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R. G. Grahl

Marcus (Band 1)

Vor der Flucht

Hafen und Bahnhof von Chleister lagen knapp zwei Kilometer außerhalb des Ortes, angebunden durch die Küstenstraße und – zum Glück – eine Buslinie. Die Fahrt bis zur Ortsmitte im dank der Kindergruppe überfüllten Bus dauerte nicht ganz zehn Minuten. Chleister ist, wie die meisten Städte in Nahland, nicht sehr alt – errichtet zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zwischenzeitlich bei einer Sturmflut 1907 fast vollständig zerstört und danach hinter einem Deich neu aufgebaut. So ist der Baustil von nüchterner Sachlichkeit geprägt – Häuserzeilen mit zwei bis drei Etagen – manche grau, viele aber in späteren Jahren bunt angestrichen. Herz des Zentrums ist der Museumsplatz, der durch mehrere sternförmig auf ihn zuführende zu Fußgängerzonen umfunktionierte Straßen erschlossen ist. In der Mitte befindet sich ein großer Springbrunnen, dessen Mauer eine Sitzgelegenheit für Touristen bietet. Das Schifffahrtsmuseum ist der Namensgeber des Platzes und die bekannteste Touristenattraktion Chleisters. Nicht nur lässt sich hier die Geschichte der Seefahrt gut illustriert und mit vielen Exponaten nachvollziehen, in der großen Halle befindet sich ein gehobenes Wrack eines Segelschiffes, das 1875 vor der Küste des heutigen Staates Endstadt/Kreis sank – für die Kinder die spannendste Attraktion. Das Museum erstreckt sich über mehrere Etagen mit verschachtelten Gängen – unmöglich, hier eine größere Gruppe beieinander zu halten. So sollten alle erst wieder zum verabredeten Zeitpunkt um 16 Uhr am Brunnen zusammenfinden.
Bald waren Julie und Marcus allein in einem Ausstellungsraum, der die Geschichte des Stapellaufs behandelte. Besonders faszinierte die beiden eine Folge von Abbildungen zur Praxis vergangener Tage, Galeerensträflinge unter Lebensgefahr für das Wegschlagen der letzten Halterung heranzuziehen. Gelang es ihnen, sich mit einem Sprung rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, gewannen sie dadurch die Freiheit, wenn nicht – allein die Vorstellung erschien Julie grausam genug, nicht weiter darüber nachdenken zu wollen. Sie unternahm lieber noch einen Versuch, Marcus zu überzeugen:
„Wenn wir jetzt weglaufen, wird es niemand merken. Der Bus zum Bahnhof fährt in 15 Minuten. Ich habe geschaut, als wir angekommen sind. Bis es jemand bemerkt, sitzen wir schon im Zug nach Endstadt.“
Marcus – erstaunt, wie gut sie alles durchdacht hatte – unterbrach sie: „Ich weiß nicht.“
„Komm. Du willst es doch auch. Niemand schreibt uns mehr etwas vor. Wir müssen nur ganz unauffällig zum Ausgang gehen.“
Marcus wollte, aber er hatte immer noch die Drohung des Jugendamtsmitarbeiters im Kopf: „Beim nächsten Mal kommst Du ins Heim. Darauf kannst Du Dich verlassen!“
Mit den Freiheiten, die seine Mutter ihm ließ, war es dann vorbei. Er konnte abends nach Hause kommen, wann er wollte, so lange – das war die Abmachung – er zur Schule ging und dort halbwegs ordentliche Noten bekam. Maria Mechlin wusste, dass sie ihren Sohn verlieren würde, wenn sie ihm engere Grenzen setzte – und Marcus verstand, dass er die Schule besuchen musste, damit es Dritten nicht auffiel. „Nein“, sagte er leise, aber sehr bestimmt, „es geht nicht. Nicht jetzt!“
Ein Satz, den er sehr bald bereuen sollte, aber wie hätte er ahnen können, dass er keine 24 Stunden später doch im Zug nach Endstadt sitzen würde – allein!
Julie lief schweigend neben Marcus her. Später erschienen ihm diese Augenblicke wie Zeichen einer bösen Vorahnung. Sie gingen etwas schneller, widmeten den Exponaten nur noch wenig Zeit. Beide waren mit sich selbst beschäftigt – mit ihren eigenen Gedanken und Gefühlen. Marcus kam sich vor wie ein Feigling, der seine Versprechen nicht hielt. Andererseits hatte er nichts versprochen ... Julie machte ihm keine Vorwürfe. Nach einer Weile zog sie ihn zu sich heran und flüsterte: „Wir sehen uns am Bahnhof!“. Dann lief sie in Richtung Ausgang. Sie rannte nicht – sie ging zügig. Marcus zögerte ein paar Sekunden, sagte zu sich: „Ach was soll‘s“, und sprintete hinterher. Sie einholend rief er ihr zu: „Das hast Du Dir aber spät überlegt. Einfacher wird es so nicht!“ Julie antwortete: „Noch besser, ich weiß gar nicht, wann der Bus fährt. Aufregend, oder?“ Das war das richtige Wort. Marcus kannte dieses Gefühl, spürte aber, dass es diesmal anders sein würde, als wenn er allein entschied, wie weit er zu gehen bereit war. Schnell hatten beide die große Halle erreicht, dann das Tor zum Ausgang, schon standen sie auf dem Platz, orientierten sich kurz und wollten gerade loslaufen, als sie von der Seite angesprochen wurden: