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Birgit Wichmann

Die Hüterin der Worte

Der Ruf der zeitlosen Pfade

„Wir nehmen den Back Trail zum Kloster Ad Deir.
Ein Weg, den kaum jemand geht“, sagte Elian am nächsten Morgen und deutete mit dem Kopf zu der schmalen Pfadspur, die sich von der Hauptstrecke abwand.
Sein Ton war ruhig, fast beiläufig und doch lag darin eine Entschlossenheit, die keinen Raum für Zweifel ließ. Es war kein Befehl, aber eine Einladung, der man sich nicht entzog.
Sie fragte nicht warum. Sie fügte sich einfach.
Nicht aus Nachgiebigkeit, sondern weil es sich richtig anfühlte. Weil sie in ihm einen Kompass spürte, den sie selbst verloren hatte. Elian war keiner, der leichtfertig Wege vorschlug und schon gar keine einsamen, unbequemen.
Er blickte den Pfad entlang, als sähe er etwas, das noch im Nebel lag.
„Ad Deir ist nicht einfach nur ein Kloster“, sagte er schließlich, während sie langsam zu gehen begannen. „Es ist … der Endpunkt oder der Anfang. Man weiß es nicht. Dort fand man kaum Inschriften. Keine klare Funktion. Nur gewaltige Stille in Stein gemeißelt. Manche nennen es das Kloster, andere glauben, es sei ein Sonnenheiligtum, also ein Ort der Übergänge.“
Der Back Trail stieg langsam an. Staub wirbelte um ihre Schuhe und das Licht wurde schärfer. Die Welt war weiter hier, ungeschützt und schroff.
„Früher“, fuhr Elian fort, „kamen Pilger hierher. Nicht, weil sie wussten, was sie erwartete, sondern weil sie suchten. Manche glaubten, dass die Nabatäer in den Felsen Orte schufen, die mit der jenseitigen Welt kommunizierten. Portale aus Stein oder Geschichten, die man nur mit dem Herzen lesen kann.“
Sie schwieg. Nicht, weil sie nichts zu sagen hatte, sondern weil ihre Gedanken in den Bildern schwebten, die seine Worte weckten.
„Wie ein Märchenort“, murmelte sie.
Er nickte.
„Einer, in dem der Weg zum Ziel wird und das Ziel sich vielleicht wandelt, wenn man es erreicht.“
Sie blickte auf den schmalen Pfad vor sich, der sich durch karges, rotgoldenes Gestein wand. Die Hitze war nicht drückend, aber wachsam. Als müsste man sich ihren Respekt verdienen.
Und wieder fragte sie sich, warum sie ihm so ohne Zögern folgte. Warum es ihr keine Angst machte, dass sie nicht wusste, was am Ende des Weges lag.
Dabei war die Antwort einfach. Weil sie in seiner Nähe nicht mehr das Gefühl hatte, allein suchen zu müssen.
Weil seine Ruhe etwas in ihr zum Klingen brachte, das lange stumm gewesen war.
Keine Stimme in ihr widersprach. Nicht heute. Und so gingen sie weiter. Schritt für Schritt auf einem alten Weg, der vielleicht mehr wusste, als sie beide zusammen.
Die Luft war noch kühl. Ein milder Wind trug den Geruch von Stein und Thymian. Vor ihnen lag ein Pfad aus Geröll und hellem Sand, gesäumt von Wacholderbüschen, die sich dem ewigen Licht entgegenstreckten wie alte Zeugen einer anderen Zeit. Der Aufstieg begann gemächlich, wurde aber bald steiler. Unter ihren Füßen knirschte der Boden, lose Steine, uralte Stufen, abgeschliffen von Jahrhunderten nomadischer Füße.
Elian ging voraus, sicher und aufmerksam. Seine Stimme war ruhig, fast ehrfürchtig, als er erzählte:
„Der Back Trail war einst ein Pilgerweg. Nicht für die Öffentlichkeit gedacht, sondern für die Eingeweihten. Diejenigen, die das Kloster nicht nur sehen, sondern begreifen wollten. Die Nabatäer erbauten Ad Deir im 1. Jahrhundert. Aber davor, viel früher, war dieser Ort heilig. Ein heiliger Felsen. Die ersten Rituale, sagen einige, galten der Göttin al-‘Uzzā. Andere sprechen von einem verlorenen Stamm, der nur durch Symbole sprach.“
Sie lauschte ihm, spürte, wie sich mit jedem Schritt etwas in ihr verschob. Nicht laut und nicht sichtbar. Sondern leise wie Sand, der in einer alten Sanduhr seinen Platz verändert. Der Pfad unter ihren Füßen war rau, und doch schien er sie zu tragen, als würde er sie kennen. Die Steine fühlten sich plötzlich lebendig an, als hätten sie Erinnerungen in sich gespeichert und warteten nur darauf, dass jemand zuhört.
Der Weg wurde schmaler und schraubte sich zwischen rostrot aufragenden Felsen empor, schnitt durch Schluchten, die das Licht wie durch ein Sieb streuten. Dann, wie nach einem Atemholen, öffnete sich die Landschaft. Eine Ebene, weit, von Wind durchzogen, flirrend in der Mittagssonne, als wäre der Boden aus Goldstaub gewebt, erschien vor ihnen.
Und dort am Horizont zeichnete sich das Kloster ab.
Ad Deir.