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Daniela Rohr

Fluggemeinschaft

Showdating

Eigentlich war es ein typischer Freitagabend. Ich hatte mich dazu entschlossen, meinen Hintern mal wieder ins K.O.-ke zu bewegen, um dem wöchentlich stattfindenden Showdating beizuwohnen – und um abzuchecken, ob die Männerauswahl der dreißig- bis vierzigjährigen Alleinstehenden ein paar attraktive, frisch geschiedene Neuzugänge erhalten hatte. Natürlich nicht. Die eine Hälfte der anwesenden Gesichter kam mir bekannt vor, die andere Hälfte ... nun ja. Sagen wir mal so: mit Sicherheit nicht grundlos geschieden.

Showdating – zur Erklärung für all jene, die noch nie so verzweifelt waren, dass sie sich auf Singleveranstaltungen rumtreiben mussten – ist der aktuelle Trend in Sachen Ausbeutung und Zurschaustellung einsamer Herzen. Man nehme eine Bühne, einen Saal voller unverpartnerter Individuen, die sich für die große Liebe zum Deppen machen wollen, horrende Eintrittspreise und eine überteuerte App, die man sich zulegen muss, wenn man mitmischen will.

Am Eingang wird man dann zunächst registriert, um irgendwann im Laufe des Abends namentlich auf die Bühne gebeten zu werden, wo man drei Minuten Zeit erhält, sich und seine Talente ins rechte Licht zu rücken. Das kann sehr unterhaltsam sein, wenn jemand eine wirkliche Begabung besitzt – es kann aber auch extrem unterhaltsam sein, wenn jemand nur glaubt, dass er eine Begabung besitzt. Von den bemitleidenswerten Gestalten, die genau wissen, dass sie über keinerlei Veranlagung mit Unterhaltungswert verfügen, aber trotzdem so verzweifelt sind, sich vor das Publikum zu wagen, möchte ich lieber nicht erzählen. Das ist zu traurig für die letzten Minuten meines Lebens.

Wenigstens kann ich von mir behaupten, dass ich zur ersten Gruppe zähle. Nicht, dass mein Talent als kunstvoll herausragende Darbietung auf die große Bühne gehören würde – von Talentshows sollte ich mich besser fernhalten –, aber es genügt, um das Interesse der Männerwelt in positivem Sinne zu wecken.

Wie so oft stand ich also gestern vor dem verzweifelten Singlepublikum und vollführte meine übliche Selbstdarstellung, die in etwa so aussieht:

Das Licht geht aus, poppige Musik setzt ein, Spot auf mich: sexy Outfit – kurzes Kleid, High Heels und auf dem Kopf ein Zylinder. Dann kommt mein Karaoke-Einsatz. Routiniert trällere ich die ersten Zeilen meines Lieblingssongs von vor zwei Jahren, als ich den Song ganz toll gefunden und dazu eine Choreographie einstudiert hatte. Nennt es Faulheit oder Anfangssymptome einer sich einstellenden Resignation – fürs Showdating hat das aber gefälligst zu reichen.

Meine kurvigen Hüften schwingend stolziere ich dann über die Bühne, den Laufsteg entlang, singe mir die Seele aus dem Leib, bewege mich dabei wie eine Stripperin oder ein Laufstegmodel – allerdings ohne den Strip oder das grimmige Gesicht – und im ersten bombastischen Musikmoment der Show reiße ich mir den hässlichen Zylinder vom Kopf und offenbare der gaffenden Männerwelt zu meinen Füßen die unglaubliche Wirkungskraft meiner langen, strahlend blauen Lockenmähne. Jubelrufe und Bauarbeiterpfiffe sind garantiert – zumindest von denen, die meine Vorführung nicht bereits x-mal gesehen haben. Anschließend rekel ich mich noch ein bisschen an der Stange, die der Klub vom Vorbesitzer – einem Stripteaselokal-Betreiber – übernommen hat, esse hinreichend lasziv eine Banane, die ich aus dem Hut zaubere, und mit einem verführerischen Zwinkern ins Publikum beende ich schließlich meine Darbietung.

Meine Mitbewohnerin Nina, die ich einmal aus Mitleid auf die Veranstaltung mitgeschleppt habe, offenbarte mir nach meinem Auftritt, dass sie jetzt endlich wisse, warum ich immer nur One-Night-Stands anschleppen würde. An ihrer Weisheit teilhaben lassen wollte mich die neidische Schlampe allerdings nicht. Mit ihrem scheppen Operngesang ging sie jedenfalls allein nach Hause.

Aber zurück zum gestrigen Abend: Nach meiner exzellenten Show begab ich mich, gefolgt von interessierten Männerblicken und abfälligen Frauenblicken, an die Bar – ein langer Tresen gegenüber der Bühne –, bestellte mir einen Kaffee, zückte mein telePhone und checkte die Anzahl der virtuellen Küsschen in der Showdating-App.

Ach, das hatte ich noch gar nicht erwähnt: Wenn man seinen Traumkandidaten auf der Bühne entdeckt, klickt man in der App auf dessen Bild, schickt ihm ein virtuelles Küsschen und hofft, dass er sich nach seinem Auftritt zu einer Unterhaltung herablässt. Die Entscheidungsgewalt liegt bei dem, der das Bussi erhält. Nur er oder sie oder es darf den Küsschenverteiler ansprechen. Hält man sich nicht an die Regeln, fliegt man raus.