Claire
CLAIRE
Quelle belle journée! Ein wirklich schöner Tag. Die aufgehende Sonne schien direkt in Claires Zimmer. Ihre Zeit hier an der Küste sollte sehr bald schon vorbei sein, aber der Himmel hatte ihr unerwartet ein Geschenk gemacht. Sie sah in den Spiegel und versuchte die Bürste durch ihre widerspenstigen hellbraunes Haare zu ziehen. Schnell noch einen Kaffee und dann los. Sie musste sich beeilen, wenn sie den Tag optimal nutzen wollte, denn morgen kam der Zementlaster und alles wäre dann zu spät. Sie war sich ziemlich sicher, dass es da doch noch einen Hohlraum gab. Beim Abklopfen der Wände gestern Abend hatte auch Jean-Baptiste, ihr Kollege, dieses Gefühl: da wartete noch etwas auf sie! Vielleicht eine verborgene Kammer? Was sie aber unbedingt bräuchte, wäre einen Beweis, der Professor Lagarde veranlassen könnte, eine nochmalige Verlängerung der Ausgrabungszeit bei den Behörden zu beantragen. Dieser Beweis müsste es aber in sich haben, denn schon oft wurde ihr Projekt verlängert ohne nennenswerte archäologische Erfolge. Der Professor war mittlerweile alles andere als geduldig. Manchmal hatte sie den Eindruck, dass er gar nicht mehr an dieser Sache interessiert war, sondern sich schon anderen Projekten widmete.
....... Er schritt mit finsterer und bedeutungsschwerer Miene in den Kreis seiner Untergebenen. Die Entscheidung war gefallen, man brauchte es nur noch auszuführen. Dazu hatten sie sich hier versammelt. Es wäre eine folgenschwere Tat, aber es musste sein. Deshalb wollte er auch nicht mehr Mitglieder einweihen als nötig. Die Männer schauten sich gegenseitig an. Keiner wusste so recht, was als nächstes passieren würde. Wahrscheinlich wurde so etwas noch nie unternommen .......
Der frische Wind, der vom Meer herkam, wehte Claire direkt entgegen. Sie liebte den Geruch von Salz in der Luft. Doch an diesem Morgen achtete sie kaum darauf. Noch knappe 2 Kilometer, dann war sie endlich an ihrer Zitadelle. Sie trat noch kräftiger in die Pedalen. Seit achtzehn Monaten hatte dieses älteste Bauwerk von Concarneau Claires ganze Aufmerksamkeit gefordert. Unzählige Messungen, hunderte Röntgenaufnahmen und akribisches Freilegen von tiefer gelegenen Mauerresten mit verschiedenen Pinseln waren ihr Leben geworden. Und das sollte morgen zu Ende sein, gerade jetzt, wo sie so knapp vor dem Durchbruch stand?! Lange schon vertrat sie die Theorie von einer verborgenen Kammer, dies hatten die letzten Messungen nahegelegt. Aber Professor Lagarde wollte nicht daran glauben, er war ein Freund des Bürgermeisters und letzten Endes mehr Politiker als Wissenschaftler. Die Absperrungen an der Zitadelle behinderten die zahlenden Touristen, die extra von weit her kamen, um den Turm und die Mauerreste des einstigen Verstecks eines geheimen Ordens aus dem zwölften Jahrhundert zu bestaunen.
....... Ein kleiner Behälter aus Metall wurde von zwei Männern gebracht und mit angespannter Miene auf eine Erhebung inmitten des Raumes gelegt. Alle Augen waren auf den Mann gerichtet, dem sie bedingungslos gehorchten. Jetzt war der Moment gekommen. Er erhob seine rechte Hand und fing an zu sprechen .......
Nur noch zwei, drei hundert Meter. Sie würde eine kleine Probebohrung machen und mit dem Endoskop die Kammer untersuchen. Merde!!! Das Endoskop! Claire fiel siedend heiß ein, dass John-Baptiste dieses hilfreiche Spezialgerät ja schon vor drei Tagen wieder zurückgebracht hatte, weil morgen die Grube offiziell mit Zement zugeschüttet werden würde. Das hieße, sie müsste jetzt sofort zum Institut, um das Endoskop erneut auszuleihen, wenn das überhaupt so spontan ginge. Claire bog mit ihrem Fahrrad sofort nach links in die nächste Seitenstraße ab. Sie musste es versuchen, auch wenn sie dadurch zwei Stunden später an der Zitadelle ankäme und wertvolle Zeit verlieren würde. Sie musste es einfach schaffen, diese Kammer freizulegen.
....... “Natas…Opera…Tenet…Arepo…Satan“ … der Großmeister sprach mit eindringlicher Stimme, die von Wort zu Wort tiefer und lauter wurde. Der Behälter aus Metall war genau vor ihm. Seine Jünger sahen Bernard de Concarneau, den erbarmungslosen Vollstrecker einer neuen Weltordnung, mit glühenden Augen an! Sie alle würden durch ihr Opfer in die Geschichte der Menschheit, ja der ganzen Schöpfung eingehen. Sie würden die immer stärker werdende moralische Fäulnis der Welt auslöschen. Kein Mensch würde überleben. Die Sünde wäre besiegt. Dann, wenn das Schicksal es will und ein Auserwählter irgendwann diese geheime Kammer, in der sie sich gerade einmauern ließen, freilegte. Die letzten Steine wurden eingefügt, der Raum war fest verschlossen. Bernard de Concarneau öffnete langsam die metallene Schatulle und augenblicklich erfüllte der tödliche, schwarze Atem Azraels die kleine Kammer. In diesen Mauern würde er bleiben, geduldig warten, bis er in die Welt hinausströmen und sein vernichtendes Werk verrichten konnte .......
Claire war schweißgebadet. Sie hatte es geschafft. Sie hatte das Endoskop doch noch ausleihen können. Jetzt wurde es aber höchste Zeit, wenn sie ihre verborgene Kammer heute noch finden wollte. Die beiden Bohrmaschinen, die sie unbedingt brauchte, waren noch in dem Baucontainer mit den anderen Geräten. Es konnte also nichts mehr schiefgehen. So schnell es eben ging manövrierte sie ihr Fahrrad vorbei an den Stoßstange an Stoßstange stehenden Autos der Touristen, die zum Strand wollten. Dann sah sie ihn endlich, den Turm der Zitadelle. Und dann sah sie die Katastrophe! Claire bremst ab. Sie wagte sich nicht näher heran. Es war das absolute Ende.
Louis Braques lehnte lässig an der riesigen Kühlerhaube seines Lasters. Er hatte sich gerade eine Gitanes angezündet, als er die wie versteinert wirkende junge Frau mit ihrem Fahrrad etwa zwanzig Meter entfernt von ihm sah. Warum starrte sie so entsetzt auf sein perfekt gegossenes Zementbett? Bei dem warmen Wetter würde doch alles sehr schnell trocknen. Diesen Touristen konnte man es doch nie recht machen! Louis Braques schüttelte den Kopf und zog an seiner Zigarette. Wie gut, dass seine Firma und die Stadtverwaltung sich einig waren, das Ausgießen der Grube um einen Tag vorzuziehen. Denn morgen würde Paris Saint-Germain gegen Olympique Marseille im Endspiel stehen. Morgen würde in Frankreich kein Mensch arbeiten. Und da er sich heute morgen so beeilt hatte, war für ihn jetzt schon Feierabend. Die Sonne schien wohlwollend auf das kleine Küstenstädtchen Concarneau. Monsieur Braques stieg in seinen 15-Tonner, schnippte die Kippe aus dem Fenster und startete den Motor. Quelle belle journée!
ENDE