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Daniela Rohr

Der Zeit-Zwirbel-Effekt und seine Knöpfchendrücker

Die Fettnäpfchenskala

Oliver war achtzehn Jahre alt, gutaussehend, rebellisch, überdurchschnittlich intelligent und gerade von Außerirdischen entführt worden. Zumindest erschien ihm dies als die logischste Erklärung für das Panoramafenster, das einen atemberaubenden Blick auf den Planeten Erde erlaubte. Er presste seine Stirn gegen die Glasfront, die sich über die gesamte Fläche der Wand erstreckte und genoss die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Wie ein funkelnder Diamant erhob sie sich über den Planeten und ließ den Atlantischen Ozean in einem tiefen Blau erscheinen. Oliver schnappte nach Luft. Er hätte nie geglaubt, jemals diese Aussicht genießen zu dürfen.

Der L-förmige Raum, in dem er vor wenigen Minuten aufgewacht war, interessierte ihn nur noch am Rande. Er erinnerte Oliver an jene viel zu groß geratenen, dafür umso minimalistischer ausgestatteten Raumschiffkabinen diverser Science-Fiction-Filme. Scheinbar hatte man versucht, das Zimmer für menschliche Bedürfnisse anzupassen. Eine Anrichte aus weißem Plastik – bestückt mit einer Wasserkaraffe, drei Gläsern und einer prall gefüllten Obstschale – zierte eine der Seitenwände. Eine Eckcouch aus weißem Leder säumte einen quadratischen Glastisch.

Das sterile Gesamtambiente zeugte von der Zweckmäßigkeit eines Wartezimmers für Privatpatienten. Sogar die Spielecke war vorhanden – bestehend aus einer Ansammlung bunter Steinchen, die auf dem Tisch verstreut lagen. Lediglich die Toilette entzog sich diesem Vergleich. An der Wand aufgestellt wie der heilige Thron der Exkremente, fehlte ihr leider ein wichtiges Detail: ein Sichtschutz für das menschliche Schamgefühl.

Daher kreisten Olivers Gedanken – sofern sie sich dem Sonnenaufgang entziehen konnten – hauptsächlich um die Abwesenheit diverser Raumausstattungen: Nebensächlichkeiten wie eine Tür.

Angefüllt mit jenen existenziellen Fragen kümmerte es ihn wenig, dass er nicht der einzige Mensch in diesem Raum war. Ein Mann und eine Frau – beide noch in tiefen Schlaf versunken – drapierten die U-förmige Couch. Oliver hatte kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, sie zu wecken. Doch der Anblick des Weltraums und die hypnotisierende Stille fesselten ihn zu sehr. Da genoss er lieber noch die letzten ruhigen Minuten in trauter Einsamkeit.

Hans war zweiundvierzig Jahre alt, stattlich gebaut, humorvoll, überdurchschnittlich leichtfertig und gerade mit einem dröhnenden Kater in einem fremden Raum aufgewacht. Er blinzelte verstört, schmatzte den pelzigen Belag auf seiner Zunge weg und zog sich an der Sofakante hoch. Ein paar orientierungslose Seufzer später entdeckte er das Panoramafenster, rieb sich erst einmal die Augen, griff sich an seinen pochenden Schädel und beschloss, nie wieder einen Schluck Alkohol anzurühren. »Scheiße, wo bin ich?« Er blickte zu der schmalen Gestalt, deren dunkle Umrisse sich vor dem Fenster abzeichneten. »Hey, du da! Sag mal: Arbeitest du hier?«

Oliver drehte sich um und musterte ihn irritiert. Er nutzte ein »Öhm«, um etwas Zeit zu schinden, bis er eine verständliche Erklärung in Gedanken zurechtgelegt hatte. Doch dann fiel sein Blick auf die junge Frau, die sich nun ebenfalls aufrappelte.

Nadine war dreißig Jahre alt, zierlich, neugierig, überdurchschnittlich misstrauisch und gerade auf der Suche nach ihrer Brille. Sie ertastete die Sehhilfe, setzte sie auf, nahm sie wieder ab, rieb sich die Augen, setzte sie erneut auf und ließ ihre Kinnlade herunterklappen. »Oh – mein – Gott.« Sie sprang auf und torkelte zum Fenster. Fassungslos starrte sie hinaus, reckte ihren Kopf in alle Richtungen, über die sich die Glasfront erstreckte, überprüfte mit ihrem Zeigefinger die Existenz der Scheibe und atmete tief ein. »Das ist die Erde – wir sind im Weltraum – ich werd nicht mehr – wir sind im Weltraum – ist das krass!« Sie strahlte Oliver an und dieser lächelte freundlich zurück. Doch als sie kurz darüber nachdachte, verging ihr das Grinsen. Sie beäugte Hans, der sich seit seinem Erwachen am Sofa festklammerte. »Die Frage ist aber – warum sind wir im Weltraum – was ist das hier – eine geheime Regierungsverschwörung – vielleicht – oder ein wissenschaftliches Experiment – was meint ihr?«

Die beiden Männer sahen sich verunsichert an. Doch dann lupfte Hans belustigt seine Augenbrauen, ließ die Sofakante los und erhob beschwingt das Wort: »Ich bin übrigens Hans.«

Nadine ignorierte die Hand, die er ihr freundlich entgegen streckte. »Das beantwortet nicht meine Frage«, blaffte sie ihn an.

Hans zog seine Hand wieder zurück und blickte erwartungsvoll zu seinem Geschlechtsgenossen, der etwas überrumpelt schien.