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Constantin Salathe

Feuertaufe

Kapitel 1 - Jupitermond Ganymed Juli 2331

Immer noch ruht mein Finger auf dem Auslöser des EMP-Sprengkopfs, den ich in der außerirdischen Anlage versteckt habe. Die Zeit scheint stillzustehen. Um mein Versteck herum schlagen in unregelmäßiger Abfolge kleinere Trümmerstücke ein und wirbeln Wolken aus Staub, Eis und Gestein auf. Lautlos sprengen sie Krater in den Boden. Es ist beängstigend, mit anzusehen, wie um mich herum ein geräuschloses Chaos herrscht. Doch mir bleibt keine Zeit, das Schauspiel weiter zu beobachten. Ich drücke auf das Tastenfeld. Eine große Explosion ist nicht zu spüren.

Ich blicke auf mein Handgelenk hinunter. Dort, wo sich meine Hand befinden sollte, sehe ich nur schemenhafte Umrisse. Das kleine Tastenfeld ist dunkel geworden, und alle Lichter um mich herum sind erloschen. Die Tarnung meines Anzugs funktioniert offenbar noch, aber alles andere in meiner Sichtweite, was mit elektrischem Strom betrieben wird, hat seine Funktion eingestellt. Shu hatte also recht, der Tarnmechanismus arbeitet ohne Elektrizität.

Die EMP-Bombe hat wohl ihren Job gemacht.

Die Drohnen, die noch vor wenigen Sekunden wild um mein Versteck unterhalb der kleinen Landeplattform herumgeschwirrt sind, treiben steuerlos umher und schlagen gegen die außerirdischen Installationen oder landen unsanft vor mir auf der Oberfläche.

Vorsichtig schiebe ich meinen Kopf unter der Plattform hervor und schaue in den Himmel.

Die glühende Wolke breitet sich immer weiter aus. Mit jeder Sekunde wird sie heller. Rot und Lila verblassen mit der Zeit, und ein pulsierendes Weiß verhüllt die Stelle, an der sich bis vor wenigen Momenten die außerirdische Sonde befand.

Grüne Polarlichter bedecken den ganzen Himmel bis zum Horizont. Ein Zeichen dafür, wie sich das Magnetfeld des Mondes mit aller Kraft gegen die massive Strahlungsfront der Explosion im Orbit stemmt. Die chinesischen EMP-Bomben funktionieren mit Mikrowellen, das hätte alles nicht passieren dürfen.

Merkwürdig. Was geschieht hier?

Ein metallischer Geschmack macht sich in meinem Mund bemerkbar. Ein deutliches Zeichen für eine gefährliche Strahlendosis.

Nicht gut.

Die starke Strahlung der Explosion, die für die überdimensionierten Polarlichter verantwortlich ist, hat die Oberfläche erreicht und wirkt verheerend auf meinen Körper. Immer heller wird die glühende Wolke über mir.

Obwohl ich meinen Kopf unter die schützende Plattform zurückziehe, dauert es nur einige Sekunden, bis ich die Augen schließen muss und meine Lider mit aller Kraft zusammenkneife. Die Umgebung um mich herum wird so leuchtend grell angestrahlt, dass ich mir die Arme vor die Augen drücke. Trotzdem glüht es in meinen Augen rötlich, als würde mir jemand mit einer starken Taschenlampe ins Gesicht leuchten. Noch nie habe ich eine solche Helligkeit erlebt. Meine Haut, auch wenn sie von meinem Anzug bedeckt ist, beginnt wie Feuer zu brennen.

Ich drücke mich tiefer unter die Plattform und rolle mich im Staub des Mondes wie ein Embryo zusammen.

Minutenlang halten diese Qualen an. Alles, was ich wahrnehme, sind die Erschütterungen der Mondoberfläche beim Aufschlag weiterer Trümmer.

Mein Zeitgefühl geht mir verloren. Irgendwann wird es dunkler, und die Abstände zwischen den Aufschlägen werden größer.

Als ich meine Augen wieder öffnen kann, kontrolliere ich als Erstes die Druckanzeige der zusätzlichen Sauerstoffflasche, die um meine Schulter hängt. Einer optimistischen Schätzung nach habe ich noch etwa dreißig Minuten Luft zum Atmen. Plus der einen Stunde, die der Anzug meine verbleibende Luft wiederaufbereiten kann.

Kaum genug Zeit, hier zu verschwinden.

Vorsichtig krieche ich aus meinem Unterschlupf hervor.

Es bietet sich mir ein Bild der Verwüstung. Inaktive Drohnen schweben umher, aus der Oberfläche herausgeschleuderte Eisbrocken und Teile der künstlichen Strukturen liegen kreuz und quer auf dem Boden. Trotz der fehlenden Atmosphäre zeigen sich Brand- und Schmelzspuren auf den zertrümmerten Oberflächen der Gebäude.

Die Strahlungsenergie muss astronomisch gewesen sein.

Was die Strahlung in mir angerichtet hat, darüber wage ich nicht nachzudenken.

Schweigend lasse ich meinen Blick über das düstere Bild vor mir wandern. Wie eine Geisterstadt, ein verlassener Schrottplatz, wirkt meine Umgebung.

Zeit, aus diesem Loch zu verschwinden.

Mühsam ist der Weg aus dem von der Sonde gegrabenen Krater hinauf auf die Mondoberfläche. Bei normaler Erdgravitation hätte ich keinerlei Chancen, dieses Grab zu verlassen. Doch gelingt es mir unter Einsatz aller Kräfte, mich schlussendlich nach oben zu arbeiten und über die Kante des Lochs zu ziehen.

Auch hier sieht die Oberfläche des Mondes wie eine mit Trümmern bombardierte Eiswüste aus.

Ich mache mich langsam auf den Weg zurück zu unserem Fahrzeug. Zu meinem Fahrzeug.

Ich kann mir Shus Tod noch immer nicht erklären. Ihr Transporter war noch in Sichtweite und noch nicht in die Sonde eingeflogen. Außerdem sollte eine EMP-Bombe nicht eine solche apokalyptische Explosion auslösen. Bei dem Gedanken daran, wieder einen Kameraden bei einer Mission zurückgelassen zu haben, fangen meine Hände an zu schwitzen.

Denk nicht daran. Du musst hier weg!

Meine Kraft reicht gerade so aus, mich einen Schritt nach dem anderen fortzubewegen. Selten habe ich mich so verlassen und verloren gefühlt. Durch den EMP habe ich leider auch keine Kommunikationsmöglichkeit. Ich kann nur hoffen, dass die Abschirmung des Panzerwagens standgehalten hat und ich von dort aus Hilfe rufen kann.

Der Rückweg kommt mir wesentlich länger vor, als ich ihn in Erinnerung habe. Vielleicht, weil ich diesmal allein unterwegs bin.

Es tut mir leid, Shu. Wenn mir nur etwas anderes eingefallen wäre!

Langsam lässt die Tarnung meines Anzugs nach. Nach und nach kann ich wieder seine metallisch silberne Struktur und meine Füße erkennen. Das erleichtert mir das Laufen, und ich bin froh, nicht übersehen zu werden, falls man nach mir sucht oder ich bewusstlos werden sollte. Um mich abzulenken, denke ich darüber nach, wie dieser Mechanismus funktionieren könnte.

Shu sagte, es ist zeitlich begrenzt und nicht elektrisch. Vielleicht funktioniert es ähnlich wie ein Knicklicht?

Ich passiere den Felsen, hinter dem Shu und ich Deckung genommen hatten. Es kann nicht mehr weit bis zum Fahrzeug sein.

Allmählich löst sich die glühende Gaswolke über mir auf, und der metallische Geschmack in meinem Mund lässt etwas nach.

Nach einigen weiteren Metern erkenne ich den Panzerwagen. Beleuchtet vom schwachen Schein der kleinen, weit entfernten Sonne und dem rötlichen Leuchten des Jupiters, bilden sich die Umrisse des Fahrzeugs vor der Oberfläche des Mondes ab.