Marcus (Band 1)
Der Regen prasselte auf das Motorboot herab, in dem sich vier Gestalten über die Wellen bewegten. Sie trugen Tarnanzüge des Militärs, waren mit Messern, Schusswaffen, einem batteriebetriebenen Gebläse und einem Kompass bewaffnet. Einer von ihnen hielt eine kleine Tasche, in der vier Ampullen verstaut waren.
Eine Frauenstimme war zu hören: „Pasquale, so weit, so gut. Wie geht es jetzt weiter?“
„Nachdem wir geklärt haben, dass drei von uns ihre Schießübungen wie besprochen abgeschlossen haben“, klagte er, einen vorwurfsvollen Blick an Karl richtend, „dringen wir zuerst in die Betreuerzimmer ein und erschießen die Erwachsenen. Die Schalldämpfer sollten bewirken, dass keins der Kinder davon aufwacht. Danach gehen Juliana und Karl in die Jungen-Zimmer und Hagen und ich zu den Mädchen. Ich hoffe, ihr habt euch die Skizzen gut eingeprägt, die Juliana angefertigt hat.“
Alle Anwesenden nickten. Pasquale holte eine Ampulle aus seiner Tasche. „Das ist Tacet Mortem. Ihr glaubt gar nicht, wie schwer es war, es zu beschaffen. Ich konnte schließlich niemanden losschicken, es zu suchen, weshalb ich mich selbst in die Baaland-Wüste begeben musste. Wenn man die Pflanze auskocht und die Flüssigkeit destilliert, erhält man hoch konzentriertes Gift, das in kleinen Mengen auf die Lippen eines Menschen getröpfelt sofort schläfrig macht und danach innerhalb kürzester Zeit – zwei, maximal drei Minuten – zum Herzstillstand führt. Das Opfer spürt im Moment des Todes einen Schmerz im Herzen, kann aber nicht mehr reagieren – abgesehen vom Aufreißen der Augen. Tropft man das Gift im Schlaf – es ist geschmacklos – bekommt das Opfer davon nichts mit. Es rührt sich nicht, gibt keinen Laut von sich. Der einzige Nachteil: Es ist nachweisbar. Aufgerissene Augen, blau angelaufene Lippen sind ein gutes Indiz. Eine Blutuntersuchung schafft Klarheit. Fragt mich nicht warum und weshalb. Ich bin kein Chemiker. Es war schwer genug, eine Anleitung zu finden, wie man das Gift richtig zubereitet. Da fehlt Marie!“
„Ich frage mich, ob die Sache mit den Messern wirklich sein muss“, fügte Karl an.
„Das unterstützt die Ritualmord-Fährte!“
„Aha?“, entgegnete Karl.
„Mach Dir keine Sorgen“, fügte Hagen hinzu, „es wird nichts schiefgehen. Juliana hat als Küchenhilfe alle Abläufe genau studiert – und da waren die Kinder älter. Unsere sind sicher schon lange im Bett. Wenn wir uns an den Plan halten, wird nichts passieren. Falls doch, müssen wir ein wenig mehr schießen!“
„Übrigens Kompliment Juliana, das Bild von Dir als Küchenhilfe: Respekt! Ich hätte Dich nicht erkannt als Elvira Ludwig!“ Karl musste lachen.
Der Regen peitschte erbarmungsloser auf die Verschwörer hernieder als zuvor, die Wellen schaukelten das Boot so stark, dass sich Juliana in das Wasser übergeben musste. Hagen hatte Mühe, Kurs zu halten. Alle waren froh, in der Ferne Lichter zu erkennen: Bliesdorf. Bis zum Ferienlager war es nicht mehr weit.
Pasquale war seine freudige Erwartung anzusehen, Hagen wirkte konzentriert, Karl schien entspannt, nachdem seine Fragen erst einmal geklärt waren. Juliana war übel.
Es war Mitternacht. Hagen bremste das Boot ab. Er wollte das Motorengeräusch dämpfen. Alle waren sich einig, dass ein kurzzeitig zu hörender Motor niemanden aufschrecken würde. Dennoch wollten sie Vorsicht walten lassen.
Sie legten wenige Meter nördlich des Eingangs zum Ferienlager an. Es herrschte Ebbe .
„Wir müssen das Boot nicht weit auf den Strand ziehen. Das Wasser wird sich noch bis kurz vor 2 Uhr zurückziehen, dann steigt es wieder an. Wir haben Zeit, es ist erst zehn Minuten nach Mitternacht“, fügte Hagen hinzu.
„Lass es uns hinter uns bringen!“, forderte Juliana.
„Bleib cool, Süße“, entgegnete Karl, „halb eins – und keine Sekunde früher! Wir bleiben exakt bei unserem Plan.“
Die Zeit verging langsam. Die vier Gestalten starrten auf ihre Uhren, sahen sich an – gesprochen wurde wenig. Keiner wusste, was der andere dachte. Gegen 00:20 Uhr ließ der Regen nach, nur um wenige Minuten später komplett zu verebben.
„Gut“, meinte Juliana. „Ich habe keine Lust, im Regen zu töten. Das macht alles nur noch unerträglicher. Ich fände es schöner, wenn es warm wäre, wenn die Sonne schiene.“
„Ich fände es schöner, wenn die Sonne schiene“, äffte Pasquale sie nach. „Hast Du Angst, Juliana? Die kleine Juliana verliert die Nerven!“
„Verliere ich nicht!“, bestritt Juliana die Anschuldigung, sichtlich bemüht dabei emotionslos zu wirken.
„Schluss jetzt!“, griff Hagen ein. „Wir brauchen absolute Konzentration. Niemand kann und darf sich einen Fehler erlauben. Nichts können wir weniger gebrauchen als einen Streit!“
Schweigen! Jeder starrte auf seine Uhr. Der große Zeiger arbeitete sich langsam – unerträglich langsam – auf halb eins vor. Die Anspannung ließ die Luft vibrieren.
„Auf geht’s!“, befahl Pasquale den anderen. „Ich gehe voraus, ihr bleibt in meinen Fußspuren – das erleichtert hinterher das Beseitigen!“
Alle vier zogen sich schwarze Sturmhauben über und marschierten los – eine gespenstische Szenerie, in der zunächst Hagen, dann Juliana und schließlich Karl sich bemühten, ihre Füße genau in die von Pasquale in den Sand gelegte Spur zu setzen. Auf dem Dünenkopf angekommen, konnten sie das Ferienlager überblicken.
„Scheiße!“, entfuhr es Pasquale, als er in einem Fenster Licht brennen sah und Menschen lachen hörte.
„Mist“, stöhnte Juliana fast gleichzeitig, „das war so nicht geplant!“