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Michael Schober

Die Weltenwandlerin

Kapitel 2 - Verschlafen

Die Stimme ihrer Mutter klang wie aus einer fernen Welt. Emilie Sophie Bela? Die verworrenen Traumbilder verblassten. Furchterregende Drachen zerfielen in Nebelschwaden, fremdartige Landschaften lösten sich auf und dunkle Schatten verschwanden im Licht der ersten Strahlen der Morgensonne, die in ihr Zimmer fielen. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn.
»Bist du schon im Bad? Ich muss heute pünktlich in der Agentur sein. Du weißt doch, der Termin mit den Leuten von der Bank.«
Emilies Gedanken waren noch immer vernebelt von dem Traum, der sie in den letzten Nächten so oft verfolgt hatte. »Ja, Mama. Bin so gut wie fertig.« Welche Leute von der Bank?
»Du bist übrigens auch spät dran. Die Sommerferien sind vorbei. Schon vergessen?«
Mit einem Auge blinzelte Emilie über das Kopfkissen. Die grünen Leuchtziffern des Radioweckers zeigten 07:22 an. Sie hatte vergessen, die Weckfunktion zu aktivieren und prompt verschlafen. Und das am ersten Schultag.
Schwungvoll warf sie die Decke zur Seite und sprang aus dem Bett, trat auf den flauschigen, hellgrauen Plüschbauch von Nelly, verlor das Gleichgewicht und rutschte von der Bettkante. Während der Elefant trötend über den Boden glitt und gegen den Schrank prallte, landete Emilie mit dem Hintern zwischen einem Berg von Kuscheltieren, die im ganzen Zimmer verstreut auf dem Boden herumlagen. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durch den Rücken. Sie presste die Lippen zusammen, setzte sich vorsichtig wieder auf die Bettkante, atmete durch und strich sich mit den Fingern durchs Haar. Okay Emi, dachte sie, zweiter Versuch ins neue Schuljahr.
Nach der Katzenwäsche eilte sie an dem leerstehenden Gästezimmer vorbei, in dem Jasmin bei ihrem einzigen Besuch im letzten Jahr übernachtet hatte, warf einen kurzen Blick durch den Türspalt und fragte sich, was ihre Schwester in Schweden wohl gerade machte. Zurück in ihrem Zimmer, holte Emilie frische Wollsocken aus der untersten Schublade des Kleiderschranks, schnappte sich die Leggings von der Stuhllehne und griff nach einem T-Shirt aus dem Wäschekorb mit den frisch gewaschenen Kleidungsstücken, die sie längst in den Schrank hätte einräumen sollen.
»Hast du meinen Pullover gesehen, Mama?«, rief sie nach unten und kramte dabei ihre Schultasche hinter dem Schreibtisch hervor. Ihre Großmutter hatte die Tasche aus bunten Stoffresten genäht und ihr zur Einschulung geschenkt. Für sieben Jahre Dauereinsatz sah der Stoff noch annehmbar aus, auch wenn ihre Mutter meinte, Patchwork wäre inzwischen out. Emilies Hand tastete sich durch das Durcheinander in den Tiefen der Tasche, aber da sie während der letzten sechs Wochen nichts herausgenommen hatte, musste alles Wichtige noch drin sein. Sie schob ihr Handy in die Gesäßtasche und eilte aus dem Zimmer. Über dem Treppengeländer entdeckte sie ihren weinroten Lieblingspullover. Wie ist der denn da hingekommen?, dachte sie, zog ihn hastig über ihr T-Shirt und sprang die Stufen hinunter.