Das Geheimnis der roten Steine
Dieussart ist zufrieden mit sich und der Welt. Drei Jahre hat es gedauert, aber nun steht das Schloss zu Roßevitz. Letzte Arbeiten werden noch am Fries der Außenwand vorgenommen und auch im Inneren wird noch fleißig am Eichenholzparkett gehämmert, aber trotzdem kann er mit seiner Arbeit zufrieden sein. Trotz der doch sehr begrenzten finanziellen Mittel ist das Schloss ansehnlich und wird seinem Besitzer große Freude bereiten. Nun wird sich zeigen, ob sein Plan aufgeht und er fürstlich mecklenburgischer Architekt werden kann, um sich dann in Mecklenburg endgültig niederlassen zu können. Immer wieder hatte der Generalmajor ihn in den letzten Jahren auf den Termin der Fertigstellung vertröstet. Jetzt würde er keine Ausrede mehr gelten lassen. Mathias, inzwischen dreizehn Jahre alt, ist ein tüchtiger Lehrling geworden. Dieussart ist stolz auf seine Leistung und jetzt endlich soll sein Vater ihn als Skulpteur weiter ausbilden. Doch die Reise wird Geld kosten und das ist wie immer knapp. Von einem regelmäßigen Sold ist Dieussart immer noch meilenweit entfernt. Mitten in diesen Gedankengängen hinein hört Dieussart Mathias vom Gerüst vor dem Schloss her, rufen: “Meister Dieussart, da kommen zwei Reiter auf das Schloss zu.” Dieussart hebt den Kopf, um in die angegebene Richtung zu schauen, doch er kann niemanden entdecken. Auch Heinrich, ein Zimmergeselle, läuft auf ihn zu und ruft: “Zwei Reiter Meister Dieussart. Wir müssen aufpassen.” Er bleibt hinter Dieussart stehen und beide schauen mit zusammengekniffenen Augen in die von Mathias angegebene Richtung. Endlich tauchen die zwei Pferde mit ihren Reitern aus der Senke langsam auf. “ Das sieht nicht nach Gesindel aus, Meister Dieussart”, flüstert Heinrich ihm ins Ohr. “ Das sehe ich genauso”, gibt Dieussart ebenso leise zurück. “Es ist von Vier Eggen.” “Tatsächlich”, gibt Heinrich erstaunt zurück, “dann kann ich mich ja wieder an die Arbeit machen.” Langsam trabt er zum Schloss zurück. Hoher Besuch bedeutet meist nichts Gutes. Das weiß er aus Erfahrung. Direkt vor Dieussart bleiben die beiden Pferde stehen und der staunt nicht schlecht, denn es ist tatsächlich von Vier Eggen mit einem Begleiter, den Dieussart zumindest nicht persönlich kennt. Beide springen vom Pferd und gehen, ohne ihn zu beachten oder gar zu begrüßen auf das Schloss zu. Dieussart schaut den beiden verwundert nach. Was hat das zu bedeuten? Da sieht er, wie der Generalmajor hinter seinem Rücken eine Handbewegung macht, dass er ihnen folgen soll. Verdutzt folgt Dieussart dieser stillen Anweisung. Was wird hier gespielt? Am Schloss angekommen erklärt von Vier Eggen seinem Begleiter mit ausladenden Handbewegungen den Bau. Überrascht vernimmt Dieussart immer wieder die Worte ‘Euer Durchlaucht’. Ist das etwa der junge Herzog Gustav Adolph? Die beiden sind bereits im Schloss verschwunden, aber Dieussart steht immer noch wie angewurzelt davor. Da taucht Heinrich plötzlich im Türrahmen des Haupteingangs auf und winkt ihn zu sich heran. “Die warten auf euch Meister.” Schon ist er wieder verschwunden. Im Schloss empfängt ihn die Kühle des Baus, die Schockstarre weicht und seine Lebensgeister kehren allmählich wieder zurück.
Generalmajor vergnügt: “Eure Durchlaucht, darf ich Euch den Mann vorstellen, der diesen Bau geplant und geleitet hat?”
Herzog Gustav Adolph sich zu Dieussart drehend und auf ihn zeigend: “Ist er es mein Lieber von Vier Eggen?”
Generalmajor: “Ja, Eure Durchlaucht.”
Herzog Gustav Adolph sich an Dieussart wendend: “Es freut mich einen so begabten Architekten in meinem Land zu haben. Von Vier Eggen hat mir viel von euch erzählt. Er wird sicher nichts dagegen haben, auch für mich einen ähnlichen Bau zu planen und zu leiten. Ich wünsche mir so ein kleines Lustschloss außerhalb von Güstrow für meine Gemahlin. Es soll Magdalenenlust heißen. Eine Anzahlung sollt ihr auch erhalten. Regelt die Angelegenheit mit von Vier Eggen in den nächsten Tagen.”
Dieussart irritiert sich verbeugend: “Danke Eure Durchlaucht für diese neue Möglichkeit, mich in Eurem Land als Architekt betätigen zu dürfen.”
Herzog Gustav Adolph gönnerhaft: “Die Gnade sei ihm gewährt.”