Machtspiele
Unser Start ist bereits einige Stunden her. Ich habe das Gefühl, als würde ich schon eine Ewigkeit festgeschnallt in diesem unbequemen Plastiksitz warten.
Meine Hände umschließen die harten Gurte, während ich die neuesten Nachrichten von der Erde lese, die auf einem kleinen Bildschirm vor mir angezeigt werden. Der Flug verläuft bisher ohne Zwischenfälle. Unser Ziel ist die europäische Raumstation Utopia. Durch ihre Größe füllt sie fast die ganze Panoramascheibe unserer kleinen Raumkapsel aus.
Normalerweise drehen sich die Raumkapseln, die Besucher von der Erde zur Station bringen, mit dem Heck zur Station, um mit den Triebwerken langsam und für die Passagiere angenehm abzubremsen. Somit bleibt die direkte Sicht auf den Koloss für die Insassen in der Regel verborgen. Doch unsere Raumkapsel wird bis zum letzten Moment mit Höchstgeschwindigkeit auf die Raumstation zufliegen und erst kurz vor dem Landeanflug abbremsen.
Heute ist keine Zeit für ein langsames und bequemes Bremsmanöver. Wochenlang haben mein Begleiter und ich uns auf diesen Tag vorbereitet.
Nachdem vor wenigen Stunden die Anweisung kam, uns zu einer geheimen Besprechung auf der Raumstation zu melden, brachen wir hastig von der Zentrale des Europäischen Geheimdienstes auf. Froh darüber, dass unserer Bitte um eine Besprechung der höchsten Regierungs- und Militärfunktionäre endlich stattgegeben wurde. Es wird ein historischer Tag.
Sicher lohnt es sich für mich heute genauso wie bei meinem letzten Besuch auf der Station.
Unterbrochen werden meine Gedanken durch die mechanische Stimme des Bordcomputers.
»Beginn des Bremsmanövers in dreißig Sekunden.«
Ich wende meinen Blick vom Bildschirm ab und starre ins Innere der Kapsel.
Gesteuert wird unsere Raumkapsel von einer autonomen künstlichen Intelligenz. Zumindest ist sie so intelligent, wie sie sein muss, um die Kapsel mit einer extremen Geschwindigkeit durch den leeren Raum zu manövrieren.
Meine einzige Gesellschaft sitzt rechts neben mir. Ein Mann um die fünfzig Jahre alt, mit kurzem braunem Haar, stahlblauen Augen und einem kantigen Gesicht. Er ist tief in seine aus mehreren handschriftlich beschriebenen Blättern bestehenden Notizen versunken. Seine Uniform ist wie immer tadellos hergerichtet. Die Arme ruhen auf seiner schneeweißen Hose, und sein Kopf ragt aus dem Kragen seiner dunkelblauen Uniformjacke hervor.
Seit vielen Jahren ist er mein direkter Vorgesetzter. Trotzdem hält er immer eine professionelle Distanz zu seinen Untergebenen, so auch zu mir. Er ist eher der schweigsame Typ, jemand, der seine Worte stets mit Bedacht wählt und jede Konversation auf das Notwendigste reduziert. Daher haben wir in den zurückliegenden Stunden praktisch nicht miteinander geredet.
Obwohl wir gut vorbereitet sind und eine genaue Vorstellung haben, wie das Gespräch auf Utopia ablaufen soll, wirkt mein Begleiter angespannt.
Sein Name ist Novak Radić. Die zwei goldenen Sterne auf seinen Schulterklappen weisen ihn als Oberst des European Intelligence Service aus. Unbeeindruckt von dem vor uns liegenden gefährlichen Bremsmanöver und dem Anblick der Raumstation, sieht er auf seine Notizen.
Majestätisch schwebt Utopia dem Anschein nach bewegungslos in der Leere des Alls. Jahrzehntelang hat der ganze Kontinent Europa an ihr gebaut. Rohstoffe wurden aus allen Winkeln des Sonnensystems zusammengetragen, um das Projekt zu verwirklichen.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass dieser gigantische O'Neil-Zylinder schon zu meinen Lebzeiten fertiggestellt wird. Ein Habitat für Millionen Menschen, die im Weltraum leben und arbeiten. Keine andere Nation hat bisher eine solch gewaltige Anstrengung unternommen.
Wenn die klimatischen Bedingungen auf der Erde nicht so katastrophal wären, hätte vermutlich niemand so viel Geld ausgegeben.
Die Raumstation besteht aus zwei riesigen Metallzylindern, deren Größe selbst den dahinter sichtbaren irdischen Mond unspektakulär wirken lassen. Die Zylinder, jeder knapp dreißig Kilometer lang und zehn Kilometer im Durchmesser, schimmern silbrig weiß im Sonnenlicht. Die Oberfläche des kleinen, beide Zylinder verbindenden zentralen Knotenpunktes von Utopia überziehen Dutzende von großen und kleinen Luken, Andockklemmen und Luftschleusen.
Der gigantische Ring aus Sonnenkollektoren und die wie kleine Inseln im Raum schwebenden Gewächshäuser an den Verbindungsstreben bilden mit ihren sanften Tönen aus Dunkelgrau und Grün einen Kontrast zum Rest der metallischen Station. Der Anblick wirkt fremdartig und in gewissem Maße surreal.
Ein blaues Rechteck von der Größe einer Kleinstadt, mit einem goldenen Pegasus, eingerahmt von vierzehn silbernen Sternen, ist auf die Hülle der Raumstation gemalt. Das Hoheitszeichen der Europäischen Weltraumstreitkräfte
Auf jeden Fall ist das Leben dort angenehmer als auf der Erde.
Schlagartig reißen die Steuertriebwerke des Reaction-Control-Systems unsere Raumkapsel herum, und leichter Schwindel steigt in mir auf. Gedankenversunken habe ich die letzte Warnung des Bordcomputers vor dem Manöver verpasst. Utopia verschwindet aus unserem Sichtfeld, und die Kapsel stürzt mit dem Heck voran dem Koloss entgegen. Sofort werde ich in meinen Sitz gepresst.
Die Triebwerke bremsen uns auf Landegeschwindigkeit ab, stemmen sich mit aller Kraft gegen unsere Flugrichtung. Starke Vibrationen erschüttern die Raumkapsel. Jedes Stückchen Metall ächzt unter der Belastung.
Mehrere Minuten lang müssen wir Kräfte von zwei bis drei g über uns ergehen lassen. Es wäre untertrieben zu sagen, dass das Atmen nur etwas schwerer fällt.