Die Hüterin der Worte
Die zwei Tage vergingen wie in einem Schwebezustand. Nicht ganz hier, nicht ganz dort. So als würde ihre Seele mit ein paar Atemzügen Verspätung durch die Straßen treiben, während ihr Körper bereits lief.
Sie war spazieren gegangen, allein durch enge Gassen, die sich wie Erinnerungsadern durch die Stadt zogen. Ihre Schritte hatten keinen Plan, ihre Wege kein Ziel. Es war ein zielloses Umherwandern wie ein inneres Tasten, als würde sie mit jedem Schritt fragen: Wohin als Nächstes?
Sie hatte Märkte durchstreift, ohne etwas zu kaufen. Düfte von Kreuzkümmel, frischer Minze, Granatapfel und gegrilltem Fleisch zogen durch die Luft wie flüchtige Einladungen ins Leben. Doch sie trat nicht ein. Sie war nicht hungrig. Nicht auf Essen.
Sie war auf der Suche nach etwas anderem.
Nach Stille.
Nach Raum.
Nach einer Antwort, die nicht sprach, sondern erschien.
Sie hatte nachgedacht, geträumt und geschrieben. Ihre Gedanken flossen wie Tinte über das Papier. Manchmal in klaren Linien, manchmal in wirren Schleifen. Sie schrieb nicht für ein Ziel, sondern um ihre Fragen zu berühren.
Und immer wieder blickte sie in das Gesicht der Märchenerzählerin in ihren Gedanken, in ihrem Innern, auf dem imaginären Papyrus der Erinnerung. Es war da. Nicht auf Papier, nicht in der Welt, aber zwischen den Welten.
Wie ein leiser Gesang, der nur erklingt, wenn man innehält.
Dieser Schwebezustand, so ungewohnt er war, tat ihr gut. Weil er keine Antworten verlangte. Weil er sie nicht drängte, sondern hielt.
Wie ein stilles Versprechen zwischen dem Alten und dem Neuen.
Zwischen dem, was sie war und dem, was sie noch werden konnte.
Am Abend des dritten Tages klopfte es an ihre Tür.
Zweimal.
Leicht.
Vertraut.
Sie öffnete.
Elian lächelte schräg und zart. Sprach kein Wort.
Nur ein Nicken.
Ein wissender Blick, der sagte: Jetzt bist du bereit.
Und sie war es. Ohne zu wissen, wozu.
Sie folgte ihm.
Sie gingen zu Fuß durch ein Viertel das sie nicht kannte.
Die Wege wurden enger, das Pflaster unebener, so als würden sie tiefer in eine andere Schicht der Stadt sinken. Keine Souvenirläden mehr und keine leuchtenden Schilder. Nur kleine Werkstätten mit blätternden Fassaden, eine Bäckerei, aus deren offenem Fenster noch der Duft von Sesam und Hefe strömte, ein Schuster, der im Türrahmen saß und sie kurz musterte. Rostige Tore und alte Mauern, an denen der Putz abbröckelte wie eine vergessene Erinnerung.
Plötzlich eine graugetigerte Katze, die sich ihnen anschloss, als wäre sie Teil der Geschichte.
Es war dunkler hier. Kein gefährliches Dunkel, eher ein Dunkel wie ein Mantel. Schützend. Vertraulich. Sie hätte sich fürchten können.
Aber Elian ging ruhig und mit einem Vertrauen den Weg, das auf sie übersprang. Und so ging sie weiter, Schritt für Schritt, ohne Fragen zu stellen.
Dann, wie aus dem Nichts: ein unscheinbares Lokal.
Fast verborgen hinter wuchernden Weinranken und einem verwitterten Holzbogen, der kaum noch lesbar ein Wort trug. Vielleicht ein Name, vielleicht auch nur ein Symbol.
Ein alter Mann mit wettergegerbtem Gesicht und wachem Blick öffnete ihnen. Seine Augen waren dunkel, freundlich, schweigend und wissend. Er nickte knapp, als hätte er sie erwartet und führte sie durch einen schmalen Gang in einen hinteren Raum.
Drinnen empfing sie warmes Laternenlicht, das die Ecken in goldene Schatten tauchte. Tische aus dunklem Holz, mit von der Zeit gegerbten Tischdecken und bestickt mit verblassten Mustern. An den Wänden hingen Fotografien in schwarz-weiß, eingerahmte Kalligrafien und kleine Keramikfiguren, die auf den ersten Blick willkürlich und auf den zweiten bedeutungsvoll wirkten.
Eine Nische wie ein Ort des Rückzugs.