der Landstrich wirkt menschenleer, herrenlose Hunde geistern durch das Land. Ebenso Wölfe, die hungrig sind und immer wieder Reisende angreifen. Die Dörfer, durch die sie reiten, liegen wüst da. Die Felder sind nicht bestellt. Selbst die Städte sind entvölkert. Der Dreißigjährige Krieg ist vorbei, aber das Land Mecklenburg verfällt immer mehr in die Rückständigkeit.

Plötzlich zügelt einer der Reiter sein Pferd und weist auf eine kleine Anhöhe vor ihnen. “Dort oben seht ihr die Reste meines Familienbesitzes. Im Krieg zerstört wartet er jetzt darauf, wieder aufgebaut zu werden. Ihr Meister Dieussart seit der richtige Baumeister für mich. Ich bin froh, euch in Hamburg getroffen zu haben. Noch mehr begeistert es mich, dass ihr zugestimmt habt, mich nach Mecklenburg zu begleiten.” In die nun folgende Stille hinein hört man nur ein kurzes Räuspern. “Ich sehe keinen Familienbesitz, Herr Generalmajor. Das sind die Überreste einer Burg. Mit dem Bau einer solchen bin ich nicht vertraut. Ich fürchte, dass ich der Falsche für euer Vorhaben bin.” Der mit Generalmajor Angesprochene winkt energisch ab. “Ich weiß, das ihr der Richtige für mein Vorhaben seid. Sicher, es sieht hier derzeit nicht gerade sehr einladend aus, aber gerade das soll sich ja ändern. Auf den Grundfesten der Burg sollt ihr ein Lustschloss errichten, und zwar eines, welches Mecklenburg noch nicht gesehen hat. Selbst unser Herzog soll staunen.” Meister Dieussart fühlt sich nicht sehr wohl in seiner Haut. Er hat während der Reise von Hamburg nach Mecklenburg viel Elend gesehen und dieser Herr will ein Lustschloss errichten lassen? Mit welchem Geld? Die Leute hier sind doch arm wie Kirchenmäuse. “Verzeiht hoher Herr, ich möchte euch nicht zu nah treten, aber wie wollt ihr das bezahlen? Eure Untertanen hungern, die Bauernhöfe sind zerstört und die Felder unbestellt. Selbst wenn ich Fachkräfte finden würde, ohne Lohn werden sie nicht arbeiten.” Um den Mund des Generalmajors spielt ein listiges Grinsen und seine Augen beginnen zu leuchten. “Ich sehe schon, ihr kennt euch hier nicht aus und ich muss euch zumindest ein wenig in die Mecklenburger Gepflogenheiten einweihen. Doch ich muss anmerken, dass euch meine finanzielle Situation nichts angeht. Ihr werdet euer Geld sicher erhalten.” Seine Stimme hatte einen spitzen, leicht schrillen Tonfall mit einem gefährlich klingenden Unterton angenommen. Schließlich hatte er im Dreißigjährigen Krieg seinem Herzog treu gedient und einiges an Gewinn einstecken können. Doch davon musste der gute Dieussart nichts wissen. Er hatte ihn mit Bedacht ausgewählt, war er doch ein ausgebildeter Skulpteur und weniger ein Architekt. Dieser Bau war für Dieussart vielleicht der Eintritt in ein Leben als Architekt. Als geflüchteter Hugenotte wurde es ihm schwer gemacht, als Skulpteur und Architekt Fuß zu fassen. Er hatte keine Zeugnisse und keine Referenzen. Daher war er billig zu haben. Der Generalmajor wusste das und wusste diesen Umstand auch für sich zu nutzen. Auch wenn er begütert war, jede Kostenersparnis würde seinen Reichtum weiter mehren. Nach dem Krieg, wollte er sich seinen Gütern widmen, die dank des Krieges noch etwas größer geworden waren. Allerdings waren sie in einem erbärmlichen Zustand. Die Kriegsspuren hatten zwar deutliche Spuren in ganz Mecklenburg hinterlassen, aber sein Vermögen war nicht geschrumpft. Ganz im Gegenteil. Doch sein Alter meldete sich immer spürbarer zu Wort. Dem musste er gerecht werden, aber woher sollte Dieussart das wissen.

Generalmajor: “Seht Meister Dieussart im Jahr 1624 wütete von Rostock her kommend die Pest im Lande. Sie kam nicht das erste Mal. Große Teile der Bewohner fielen ihr zum Opfer. Mit dem Dreißigjährigen Krieg und der Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken kam der Hunger und weiteres Elend dazu. Die Soldaten beider Seiten nahmen nicht nur das Hab und Gut der Menschen mit, sie verwüsteten auch die Äcker, verzehrten das Vieh und töteten die Bewohner. Ihr werdet hier in Mecklenburg heute im Jahr 1655 kaum noch Korn und Vieh finden. Und so doch, so werdet ihr feststellen, dass sich der Preis für das Getreide verzehnfacht hat. Das Volk in Mecklenburg ist auf etwa 50.000 Menschen zusammengeschrumpft. Vormals waren es 300.000 Einwohner. Es wird Jahrhunderte dauern, bis wir uns davon wieder erholen. Es gibt kaum noch bewohnbare Häuser und so doch, so sind sie baufällig. Viele Dörfer werden nicht wieder aufgebaut und werden deshalb aus der Geschichte verschwinden. Ihr habt selbst gesehen, wie herrenlose hungrige Hunde, aber auch Wölfe durch dieses Land streifen. Auf unseren früher reich bestellten Äckern wachsen nun Gestrüpp und Bäume in großer Zahl. Um den Ackerbau wieder zum Leben zu erwecken, braucht es nicht nur Menschen, sondern auch Rindvieh und Pferde. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten.”