Das Geheimnis der roten Steine
Als Meister Dieussart am nächsten Morgen das herzogliche Schloss in Güstrow betritt, hat er ein flaues Gefühl im Magen. Wird sein Plan aufgehen oder hat er der Witwe voreilig ein Versprechen gegeben, welches er nicht halten kann. Geduldig wartet er, bis er zum Generalmajor vorgelassen wird. Als er endlich das Zimmer betreten darf, merkt ihm niemand seine Nervosität an. Doch seine Nerven sind zum Zerreißen gespannt.
Dieussart sich leicht verbeugend: “Ich danke euch, dass ihr Zeit gefunden habt.”
Generalmajor: “Bringt ihr gute Neuigkeiten aus Roßevitz?”
Dieussart: “Das kann man wohl sagen. Ihr bekommt eine Hofstelle zu eurem Grundbesitz dazu, ich habe den Plan für euer Lustschloss im Kopf und habe auch einen Gehilfen für mich gefunden.”
Generalmajor: “Donnerwetter, ihr seid aber schnell. Erzählt.”
Schnell breitet Dieussart seinen Plan für den Bau des Lustschlosses vor dem Generalmajor aus. Dieser wirkt sehr zufrieden. Als er jedoch über die Hofstelle und Mathias redet, verdunkelt sich das Gesicht des Generalmajors. Schließlich wird er rot und die Halsschlagader schwillt an. Doch Dieussart lässt sich davon nicht beeindrucken und fährt in einem ruhigen Tonfall fort, seinen Plan zu unterbreiten. Als er geendet hat, bleibt es zunächst unheimlich still im Raum. Dieussarts Nerven sind immer noch zum Bersten gespannt. Doch dann plötzlich poltert der Generalmajor los.
Generalmajor: “Seid ihr von Sinnen Mann. Den Erbpachthof bekomme ich sowieso, da die Pacht dieses Jahr nicht mehr gezahlt werden kann. Warum soll ich auf eine gute Arbeitskraft wie Mathias verzichten?”
Dieussart mühsam an sich haltend: “Weil der Bursche erst zehn Jahre alt ist. So eine gute Arbeitskraft ist ein Kind nicht und wer weiß, ob er überhaupt erwachsen wird. Die Großmutter wird euch auf der Tasche liegen und die Mutter von Mathias ist auch nicht besonders kräftig. Dazu kommt, dass ich Mathias ausbilden werde und euch dann ein gut ausgebildeter junger Architekt zur Verfügung steht.”
Generalmajor: “Papperlapapp, arbeiten kann der Junge, auch wenn er zehn Jahre alt ist. Gut, die Alte ist ein Problem, aber die isst nicht mehr viel. Mit der Mutter wird man sehen. Ich sehe keinen Grund auf Mathias zu verzichten. Ihr wisst, dass ich jede Arbeitskraft brauche. Andererseits finde ich eure Idee gut, dass ich selbst einen gut ausgebildeten Architekten haben werde, der von euch geschult wurde. Trotzdem finde ich, dass das eine zu hohe Ehre für einen Bauernjungen ist.”
Dieussart, sich mühsam beherrschend: “Gut, dann werdet ihr auf meine Dienste verzichten müssen. Ohne einen Gehilfen kann ich euer Bauwerk nicht errichten. Ich kehre nach Hamburg zurück.”
Generalmajor laut lachend: “Das wagt ihr nicht. Ihr steht in meinen Diensten und wollt in die Dienste des Herzogs treten. Mein Wille sei euch daher Befehl, andernfalls sinkt ihr wieder in die Bedeutungslosigkeit zurück. Das wollt ihr nicht. Ich werde derjenige sein, der euch zu einem großen Architekten machen wird. Wollt ihr das aufs Spiel setzen, wegen eines Bauernjungen?”
Dieussart grinsend: “Ich kann genauso fliehen wie eure Bauern. Preußen liefert mich nicht aus und dort kann man vielleicht auch einen Baumeister wie mich gebrauchen. Ihr vergesst, dass ich ein Hugenotte bin und das unstete Leben gewohnt bin. Geht es um Menschenleben, lasse ich nicht mit mir spaßen. Bislang konnte ich meine Familie auch ernähren.”
Generalmajor grimmig: “Im Fliehen seid ihr ja geübt.”