← Zurück zum Buch
Michael Schober

Die Weltenwandlerin

Kapitel 1 - Zusammenkunft

Tír erwachte. Die ersten Sonnenstrahlen brachen durch den Morgennebel und tauchten das Land in warmes Licht. Der Atem der Nacht lag noch über An’Shanar. Seit Jahrhunderten wachte die Festungsanlage hoch oben am Landbruch über das alte Königreich, das sich unterhalb der Steilklippen bis zum Horizont erstreckte.
General Rangulf Gray stand auf der Aussichtsplattform und ließ seinen Blick über das weite Tal unter ihm schweifen. Aus der schäumenden Gischt der Wasserfälle entsprang ein Fluss, der sich sanft durch das Land schlängelte. Vereinzelt ragten uralte Baumriesen wie Wachtürme aus längst vergangenen Zeiten durch den Nebel empor. Im Osten verschwand der letzte der drei Monde hinter pastellfarbenen Wolken und machte Platz für einen neuen Tag.
Vor der rot glühenden Scheibe am Himmel tauchte ein winziger Punkt auf, der sich schnell dem Landbruch näherte. Wenig später kreiste ein Silberreiher majestätisch über An’Shanar, landete lautlos und wandelte dabei innerhalb eines Augenaufschlags seine Form zu einem alten Mann. Er wischte ein paar Federn von seinem Umhang und strich sein weißes Haar glatt. Der gewundene Holzstab in seiner anderen Hand setzte mit einem Klacken auf dem Steinboden auf.
Rangulf breitete die Arme aus. »Gwydion, mein alter Freund. Wie war deine Reise?«
Der Druide erwiderte die Umarmung. »Gerne komme ich zur Geburtsstätte des Flusses zurück. Der unvergessliche Blick auf das alte Königreich zieht mich auf ewig in seinen Bann.« Seine Augen verdunkelten sich und er sah Rangulf streng an. »Dieses Mal jedoch komme ich in einer dringenden Angelegenheit. Bedrohliche Schatten liegen über dem Land. Wir müssen schnell handeln.« Mit seiner freien Hand klopfte er Rangulf auf die Schulter, während sich seine Gesichtszüge wieder entspannten. »Aber nicht vor dem Frühstück. Ich habe einen Bärenhunger.«
Lachend überquerten die beiden die Aussichtsterrassen in Richtung Empfangshaus.
»Sind die anderen schon eingetroffen?«, fragte Gwydion.
»Meister Runar ist bereits gestern angekommen. Viska die Weise ließ ausrichten, dass sie sich möglicherweise verspätet.« Rangulf hob resigniert die Schultern. »Die anderen erwarten wir im Laufe des Vormittags.«
»Viska … noch immer die Alte.« Gwydion schmunzelte. »Dennoch versammeln wir uns am besten unverzüglich im Großen Saal. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Sie betraten das runde Steingebäude. Die Morgensonne strahlte durch die raumhohen Fenster und verlieh dem Empfangsraum eine behagliche Atmosphäre. Misstrauisch blickte Gwydion zu den Wachen an den Ausgängen. Noch durfte er seine Vermutungen nicht preisgeben.
»In Tír tauchen überall Horden von Schatten auf. Das Land lebt in Angst.«
Rangulf sah ihn fragend an. »Die schwarzen Kreaturen werden in letzter Zeit zahlreicher, das ist wahr«, erwiderte er. Seit der Spaltung der Welten waren die Schatten eine Plage für das Land. Alle wussten das. Sollte das der Grund für Gwydions überraschende Einladung sein? Die Weisen des Landes hatten sich seit der Schlacht um die Drei Türme nicht mehr auf An’Shanar versammelt.
Die beiden erreichten schweigend das Hauptgebäude und eilten über den Korridor. Rangulf öffnete die schweren Flügeltüren zum Großen Saal und schloss sie sorgsam, nachdem sie eingetreten waren. Gwydions Blick schweifte über die prachtvoll verzierten Wände zu dem ovalen Verhandlungstisch in der Mitte des Raumes, an dem er in seinem langen Leben als Magier und Berater schon unzählige Debatten geführt hatte. Er ließ sich auf einem der gepolsterten Stühle nieder, lehnte seinen Stab gegen die Tischkante und betrachtete die kunstvoll verzierte Platte. Ineinander verschlungene Ornamente, Pflanzen und Tiere verliefen spiralförmig von einer Sonne nach außen, ein Symbol für die Fülle des Lebens auf Tír. Rangulf wartete geduldig vor einem der Fenster.
»Ich beobachte den Nachthimmel seit vielen Monaten«, begann der Druide.
»Und was sagen die Sterne?« Der General trat erwartungsvoll an den Tisch.
»Nicht den Sternen, sondern den Bahnen der Monde bin ich gefolgt.« Gwydion machte eine Pause und sprach mit leiser Stimme weiter. »Ich glaube, eine Zusammenkunft steht uns bevor.«
Rangulf schüttelte den Kopf. »Das wäre unseren Astrologen längst aufgefallen.« Er stützte sich auf eine Stuhllehne und bemerkte Gwydions starren Gesichtsausdruck. »Du bist dir ganz sicher?«, fragte er nach einer Weile beunruhigt.
Der Druide lehnte sich nach hinten und verschränkte die Arme.
»Nein, deshalb hoffe ich auf die Hilfe des Alten Rates. Selbst ich kenne die Überlieferungen nur in Bruchstücken. Liege ich mit meinen Vermutungen jedoch richtig, stehen uns große Aufgaben bevor.« Wieder machte er eine Pause.
»Meine Berechnungen ergaben nicht irgendeine Konstellation der Monde, Rangulf. Ich spreche von Dreimond!«
Rangulf Gray ließ sich auf den Stuhl sinken, ohne den Blick von Gwydion abzuwenden. Was hatte der Druide da gerade gesagt? Rangulf kannte die Legenden seit seiner Kindheit, aber nach all den Jahren des Widerstands gegen die Schatten glaubte er nicht mehr daran, dass sie sich jemals erfüllen würden. Sollte Gwydion jedoch recht haben, würde das Land nach Generationen ohne Herrscher wieder einen König krönen. Rangulfs Hand umklammerte den Griff seines Schwertes, als wolle sie mit dem Stahl verschmelzen. Ein neuer König würde dem Land nicht nur den sehnsüchtig erwarteten Frieden bringen, sondern die Welten wieder vereinen.
Gwydion erhob sich und griff nach seinem Stab. »Sollten sich die Zeichen am Nachthimmel bewahrheiten, haben wir bis zu seiner Ankunft noch jede Menge Vorbereitungen zu treffen, Rangulf.«
»Der neue König?«, fragte der General heiser. »Wann wird er eintreffen?«
»Ich hätte dich früher informiert, hätte ich es selbst früher erkannt.«
»Wann, Gwydion?«
»Bereits heute, mein Freund.«