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Cover von Fini vom Todesmoor

Fini vom Todesmoor

3.146 Wörter etwa 16 Minuten Veröffentlicht am 27.08.2026
Irrlicht Fini ist so hungrig, dass sie fast ihren Reservefinger verspeist. Doch Rettung naht.
Fini hatte sich einen schmackhaften Finger aufgespart. Für die kargen Zeiten. Und sie waren ganz schön karg, diese Zeiten. Fini lehnte sich im Schlamm zurück und betrachtete ihr künftiges Mahl. Die Menschenhaut war dunkel vom Dreck, der Blutfluss längst versiegt. Ein wenig zäh würde der Happen inzwischen wohl sein. Aber Fini mochte es, wenn ihre Zähne etwas Anspruchsvolles zu kauen bekamen. Irgendwie musste man seinen Kiefer schließlich fit halten. Sie holte tief Luft, schloss die Augen und führte den Finger langsam zum Mund. Ihr Magen knurrte fordernd. Ein Ast knackste. Fini erstarrte und wartete darauf, dass sich das Geräusch wiederholte. Knacks. Bei Knuldu, dem Gott der Gefresslichkeit! Jemand war hier. Fini schmiss den Finger zurück ins Moor und kletterte aus ihrer Schlafstätte heraus. Es gab Arbeit für sie! Fini kontrollierte ihr Aussehen. Mager war sie geworden in diesen kargen Zeiten. Die Schlingpflanzen, die sie vor drei Monden angezogen hatte, waren ihr irgendwo verloren gegangen. Das konnte so nicht angehen. Man musste beim Arbeiten gut aussehen, wenn man Erfolg haben wollte. Deswegen nahm Fini eine Handvoll Schlamm und schmierte sie sich in Gesicht und Haare, bis sie mit ihrem Erscheinungsbild zufrieden war. Sie musste nicht weit durchs Moor schleichen, um die massige Silhouette ihres Besuchers zu entdecken. Ein riesenhafter Schatten inmitten der Bäume. Behäbig pflügte er sich durch Sträucher und Gräser. Seine Füße schmatzten auf dem feuchten Boden. Jeden Moment konnte er auf trügerischen Grund treten und an der falschen Stelle stecken bleiben. Das war unbedingt zu vermeiden! Fini vergewisserte sich mit einem Blick auf den Sternenhimmel, dass die Bedingungen für ihr Vorhaben adäquat waren. Dann sprang sie vor den Fremden, schrie »Huhu!« und presste Energie in ihre Haut. Kaum ein Blinzeln später fing sie Feuer, sodass eine gelb flackernde Flamme Fini vollständig einhüllte. Die Gestalt erstarrte. »Huuuu!«, schrie Fini weiter und sprang von einem Fuß auf den anderen. Sie hüpfte rückwärts. Noch einen. Sie drehte eine Pirouette, tänzelte durch das hohe Gras. Einen Moment lang glaubte sie, der Besucher wüsste ihre Bemühungen nicht zu schätzen. Solche Banausen waren ein Frevel, vor allem in diesen kargen Zeiten. Doch dann machte er einen schwerfälligen Schritt in ihre Richtung. Und noch einen. Fini grinste triumphierend. Niemand konnte ihrer Eleganz widerstehen. Niemand! Sie riss die Arme hoch und wedelte damit. Sie schaukelte die Hüften und sprang in die Luft. Noch ein Stück nach hinten. »Huuuu!«, posaunte sie so laut, dass ihr Hals schmerzte. Aber was nahm man nicht alles für die Karriere in Kauf. Als Irrlicht war es schließlich nicht leicht, überregional bekannt zu werden. Fini hatte ihr Heimatloch endlich erreicht, da passierte es. Flatsch. Der Unbekannte sank im Morast ein. Erschrocken sah er auf seine Knie. Dann tat er das, was die meisten in dieser Situation taten: Er zappelte. Panisch zuckte er mit den Beinen, schaffte es jedoch nicht, sie aus dem Schlamm zu befreien. Im Gegenteil. Mit jeder Bewegung sank er tiefer, bis er bis zur Brust feststeckte. Fini kicherte und machte es sich ebenfalls im Schlamm bequem, um zu beobachten, wie er sich abmühte. Natürlich wusste sie genau, was nun kommen würde: Bald würden ihn die Kräfte verlassen. Sein Körper würde innerhalb kurzer Zeit abkühlen, bis er das Bewusstsein verlor. Im Anschluss folgten Tod und Festmahl. Ersteres für ihn, Letzteres für sie. Es kam ihr gerade recht in diesen kargen Zeiten. Dabei war es nur fair, dass sie auch einmal Glück hatte. Vielleicht bekam sie auf diese Art endlich ihre Traumfigur. Dafür mühte sie sich schon seit Jahrzehnten ab, Knuldu konnte das bezeugen. Fini löschte ihr Feuer und lehnte sich zurück. Ein angenehm fauliger Geruch kitzelte ihre Nase. Die Sterne funkelten idyllisch am Himmel. »Hallo, Sie da?«, knurrte auf einmal eine dunkle Stimme vor ihr. Vor Schreck sank Fini rückwärts in den Morast. Hektisch strampelte sie sich in die Höhe. »Wer, ich?« »Ich stecke fest«, brummte der Besucher. »Äh, ja«, sagte Fini. Worauf sollte das denn hinauslaufen? Der Besucher holte Luft. »Könnten Sie mir vielleicht sagen, wie ich hier wieder herauskommen könnte?« »Was bilden Sie sich ein!«, kreischte Fini. Da rackerte man sich ab und dann so was. Herauskommen! Niemals! Sie steckte den Kopf in den Schlamm und hörte eine Weile auf zu atmen, bis sie sich beruhigt hatte. Dann tauchte sie wieder auf, richtete sich die Frisur und blickte zu ihrem Besucher hinüber. Schmatzende Geräusche drangen aus dem Moor, während er zappelte. Fini verengte die Augen und musterte ihn. Seine Gesichtszüge wirkten wie aus Fels gehauen, sein Kopf war haarlos, die Haut grau. Er hatte erstaunlich wenig Hals. Ein Steintroll. Hm. Fini war noch nie einem begegnet, schließlich lebten sie im Gebirge und kamen für gewöhnlich nicht hierher. Sollte sie fragen, was er hier gesucht hatte, oder wäre das unprofessionell? Letzteres, entschied sie. Nach einer Weile hielt er inne und blinzelte in ihre Richtung. »Ich heiße übrigens Bogmo«, sagte er. »Und Sie?« Stolz drückte sie den Rücken durch und trällerte: »Ich bin Fini, das Irrlicht vom Todesmoor!« Kurz schwieg er nachdenklich. »Ach, Sie sind das. Hab schon von Ihnen gehört.« Fini riss die Augen auf. »Wirklich?« Hitze schoss ihr ins Gesicht. Auf ihren Lippen erschien ungewollt ein Lächeln. »Ja, ich bin sehr erfolgreich. Sehr. Selbst in diesen kargen Zeiten.« »Wie schön«, sagte Bogmo. Inzwischen steckten auch seine Arme so weit im Moor, dass er sie nicht mehr herausziehen konnte. Ansonsten wirkte er verdächtig munter. Vielleicht dauerte es bei Steintrollen länger, bis sie ermüdeten? Fini beschloss, dass ein kleines Nickerchen nicht schaden konnte. Sie grub sich in den Schlamm ein und schloss die Augen.
Als Fini erwachte, war Bogmo immer noch bei Bewusstsein. Dabei strahlte die Morgensonne bereits durch die Baumwipfel und bedeckte den Steintroll mit einem Muster aus Lichtstreifen und Schatten. Er schien die Vögel am Himmel zu beobachten. Sein Gesicht war ärgerlich entspannt. Fini kletterte aus dem Moor heraus. Ihr Magen rumorte. Normalerweise wartete sie, bis ihre Besucher tot waren, bevor sie sie anknabberte, aber in diesem Fall ... Das konnte noch ewig dauern! Und sie würde sich unterstehen, ihren Reservefinger aufzuessen, nur weil der Kerl nicht verrecken wollte. Nein, das würde sie nicht! »Guten Morgen«, sagte Bogmo. Fini verschmierte den Schlamm auf ihrer Haut und tat so, als hätte sie nichts gehört. Die Sonnenstrahlen juckten auf ihrem Kopf. Schnell hüpfte sie über die Mooroberfläche und krallte sich in Bogmos Rücken. »Huch«, sagte er, während sie an ihm hinaufkletterte, bis sie auf seinen Schultern stand. Er roch ... seltsam unintensiv. Was war das? Staub? Sand? Bogmo versuchte den Kopf zu drehen, um sie anzusehen, doch es gelang ihm nicht, ihn mehr als eine Handbreit zu bewegen. Fini befeuchtete ihre Lippen. Ihr Magen grollte erneut. Wenn das kein Zeichen war. Also riss sie den Mund auf und rammte ihre spitzen Zähne in Bogmos Hals. Wellen aus Schmerz schossen durch ihren Kiefer. Fini jaulte auf und ließ sich zurück in den Schlamm plumpsen. Es fühlte sich an, als hätte sie auf Fels gebissen. Verdammter Steintroll! Als sie wieder auftauchte, kicherte Bogmo. »Ich bin so kitzlig«, sagte er. »Das finden alle!« Ihr Gesicht wurde heiß. Fini kaute auf ihrer Zunge und schluckte den wütenden Schrei in ihrem Hals wieder hinunter. Das konnte nichts anderes als ein Test sein. Knuldu stellte ihre Fähigkeiten auf die Probe! Aber sie würde nicht den Finger essen, solange in ihrem Moor ein waschechter Troll hockte. Das wäre kaum diesen kargen Zeiten angemessen. Zum Glück hatte sie ihre Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft, schließlich hielt sie sich für findig. Plan B war noch nie zum Einsatz gekommen, doch es gab immer ein erstes Mal. Fini krabbelte aus dem Morast und schlug sich einen Weg durchs Heidekraut. Gut, dass sie so viel Zeug aufhob, das die Leute verloren.
Einer der Menschen hatte den Gegenstand vor einiger Zeit verloren und Fini hatte sich die Position genau gemerkt. Jetzt stand sie bis zum Hals im Schlamm und zerrte das Ding mühsam in die Höhe. Libellen schwirrten um sie herum. Sonnenstrahlen brannten auf ihrem Kopf. Finis Schweiß weichte den Schlamm auf ihrer Haut auf. Nachdem sie die Säge mühsam an die Oberfläche gebracht hatte, schleifte sie das Werkzeug in Richtung ihres Heimatlochs. Bei dem Gedanken, das Ding Bogmos Rücken hinaufhieven zu müssen, kamen ihr schon jetzt die Tränen. Aber außergewöhnliche Situationen erforderten nun einmal außergewöhnliche Maßnahmen. Knuldu stimmte da sicherlich zu. Irgendetwas in ihr hatte gehofft, Bogmo wäre während ihrer Abwesenheit endlich krepiert. Ein Blick reichte allerdings, um zu erkennen, dass dem nicht so war. Stattdessen versuchte der Steintroll verzweifelt, seine Nase auf seine Schulter zu drücken, offenbar in der Absicht, sie zu kratzen. Doch erneut kam ihm seine mangelnde Beweglichkeit in die Quere. Für einen Moment hatte Fini Mitleid mit ihm. Eine juckende Nase war ein scheußliches Schicksal. »Da sind Sie ja wieder«, sagte Bogmo. »Ich habe mich gefragt, ob es zu dreist wäre, Sie zu bitten -« »Nein!«, krächzte Fini. »Ich meine ja!« »Huch?«, fragte Bogmo. Fini schob die Säge seine unverschämt harte Haut bis zu den Schultern hinauf. Oben angelangt gestattete sie sich eine Pause. Oh, der köstliche Reservefinger lag nur ein paar Schlammschichten unter ihr und wartete darauf, endlich verzehrt zu werden. Aber nein. Sie war ein Exempel tadelloser Selbstbeherrschung. Knuldu wusste das zu bezeugen. Jetzt aber. Fini packte den Griff der Säge fest und setzte das Blatt in Bogmos Nacken. Das Metall war ein wenig rostig, aber insgesamt stabil. Fini stieß einen Kampfschrei aus und begann zu sägen. Vor, zurück. Vor, zurück. Die Metallzähne sanken kein bisschen ein. Bogmo begann wieder, schrill zu kichern, aber seine Haut blieb unversehrt. Fini heulte auf und ließ den Griff los. Die Säge glitt an Bogmos Rücken hinunter in den Schlamm. Starr blickte Fini auf den langsam versinkenden Griff. Musste sie wirklich Plan C hervorkramen?
Wofür genau man das Ding benutzte, hatte sie noch nicht herausgefunden. Sie wusste nur, dass die Menschen es »Kurkenzüher« oder so ähnlich nannten. Jedenfalls hatte es eine Spitze und ließ sich wunderbar in weiches Fleisch drehen. Nur dass Bogmos Fleisch leider nicht weich war – oder vielleicht war es das unter der steinharten Haut. Fini wusste es nicht. Sie drehte und drehte, doch egal, wie sehr sie sich anstrengte, der Kurkenzüher versagte genauso wie die Säge. Bogmo schnarchte währenddessen. Nur mattes Sternen-licht erhellte seine Züge. Der Wind raschelte durch die Gräser. Außer Atem warf Fini den Kurkenzüher davon. Sie brauchte einen Plan D und sie hatte keinen. Was sollte sie nur machen? Der Reservefinger lag noch immer friedlich unter ihr.
Ihre Strategie war felsenfest. Fini lachte dunkel in sich hinein, während sie den Hammerkopf in ihre selbstgebaute Schleuder spannte. Bogmo beobachtete sie dabei neugierig. Sie hatte den halben Tag gebraucht, um den Stahlblock von seinem Stiel zu entfernen, und bis in die Nacht hinein, um aus Zweigen und Schlangenhaut die Konstruktion zu bauen. Jetzt zog sie die Schleuder zurück. Weiter. Noch weiter. So weit, bis sie Finis Fingern entglitt und nach vorne schnellte. Der Hammerkopf beschrieb einen Bogen durch die Luft und – knallte auf Bogmos Nase. Einen Moment lang riss der Steintroll die Augen auf. Dann lächelte er erleichtert. »Vielen Dank! Das war längst überfällig.« Fini krallte die Finger in ihre Haare und atmete tief durch. »Habe ich Sie verletzt?« »Aber nicht doch. Kein bisschen«, sagte Bogmo. Fini heulte auf. »Kein bisschen«, schluchzte sie. »Kein bisschen!« »Machen Sie sich doch keine Vorwürfe«, sagte Bogmo. Sie purzelte ins Gras und presste die Hände auf die brennenden Augen. Trotzdem rannen Tränen über ihre Wangen und tropften von ihrem Kinn hinab. Eine verklebte Haarsträhne fiel in ihr Gesicht und der trockene Schlamm blätterte von ihrer Haut. Bestimmt wachte Knuldu über ihr Versagen.
Nach fünf Tagen steckte Bogmo immer noch munter im Moor fest und ließ sich von der Abendsonne anscheinen. Fini beobachtete ihn mit wässrigen Augen. Ihr waren die Ideen ausgegangen. Das Schicksal wollte nicht, dass sie Bogmo verspeiste. Doch wenn er nicht versank und auch nicht starb – und sie ihn nicht aß ... Bogmo würde ewig hier in ihrem Heimatloch hocken. War ihr Heimatloch überhaupt noch ihr Heimatloch, wenn fortan ein Steintroll darin festsaß? Fini schniefte. Sie würde es niemals schaffen, Bogmo herauszuzerren, und sie kannte niemanden, der ihr freiwillig helfen würde. Fini kratzte sich den viel zu trockenen Schlamm vom Bauch und ließ sich ins Gras fallen. Der Blick des Steintrolls folgte ihr. Ein roter Sonnenschimmer färbte die Kanten seiner Haut so blutfarben, dass Fini der Anblick wehtat. »Vielleicht hätte ich nicht derart voreilig herkommen sollen«, sagte Bogmo nach einer Weile. »Ich bin manchmal etwas impulsiv, wissen Sie.« Fini räusperte sich. Jetzt würde sie doch fragen – mangelnde Professionalität war gerade ihr letztes Problem. »Was wollten Sie überhaupt im Todesmoor?« »Ich bin auf der Suche nach einem bestimmten Gegenstand, der sehr wichtig ist für ...«, Bogmo senkte die Stimme und zwinkerte ihr verschwörerisch zu, »für die Vollendung meiner Reinkarnation.« »Re...« Fini runzelte die Stirn. »Was ist das?« Bogmo nickte ernst. »Wenn ich nur herausfinden könnte, wo er ist ... Dann bräuchte ich Sie auch nicht länger zu belästigen.« Während sie über seine Worte nachdachte, kratzte sich Fini erneut am Bauch. »Selbst wenn Sie das Re-Ka-Ding hätten, würden Sie immer noch hier feststecken«, sagte sie nach einer Weile. Heftig schüttelte Bogmo den Kopf. »Nein, das ist es ja gerade. Wenn meine Reinkarnation vollständig abgeschlossen ist, kann ich wieder auf meine vollen Kräfte zurückgreifen und mich befreien.« »Ach ja?« Fini verengte die Augen und betrachtete Bogmos grobschlächtiges Gesicht. »Ich habe noch nie gehört, dass Steintrolle besondere Kräfte besäßen, abgesehen ... von der Härte ihrer Haut.« Bogmos Augen weiteten sich. »Sie halten mich für einen Steintroll?« »Äh ...« Fini schluckte. Bogmo hüstelte pikiert. »Wissen Sie, ich spüre genau, dass er in der Nähe ist. Vermutlich sogar unmittelbar.« Seufzend sprang Fini in den Schlamm und tauchte unter. Die Säge konnte er nicht meinen, den Kurkenzüher und den Hammerkopf auch nicht. Sie hatte keine Ahnung, was sonst noch alles in ihrem Heimatloch herumlag. Ihre Finger ertasteten die Überreste eines Stiefels, die sie nach oben trug und Bogmo unter die Nase hielt. »Das?« »Nein, etwas Kleineres«, sagte er entschuldigend. Fini schmiss den Stiefel davon und tauchte wieder unter. Eine Feldflasche, eine Taschenuhr, ein Brillengestell, ein Keramikschweinchen. »Irgendwas dabei?«, fragte sie Bogmo. »Alles so leblos«, sagte er. Fini schnaubte. »Natürlich ist hier alles leblos! Außer Sie, versteht sich.« Seine Antwort hörte sie nicht mehr, weil sie sich bereits wieder durch den Schlamm wühlte. Was hatte sie denn sonst noch hier? Was ... Er konnte doch unmöglich ... Fini ächzte, als ihre Hände auf etwas Längliches, Weiches stießen. Einen Moment zögerte sie. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass das nicht gut ausgehen konnte – und es gab nichts Vernünftigeres, als auf ihren Bauch zu vertrauen. Doch eine Wahl hatte sie kaum, wenn sie Bogmo loswerden wollte. Also riss Fini den Reservefinger in die Höhe. »Da ist er!« Bogmo lachte auf. Das Geräusch donnerte durchs Todesmoor wie ein Gewitter. »Sie haben ihn wirklich gefunden!« »Nun ja«, brummte Fini und betrachtete den Finger. Den letzten Reservefinger, den sie sich extra aufgespart hatte. Für die kargen Zeiten! Diese verdammten Zeiten, die durch Bogmos Unverspeisbarkeit in den letzten Tagen noch einmal deutlich kärger geworden waren. Fini umschloss den Finger mit beiden Händen und bleckte die Zähne. »Den bekommen Sie nicht! Niemals!« »Bekommen?« Bogmo schüttelte den Kopf. »Ich muss ihn gar nicht bekommen. Ich muss lediglich sicherstellen, dass er vernichtet wird. Schließlich ist er das Letzte, was mich an meinen alten Körper bindet.« Blinzelnd hielt Fini inne. »Was meinen Sie denn mit vernichten?« »Nun, mir war in den Sinn gekommen, ihn zu verbrennen. Das wäre am sichersten.« »Niemals!«, kreischte sie. Bogmo zuckte zurück. »Was schlagen Sie denn vor?« Fini leckte sich über die Lippen. »Ich ... könnte ihn essen.« »Aber ja!«, rief Bogmo. »Sie sind so erfrischend einfallsreich.«
Der Moment war gewichtig. Das spürte sie in ihren Knochen. So lange schon begleitete sie der Reservefinger und nie hatte sie es über sich gebracht, ihn aufzuessen. Wenn sie es jetzt tat, wäre es das erste Mal seit Jahren, dass sie völlig ohne Reserven dastand. Und wer wusste schon, wie lange der Zustand währen würde. Dennoch ... als sie den schlammverschmierten Finger betrachtete, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Fini schloss die Augen und schickte ein stummes Gebet an Knuldu. Dann stieß sie die Zähne tief in das tote Fleisch und riss genüsslich ein Stück heraus. Würzige Reife kribbelte auf ihrer Zunge. Fini kaute ausgiebig und schluckte. Dann biss sie die Fingerkuppe ab und schlang sie in einem Happen hinunter. Wenn man einmal angefangen hatte, verzehrte sich so eine Reserve erschreckend schnell.
Bald war nur noch ein Stück vom Knochen übrig, das sie motiviert zerkaute. Bogmo ließ die ganze Zeit nicht die Augen von ihr. Fini klopfte sich auf den vollen Bauch und sank zufrieden in den Schlamm, um sich ein Verdauungsschläfchen zu gestatten. Bevor ihr Gesicht vollständig im Moor verschwand, sah sie noch das wohlwollende Funkeln der Sterne über ihr.
Rülpsend tauchte sie auf. Offenbar hatte ihr Mitternachtsschläfchen ein wenig länger gedauert, als sie vorgehabt hatte. Die Morgensonne beschien Bogmos Kopf, der weiterhin unverändert aus dem Moor ragte. »Jetzt sind Sie ja immer noch hier«, grollte Fini. »Offensichtlich haben Sie den Finger noch nicht ganz verdaut«, erklärte Bogmo. Ein Lächeln überzog seine Lippen. »Aber machen Sie sich keine Sorgen, ich spüre bereits, wie meine Kräfte erwachen.« »Na dann guten Tag«, murrte Fini und grub sich wieder ein.
Eine ekelerregende Wärme umgab sie. Fini riss die Augen auf und schüttelte sich. Ihre Haut juckte. Als sie auftauchte, lag ein bläulicher Glanz über ihrem Heimatloch. Bogmos Haut flammte in blauem Feuer. Mit einem Ruck riss er seine Arme in die Luft und stieß einen Schrei aus. »Ich bin der heilige Bogmo, Gott der Unkaputtbarkeit!« Erschrocken beobachtete Fini, wie er Stück für Stück aus dem Moor watete, ans Ufer trat und den Schlamm einfach abschüttelte. Fast schien es ihr, als würde er eine Handbreit über dem Boden schweben. »Eieiei«, murmelte Fini und duckte sich tiefer in ihr Heimatloch hinein – der unangenehmen Temperatur zum Trotz. Auch nachdem der Morast ihre Ohren verstopfte, hörte sie Bogmo noch rufen und spürte das Todesmoor beben. Erst jetzt dachte sie daran, dass sie ihn vielleicht hätte fragen sollen, ob er noch wusste, wie er in seinem letzten Körper zu Tode gekommen war. Sie jedenfalls erinnerte sich nicht daran, dass das göttliche Fleisch irgendwie besonders geschmeckt hätte. Knuldu wusste das zu bestätigen. Fini rollte sich zusammen und hielt die Luft an, bis über ihr Ruhe einkehrte. Ein paar Herzschläge lang wartete sie noch, bevor sie es wagte, vorsichtig aufzutauchen. Er schwebte noch blau leuchtend über den Baumwipfeln, offenbar auf dem Weg in den Himmel. Kurz erwartete sie, dass er sich umwenden würde, um doch noch eine Strafe für Götterfresserei – was würde Knuldu wohl davon halten – über sie zu verhängen. Doch Bogmo glitt weiter, bis seine Gestalt zwischen den Wolken ver-schwunden war. Das Moor blieb still und Fini war allein in ihrem Heimatloch. In diesen kargen Zeiten. Aufgewühlt, zerzaust und – vor allem – ohne Reservefinger.
Die Geschichte erschien 2023 zuerst in der Anthologie "Strahlende Helden und das Gesocks von nebenan" beim Chaospony Verlag und ist neben neun weiteren Erzählungen in der Kurzgeschichtensammlung "Tempelfeuer" enthalten.
High Fantasy Kurzgeschichtensammlung "Tempelfeuer" von Kornelia Schmid
Kurzgeschichten aus fernen Welten: Moore, mediterrane Inseln, unter Wasser, Dschungel und mehr.
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