Im Turm des Panopticons
»WIR SIND GÖTTER!«, schrie er und breitete die Arme zu beiden Seiten aus. »GÖTTER EINER NEUEN WELT! Und DAS ist unser Licht der Schöpfung!« Sein Gelächter hallte schrill und bedrohlich durch die elektrisierte Luft. Er war ein Schatten – eine dunkle Gestalt vor einem gleißenden, grünen Gegenlicht.
In Linea stieg Panik auf. Wie ein Strom aus eiskaltem Wasser pulsierte sie durch ihr Herz und schnürte ihr die Luftröhre zu. Sie wollte etwas sagen, etwas schreien, ihm widersprechen. Doch sobald sie ihren Mund öffnete, glaubte sie zu ersticken. Als hätte man ihr eine Plastiktüte über die Lippen gestülpt.
Er reckte seinen Kopf zur Seite, bis sie die Konturen seines Gesichtes erkennen konnte. Ein markantes, männliches Gesicht, voller Verzweiflung und Irrsinn, die aus seinen Augen strahlten. »Lineeeaaaaa«, zischelte er. »Du wirst mir noch dankbar sein.« Es klang weder wohlwollend noch fürsorglich, wie er diese Worte formulierte. Es klang vielmehr nach einer Drohung. Ein Glück, dass es nur ein Traum war.
Linea riss hastig die Augen auf und verdrängte das immer wiederkehrende Traumbild dieses Mannes mit optischen Informationen ihrer Umgebung. Die Orientierung in der Realität stellte an sich kein Problem dar. Sie kannte die spartanische Einrichtung ihres winzigen, kreisrunden Raumes bis ins kleinste Detail. Doch der grelle Schein des riesigen Monitors überstrahlte ihre auf Dunkelheit getrimmten Sehnerven wie das Licht einer Supernova. Nur langsam zeichneten sich die Umrisse der glänzenden Konsole ab, die ihren Arbeitsplatz darstellte. Zu beiden Seiten in die Rundungen des Raumes eingebogen, beanspruchte sie fast die Hälfte der Wandfläche. Und in ihrer Mitte – etwa ein Drittel so breit wie das Bedienfeld – ragte der Monitor aus der gläsernen, schwarzen Tischplatte hervor und flutete den Raum mit seinem grellen, grünblauen Licht.
Linea blinzelte verstört und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sie musste wohl für wenige Sekunden eingenickt sein. Nachdenklich blickte sie auf ihre linke Hand, die sachte über den kühlen Funktionsstoff der Armlehne strich. Ihre langen Finger waren zwar nicht sonderlich spannend, aber im Gegensatz zum Bildschirm leichter erträglich, bis sich die Augen an das gegenwärtige Licht gewöhnt hatten. Sie wippte in ihrem Chefsessel ein paar Mal vor und zurück, während sie den Entschluss fasste, sich am Abend einer ausführlichen Maniküre zu widmen. Der Teleskoparm, mit der ihr Sitz an der zweieinhalb Meter hohen Decke befestigt war, quietschte jedes Mal mit einem sanften Fiep, wenn sie zurück wippte.
Linea hatte nun lange genug ihre Finger begutachtet und wandte sich dem Monitor zu.
»Du bist ja immer noch da«, murrte sie. Das Bild hatte sich seit ihrem Sekundenschlaf nicht geändert. Immer noch glotzten diese leblosen Augen in die Kamera und schienen direkt in sie hineinzublicken. Er konnte sie unmöglich sehen. Linea wusste das. Dennoch fühlte sie sich beobachtet. Unangenehm, nicht wahr?, schrien diese Augen ihr entgegen. Er bewegte sich kein Stück. Er stand einfach nur da, starrte sie an und rührte sich nicht.
Linea wischte ihre verschwitzten Finger an dem feuchtigkeitsabsorbierenden Polster der Armlehnen ab, streckte eines ihrer langen Beine nach vorn und zog den Sessel mit geringem Kraftaufwand näher an das Kontrollpult heran. Der Teleskoparm summte leise und besänftigend, als hätte man diesen Ton extra für Lineas Wohlbefinden kreiert.
Gemächlich legte sie ihren rechten Unterarm auf der warmen Glasplatte der Konsole ab. Durch die Berührung leuchteten plötzlich unzählige Symbole in der Mitte des Tisches auf und erfüllten den Raum für eine halbe Sekunde mit den trockenen Klängen eines Xylofons. Linea setzte Zeigefinger und Daumen auf ein kleines leuchtendes Feld und zog sie auseinander. Das Bild auf dem Monitor zoomte heran. Es zeigte das Gesicht des Mannes nun aus nächster Nähe.
Er rührte sich immer noch nicht. Starr wie eine Fotografie stand er direkt an der Glasscheibe seiner Zelle und stierte in die Kamera. Sein hervorstehendes Kinn und seine kantigen Gesichtszüge strotzten vor Männlichkeit. Der militante Bürstenschnitt, der das blonde Haar im Zaum hielt, verstärkte diesen Eindruck. Auf seiner Stirn prangten bereits erste Falten, doch durch das kalte Licht des gläsernen Raumes verblasste die Haut zu dem Antlitz einer Marmorstatue.
Linea zoomte noch näher heran. So nah, dass sie nur noch seine Augen sehen konnte. Interessiert beobachtete sie das Bild eine Weile. Er vollführte nicht eine einzige Bewegung – nicht einmal ein Blinzeln! Verwirrt überprüfte sie den Timecode. Eindeutig kein Standbild.
»Soll mich das etwa beeindrucken?« Linea schaltete zurück auf normale Ansicht und tippte auf diverse Symbole, bis eine kleine Datei erschien. Beeindruckt hatte er sie zwar nicht, aber durchaus ihre Neugier geweckt.