Marcus (Band 1)
Marcus rannte! Er rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war, so schnell, so ausdauernd, wie er – dem man keine Sportbegeisterung nachsagte – es selbst nicht für möglich gehalten hatte. Erst den schmalen Weg entlang, dann über die Wiese, alsbald pflügte er durch ein Weizenfeld. Er spürte nicht, wie sein Atem heftiger wurde, sein Puls schneller schlug – nicht einmal die Beine wurden ihm schwer. Das, was ihn verfolgte, wog schwerer als jeder körperliche Schmerz, schwerer als das Verlangen, sich fallen zu lassen – sich endlich auszuruhen. Es war Angst – die Angst um sein Leben! Gestaltlos – deutlich spürbar – saß sie ihm im Nacken – drohte, ihn einzuholen, nach ihm zu greifen – ihn zu fesseln. Marcus rannte! Er rannte die Küste entlang – rannte, bis er die Lichter von Bliesdorf sah.
Stopp!
Er hielt inne. Bliesdorf – kein großer Ort, nur wenig mehr als zweitausend Einwohner, eine Schule, ein Sportplatz – baute sich wie eine Mauer vor ihm auf. Er blickte sich um: Niemand war zu sehen, soweit er in der Dunkelheit sehen konnte. Niemand war zu hören, soweit er angesichts der brachial an die Felsenküste schlagenden Wellen einen Menschen aus der Ferne hätte hören können.
Marcus warf sich in das nasse, hohe Gras – spürte plötzlich seinen Atem, spürte seine Beine, seine Lunge, sein Herz, seinen Puls. Er fühlte den Schmerz, der sich langsam in seinem Körper ausbreitete. Er sah auf seine Digitaluhr: Es war drei Uhr, Sonntag, der 13. August 1989 – Marcus’ zehnter Geburtstag. Er sollte im Bett liegen und schlafen. Stattdessen kauerte er hellwach im Gras – vor ihm Bliesdorf, dahinter die Fähre, das Ende der Insel – kein Weiterkommen, ohne gesehen zu werden. Er fürchtete den Sonnenaufgang.