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Highjump I

4.895 Wörter etwa 25 Minuten Veröffentlicht am 22.08.2026
1947: Ein US-Flugzeug stürzt im ewigen Eis ab. Der Copilot entdeckt etwas Unglaubliches ...
Antarktis, 30. Dezember 1946, 02:44 Uhr Vor der Küste von Ellsworthland US-Navy-Flugboot „George 1“, Typ Martin PBM-5 Mariner Copilot William „Bill“ Kearns stemmt beide Füße gegen den Boden und zieht den Steuerknüppel an seine Brust. »Noch hundert Yards«, ruft Pilot Ralph LeBlanc gegen den Lärm der Motoren an und drückt mit einer Hand die Hebel der Schubsteuerung. Die beiden Sternmotoren der Mariner heulen mit voller Leistung, doch das schwer beladene Flugboot will sich nicht von den Wellen lösen. Bill wirft einen Blick durch die vereisten Cockpitscheiben. Das Seeflugzeug rast über die Wasseroberfläche hüpfend durch die Wellen des eiskalten Südatlantiks. Hinter ihnen schrumpft der Seeflugzeugtender zu einem grauen Schatten vor einem gewaltigen blau-weißen Eisberg. »Wenn wir bis dahin nicht in der Luft sind, müssen wir abbrechen!«, ruft Bill. »Wir kommen hoch, das klappt schon.« LeBlanc greift nach dem Auslöser für die Starthilfsraketen. »Festhalten!« Ein dumpfer Schlag fährt durch die Maschine. Vier Raketen zünden unter den Tragflächen und drücken Bill fest in seinen Sitz. Die Maschine beschleunigt, springt über eine Welle und schlägt noch einmal hart auf die Wasseroberfläche auf. Gischt spritzt über den Bug und nimmt ihnen für einen Moment jede Sicht. »Komm schon«, knurrt LeBlanc, »hoch mit deinem fetten Hintern.« Bill reißt erneut am Steuerknüppel. Das Dröhnen der Motoren vermischt sich mit dem Fauchen der Raketen. Endlich hebt sich der Bug und neigt sich in den Himmel. Die Schläge gegen den Rumpf hören auf und das Flugboot steigt schwerfällig in den bleichen Morgenhimmel. »Maschine ist frei. Steigflug!«, meldet Bill. LeBlanc lehnt sich zurück und atmet hörbar aus. »Hab ich doch gesagt.« Mit einer Hand wischt er sich den Schweiß von der Stirn. Die zurückliegenden Minuten, so wenige es auch waren, haben seine Nerven zum Zerreißen angespannt. Bill nickt. »Fünf Meilen Startstrecke. Ein neuer Rekord, würde ich sagen.« »Schreib ihn ins Logbuch. Vielleicht bekommen wir dafür einen Orden.« Bill wirft dem Piloten einen missmutigen Blick zu. Lieutenant Ralph „Frenchy“ LeBlanc fliegt die PBM schon seit vielen Jahren. Nicht einmal der Schneesturm, der über dem antarktischen Festland hängt, scheint ihn zu beunruhigen. Ganz im Gegensatz zu Bill. Die Mariner steigt auf vierhundert Fuß. Unter ihr treiben zerbrochene Eisschollen im dunklen Wasser, vor ihnen tanzen einzelne Schneeflocken durch die Luft und schmelzen auf der Frontscheibe. Bill greift nach vorne und schaltet die Scheibenwischer höher. Noch ist der Himmel über dem Flugboot blau, doch südlich von ihnen verschwindet der Horizont hinter einer grauen Wand. Kein gutes Omen für den angesetzten Aufklärungsflug über der lebensfeindlichen Antarktis. »George One an Pine Island«, spricht der Funker hinter LeBlanc in sein Kopfhörermikrofon. »Flugzeug in der Luft. Kurs eins-acht-null. Geschwindigkeit eins-drei-null Knoten.« Das Rauschen in Bills Kopfhörern verschluckt einen Teil der Antwort ihres Mutterschiffes. Er versteht nur die Freigabe für den Erkundungsflug. Mit gerunzelter Stirn wirft er einen Blick aus dem Seitenfenster, während der Pilot die Maschine in eine sanfte Kurve zwingt. Unter ihnen liegt die Flotte. Dreizehn Kriegs- und Transportschiffe, mittig im Pulk ein Träger der Essex-Klasse, die USS Philippine Sea. Der Verband transportiert fast 5000 Seeleute und Soldaten der amerikanischen Streitkräfte. Was sie alle in diesen unwirklichen Teil der Welt führt, ist ein Geheimnis. Zumindest der wahre Grund für diese Operation. Offiziell handelt es sich um eine Übung der Streitkräfte zum Erproben des Materials unter antarktischen Bedingungen. Inoffiziell gehen allerlei Gerüchte herum. Von der Jagd auf angeblich geflohene Nazis in einer geheimen U-Boot-Basis, bis hin zum Erkunden möglicher UFO-Landeplätze. Alles Unsinn in Bills Augen. Für ihn ist klar: Konteradmiral Richard Byrd, der Expeditionsleiter, will nur einen weiteren Orden an seine Brust heften. Bill und seine Kameraden dürfen dafür den Kopf hinhalten. Die Männer sollen die noch weitgehend unbekannte Küste erkunden und fotografieren. Mehrere Kameras sind im hinteren Teil des Flugbootes montiert. Während der kommenden zehn Stunden wollen sie eine Lücke auf den amerikanischen Karten schließen. Bill stöhnt bei dem Gedanken. Er hat seit Wochen nichts anderes getan, als weiße Flächen zu überfliegen und Tausende Bilder von Eis, Felsen und Gletschern anzufertigen. »Wenn das Wetter hält, sind wir vor dem Abendessen zurück«, unterbricht LeBlanc seine Gedanken. Bill blickt auf die graue Wand vor ihnen. »Ich habe ein schlechtes Gefühl heute. Das Wetter hält bestimmt nicht.« »Es muss nur lange genug halten, bis wir einmal die Route abgeflogen sind.« Die Mariner überfliegt die ersten Ausläufer des Packeises. Im bulligen Bug der Maschine sitzt Captain Henry Caldwell, Kommandant der Pine Island, auf dem Platz des ausgebauten Schützenstandes. Er wollte die antarktische Küste unbedingt mal mit eigenen Augen sehen. Insgesamt befinden sich also heute neun Männer statt der üblichen acht an Bord. Der hohe Besuch war der Besatzung bereits vor dem Start ein Dorn im Auge. Bill zieht seine Handschuhe aus und reibt die Finger aneinander. Trotz der Heizung dringt die Kälte durch jede Naht des Flugbootes. Eisblumen wachsen an den Rändern der Cockpitscheiben. »Max, wo sind wir?«, fragt LeBlanc mit nach hinten gedrehtem Kopf. Navigator Maxwell Lopez beugt sich über seine Karten. »Noch etwa hundert Meilen bis zum Ziel, wenn der Wind so bleibt. Bisher gibt’s wenige Gegenströmungen.« »Drücken wir die Daumen«, murmelt Bill. Max hebt den Kopf und grinst zu den Piloten. »Wenn der Gegenwind stärker wird, fliegen wir eben schneller.« »Wenigstens hat einer von uns gute Laune«, sagt LeBlanc lachend. Fast drei Stunden folgt George One dem Kurs nach Süden. Die Wolkendecke sinkt immer tiefer und nimmt mehr und mehr die Sicht in die Ferne. Schnee prasselt gegen die Scheiben, während unter dem Flugboot die Grenze zwischen Eis und Himmel verschwimmt. Bill schaut auf den künstlichen Horizont. Ohne die Instrumente könnte er nicht sagen, ob die Maschine steigt oder fällt. »Das gefällt mir nicht. Vielleicht sollten wir umkehren.« Alles vor dem Cockpit besteht aus einem milchig weißen Nichts. »Höhe achthundert Fuß«, meldet LeBlanc, ohne auf Bills Kommentar einzugehen. »Bodenradar meldet Gebirge in zwanzig Meilen Entfernung«, ruft einer der Männer aus dem hinteren Teil. Max vergleicht die Meldung mit seiner Karte. »Das müsste die Thurston-Halbinsel sein. Wir halten uns westlich und fliegen dann an der Küste entlang.« LeBlanc nickt. »George One an Pine Island. Küste in Sichtweite. Wolkenuntergrenze zwischen sechshundert und tausend Fuß. Sicht weniger als zwei Meilen. Wir beginnen mit dem Fotolauf.« Keine Antwort. Der Funker wiederholt den Spruch. Nur ein Knacken ist zu hören. »Wir sind hinter dem Gebirge«, sagt Bill. »Die Verbindung kommt wieder, sobald wir drehen.« LeBlanc betrachtet die Scheiben. Eine dünne Eisschicht breitet sich von den Rändern zur Mitte aus. Er schaltet die Enteisungsanlage ein und sofort sprühen kleine Düsen eine durchsichtige Flüssigkeit auf die Scheiben. »Bill, du übernimmst. Deine Maschine.« Bill legt beide Hände an den Steuerknüppel. »Roger.« »Deine Maschine«, bestätigt LeBlanc und öffnet seinen Sicherheitsgurt. »Ich sehe mir das Eis an den Tragflächen an.« Er beugt sich seitlich an Bill vorbei zum Fenster. Durch das verschmierte Glas ist der linke Motor nur als verschwommener Schatten zu erkennen. An der Vorderkante der Tragfläche hat sich eine mehrere Zentimeter dicke Schicht gebildet, die immer wieder im spärlichen Licht des Himmels glänzt. »Verdammt«, murmelt LeBlanc. »Dass du mit deinem Pessimismus immer richtig liegen musst.« Ein Licht vor Bill beginnt zu blinken. Seine geschulten Augen finden sofort die passende Anzeige. Die Drehzahl des linken Motors schwankt. George One sackt um einige Fuß ab. Bill zieht am Steuer, doch die Maschine reagiert nur träge. »Probleme. Wir werden zu schwer.« »Halt sie auf achthundert.« LeBlanc setzt sich wieder und schließt den Gurt. »Max, wie weit bis zur freien See?« »Bei diesem Kurs fünfzig Meilen.« »Scheiße. Dann brechen wir ab.« LeBlanc greift nach seinem Steuerknüppel. »Dreh nach Backbord ab. Langsame Kurve.« Bill nickt. »Roger.« Beide bewegen ihre Steuerknüppel. Die Mariner neigt sich nach links. Die Maschine beginnt zu vibrieren und wird so heftig hin und her geschüttelt, dass die Instrumente vor Bill verschwimmen. »Strömungsabriss!«, ruft er. »Nase runter. Geschwindigkeit halten!«, brüllt LeBlanc. Die Maschine verliert immer mehr Höhe. Der Höhenmesser dreht sich unaufhörlich und fällt auf siebenhundert Fuß. Dann auf sechshundert. LeBlanc schiebt erneut beide Gashebel bis zum Anschlag nach vorne. Die Motoren heulen auf. In diesem Moment stößt das Flugzeug in eine dunkle Wolkenansammlung hinein. »Ich sehe nichts mehr!«, ruft Bill und kneift die Augen zusammen. »Weiterziehen! Wir haben Platz.« »Woher willst du das wissen?« »Das Radar zeigt das Gebirge weitab an.« Ein gleißender Schein dringt durch die vereisten Scheiben. Für einen Moment glaubt Bill, die Wolkendecke reiße auf. Doch das Licht kommt von unten. Sonnenstrahlen brechen sich zwischen Schnee und Eis und verwandeln die Landschaft in eine blendende, konturlose Fläche. »Eisblink«, sagt LeBlanc. Die Stimme des Radarbedieners überschlägt sich. »Gelände voraus! Entfernung fünf Meilen!« Max fährt von seinem Platz hoch. »Das kann nicht sein. Das Gebirge liegt westlich von uns.« »Entfernung drei Meilen!« Bill drückt sein Gesicht näher an die Scheibe. Im Weiß erscheint ein dunkler Fleck, kaum größer als ein Fingerabdruck. Innerhalb von Sekunden wächst er zu einer Wand an. »Berg voraus!«, schreit er. »Volle Leistung!«, brüllt LeBlanc. »Nase hoch!« Die Piloten reißen gemeinsam die Steuerknüppel an sich. Bill tritt in das Seitenruder. Der Bug hebt sich, doch die mit Eis überzogene Maschine steigt kaum. »Fahrwerk?«, ruft LeBlanc. »Eingefahren!« »Klappen auf zehn!« Bill legt mit einer Hand den Hebel zwischen beiden um. Ein tiefes Krachen ertönt unter dem Rumpf. Die Mariner wird nach rechts geschleudert. »Wir haben ihn gestreift!«, schreit Bill. Warnleuchten flammen auf. Die rechte Motordrehzahl fällt ab. Ein helles Licht erhellt das Cockpit und Bills Kopf dreht sich zum Fenster. Der Schein kommt von draußen. Brennender Treibstoff spritzt über die Tragfläche und zieht eine glitzernde Fahne hinter der Maschine her. LeBlanc stemmt sich mit aller Kraft gegen den Steuerknüppel. »Linker Motor volle Leistung. Rechten abstellen!« Bill greift nach dem Brandhahn. Bevor er ihn erreicht, erschüttert eine Explosion das Flugboot. Der rechte Flügel verschwindet in einem Feuerball. Die Mariner dreht sich auf die Seite. Lose Karten, Werkzeuge und Metallteile fliegen durch das Cockpit. »Bill! Gegenhalten!«, schreit LeBlanc. Der Copilot tritt das linke Pedal bis zum Anschlag durch. Der Boden kippt unter ihm weg. Sein Sicherheitsgurt schneidet tief in die Schulter. »Wir müssen runter!«, ruft er. »Wir sind schon fast unten!« Fels und Eis rasen auf das Cockpit zu. Bill sieht Max hinter den Pilotensitzen stehen. Der Navigator hält sich mit einer Hand an der Wand fest und hebt schützend den anderen Arm vor das Gesicht. Dann zerreißt ein gewaltiger Schlag die Mariner. Beide Piloten werden nach vorne geschleudert. Die Frontscheibe zerplatzt. Kalte Luft schlägt ihm ins Gesicht, gefolgt von Feuer und weißem Licht. Thurston-Halbinsel, 06:18 Uhr Bill schmeckt Schnee in seinem Mund. Er versucht zu atmen und verschluckt sich. Ein scharfer Schmerz fährt durch seine linke Schulter. Er öffnet die Augen und sieht nur endloses Weiß. Der Wind zerrt an seiner Kleidung und weht Schneeflocken in sein Gesicht. »Frenchy?«, stammelt er leise. Keine Antwort. Bill stemmt sich mit dem rechten Arm hoch. Er liegt zwanzig Yards von der brennenden Mariner entfernt im Schnee. Das Flugboot ist in mehrere Teile zerbrochen. Der rechte Flügel fehlt, aus dem Rumpf schlagen orangefarbene Flammen in den Himmel. Schwarzer Rauch wird vom Sturm flach über das Eis gedrückt, immerhin weg von ihm. Neben ihm ragt der Oberkörper eines Mannes halb aus dem Schnee. Bill kriecht hinüber. »Max?« Er packt den Navigator an der Uniform und dreht ihn vorsichtig auf den Rücken. Maxwells Augen sind geöffnet. Unter seinem Kopf färbt sich der Schnee dunkel. Eine scharfkantige Metallstrebe hat seinen Brustkorb durchbohrt. »Max?« Bill legt zwei Finger an den Hals des Mannes. Nichts. Ein Stöhnen dringt aus Richtung des Wracks. Bill schaut auf. Vor dem Feuer bewegt sich ein undeutlicher Schatten im Rauch. »Hilfe!«, schreit LeBlanc. »Holt mich hier raus!« Bill zwingt sich auf die Beine. Seine linke Schulter hängt unnatürlich tief, der Arm gehorcht ihm nicht. Er stolpert durch den Schnee zum brennenden Cockpit. Zwei weitere Besatzungsmitglieder erreichen das Wrack gleichzeitig mit ihm. Gemeinsam zerren sie LeBlanc aus seinem Cockpitsitz. Die Kleidung des Piloten ist zerrissen, sein Gesicht und seine Hände sind schwarz vom Ruß. »Meine Beine«, keucht LeBlanc. Bill blickt hinab. Er sieht blutdurchtränkten Stoff und freiliegende Haut. »Du lebst«, sagt Bill. »Das ist alles, was zählt.« LeBlanc packt ihn am Kragen. »Die anderen?« Bill schaut zu Maxwell. Der Schnee beginnt bereits, die Leiche zu bedecken. »Max ist tot.« Einer der Männer ruft etwas aus dem hinteren Rumpfteil, das Bill nicht verstehen kann. Der Wind hämmert auf seine Ohren und nimmt ihm sein Hörvermögen. Sein Kamerad kommt herangestolpert und packt Bill an die Schulter. »Was ist passiert? Sind wir abgeschossen worden? Ich habe nichts mitbekommen. Waren das die Nazis?« Bill schüttelt den Kopf und streckt seinen Mund zum Ohr seines Kameraden. »Unsinn. Vereisung.« Diese Angst vor einer angeblichen Basis des Dritten Reichs ließ sich einfach nicht aus den Köpfen der Soldaten verdrängen. Dabei ist die Flotte über zweitausend Kilometer von der Stelle entfernt, welche die Nazis in den 30er-Jahren erkundet hatten. Weitere Besatzungsmitglieder tauchen aus dem Schneesturm auf und sammeln sich bei der Maschine. Bill zählt schlussendlich nur sechs Überlebende. Drei Kameraden fehlen. Thurston-Halbinsel, 14:20 Uhr Der winterliche Sturm lässt nicht nach, mehr und mehr Schnee bedeckt das Wrack der Maschine. Die Überlebenden haben sich in das abgerissene Heck der Mariner zurückgezogen, der einzige verbleibende Teil, der etwas Schutz vor dem eiskalten Wind bietet. Aus Metallplatten, Fallschirmen und Decken haben sie einen notdürftigen Schutz errichtet und sitzen eng zusammengekauert nebeneinander. In der Mitte brennt ein kleines Feuer, gespeist mit dem verbleibenden Treibstoff aus einem unbeschädigten Tank. LeBlanc liegt auf mehreren übereinandergeschichteten Sitzpolstern, die teils stark angekokelt sind. Seine Beine sind mit Stoffbahnen umwickelt. Jeder Atemzug lässt ihn vor Schmerzen zusammenzucken. Bill sitzt neben dem Piloten und hält sich den linken Arm vor der Brust. Einer der Männer mit Sanitätsausbildung hat die ausgekugelte Schulter wieder eingerenkt und den Arm mit einer Schlinge aus dem Verbandskasten fixiert. »Wie lange?«, fragt LeBlanc, der gerade die Augen aufschlägt. Seine Stimme klingt schwach und zittrig. »Was?«, erwidert Bill. »Bis sie uns suchen werden.« Bill schaut durch die Öffnung im Rumpf. Draußen ist nur Schnee zu sehen. »Der letzte Funkspruch ging erst kurz vor unserem Absturz raus. Sie kennen ungefähr unsere Position.« »Ungefähr ist hier eine sehr weitläufige Angabe.« »Sie finden uns schon.« LeBlanc schließt die Augen. »Natürlich. Plötzlich wirst du Optimist.« Bill erkennt an seinem Tonfall, dass er selbst nicht daran glaubt. Am Abend begraben die noch arbeitsfähigen Männer Maxwell Lopez und die beiden anderen Toten unter dem linken Flügel der Maschine im Schnee. Der gefrorene Boden lässt sich nicht öffnen. Sie bedecken die Körper mit Fallschirmseide. Keiner von ihnen konnte den Anblick der menschenförmigen Schneehaufen mehr ertragen. Die folgenden zwei Tage verlieren sich im düsteren Schneesturm. Es wird niemals richtig dunkel oder hell, die Sonne bleibt hinter Wolken verborgen. Die Männer messen die Zeit an ihren knapper werdenden Piloten-Rationen und am Zustand von LeBlancs Beinen, die zunehmend eine dunkle Farbe annehmen. Jede Konservendose wird auf sechs Personen verteilt. Sie schmelzen Schnee in einem Blechbehälter und verbrennen alles, was entbehrlich erscheint – jedoch wird das Brennmaterial immer knapper, sofern sie nicht die letzten Decken und Fallschirme verbrennen wollen. Sicher keine gute Idee, sind dies doch ihre einzigen Möglichkeiten, sich warmzuhalten. Abwechselnd halten die Kameraden Wache und suchen den Himmel nach Flugzeugen ab, dabei immer die Signalpistole in der Fliegerjacke. Am dritten Tag hören sie endlich Geräusche über sich. Alle stürzen aus dem Wrack, schwenken Stoffbahnen und feuern eine Leuchtpatrone ab. Genaues lässt sich im dunstigen Himmel jedoch nicht erkennen. Das Dröhnen zieht langsam nördlich an ihnen vorbei und verschwindet hinter dem Gebirge. »Sie haben uns nicht gesehen«, sagt Bill. LeBlanc hebt den Kopf von seinem Lager. »Sie kommen bestimmt wieder.« »Meinst du? Vielleicht suchen sie uns auch nur aus Prinzip … in dieser endlosen weißen Wüste.« »Da ist er wieder ... der Pessimist«, murmelt der Pilot. Am fünften Tag klart der Himmel für einige Stunden auf. Zum ersten Mal erkennt Bill die Landschaft, in die sie gestürzt sind. Das Wrack liegt in einem flachen, von Bergen umschlossenen Tal. Im Norden erhebt sich ein dunkler Gipfel aus dem Eis. Seine Flanken sind so steil, dass kein Schnee darauf liegen bleibt. Bill nimmt das Fernglas aus der Notausrüstung und betrachtet den Berg genauer. Nahe der Spitze verläuft eine gerade dunkle Linie durch den Fels. Zu gerade. »Was ist dort?«, fragt LeBlanc. Bill reicht ihm das Glas. »Schau es dir an. Ganz oben. Sieht komisch aus.« Der Pilot braucht mehrere Versuche, bis er den Gipfel findet. »Merkwürdig.« »Sieht fast aus wie eine Landebahn oder so etwas.« »Wer sollte hier eine Landebahn bauen, Bill?« »Eine wirklich gute Frage. Die Russen?« »Oder die Nazis?«, stammelt der Funker etwas abseits und reibt sich mit den Händen über die Oberarme. »Solange es warm ist, nehme ich alles!« Die Richtung passt eindeutig zur Quelle der Geräusche, die sie in den vergangenen drei Tagen wahrgenommen haben. Thurston-Halbinsel, 8. Januar 1947, 03:10 Uhr Ein erneutes tiefes Brummen weckt Bill aus seinem unruhigen Schlaf. Er liegt im hinteren Teil des Wracks zwischen zwei anderen Besatzungsmitgliedern. Erst jetzt spürt er die beißende Kälte, die trotz der dicken Schicht aus Stoff und Metall vom Boden zu ihm durchdringt. Ihr Feuer ist nahezu erloschen. Nur LeBlanc ist wach und starrt durch die Öffnung im Rumpf nach draußen. »Hörst du das?«, flüstert Bill. Der Pilot nickt. »Vielleicht wieder ein Suchflugzeug.« »Was denn? Etwa nachts?«, fragt Bill ungläubig. Das Geräusch kommt diesmal nicht vom Himmel. Bill kriecht ins Freie. Der Sturm hat endlich etwas nachgelassen. Über dem Tal spannt sich ein klarer, blassblauer Himmel. Die tief stehende Sonne wirft lange Schatten über den Schnee. Das ganze Tal vibriert. Bill spürt es deutlich durch seine Stiefel. Ein gleichmäßiges Zittern, das sich bis in seine Zähne überträgt. Die gerade Linie nahe der Bergspitze leuchtet in einem matten Rot auf. Langsam schiebt sich ein silbernes Objekt aus dem Fels. Es besitzt keine Tragflächen. Keinen Propeller. Keine sichtbaren Triebwerke. Seine Form erinnert an zwei flache Teller, die man übereinandergelegt hat. Das Objekt verharrt einige Sekunden vor dem Berg, neigt sich zur Seite und schießt dann ohne Vorwarnung lautlos in den Himmel. Bill hebt das Fernglas. Bevor er es scharf stellen kann, folgt eine zweite Flugmaschine. Dann eine dritte. Die letzte ist länglich, fast wie ein Pfeil, und trägt an ihrer Unterseite ein dunkles Zeichen. Bill erkennt einen Kreis mit drei davon ausgehenden Linien … oder ist es ein Vogel mit ausgebreiteten Schwingen? Irgendetwas daran erinnert ihn an ägyptische Symbolik, wie er sie aus dem Schulunterricht kennt. Innerhalb weniger Sekunden verschwindet auch diese Maschine in den Wolken. LeBlanc kriecht aus dem Wrack. Jede Bewegung bereitet ihm sichtbare Schmerzen. »Was zum Geier war das?« Bill senkt das Fernglas. »Du hast es auch gesehen?« »Ich habe irgendetwas gesehen. Du bist der mit dem Fernglas.« Die rote Linie im Berg erlischt. Zurück bleibt nur der schwarze Spalt. Bill brummt nachdenklich. »Dort ist irgendeine Art von Stützpunkt. Die Frage ist nur: Von wem?« LeBlanc schüttelt den Kopf. »Oder es ist nur ein Berg. Gibt es solche Sachen wie Fata Morganas auch im Schnee?« »Keine Ahnung. Aber ich sage dir, drei merkwürdige Flugmaschinen sind aus dem Berg gestartet.« »Wir hungern seit Tagen. Du hast eine Kopfverletzung und schläfst kaum noch. Und ich habe Blut verloren. Vielleicht geht unser Verstand mit uns durch …« »Du hast sie doch auch gesehen!« »Ich habe Lichter gesehen.« LeBlanc greift nach Bills Jacke und zieht ihn näher. »Hör mir zu. Selbst wenn dort oben jemand ist, haben sie uns zehn Tage im Eis liegen lassen. Das sind bestimmt keine Freunde.« Bill blickt erneut zum Gipfel. »Vielleicht wissen sie nichts von uns.« »Ein brennendes Flugzeug übersieht man wohl schlecht, meinst du nicht auch?« »Wenn es eine Station ist, haben sie ein Funkgerät. Nahrung. Medikamente.« »Oder bewaffnete Männer, die sich darüber freuen, wie wir hier erfrieren!« Bill löst die Hand des Piloten von seiner Jacke. »Was schlägst du vor? Wir können hier nicht ewig auf Rettung warten.« »Das müssen wir auch nicht. Das Wetter ist aufgeklart …« »Einer von uns sollte sich dort oben mal umsehen!« »Sei nicht dumm. Die Suchflugzeuge kommen bestimmt bald zurück.« »Und was, wenn nicht?« LeBlancs Gesicht verzieht sich. »Dann sterben wir hier. Aber ich lasse nicht zu, dass du allein auf diesen Berg steigst.« Bill schaut auf die schwarz verfärbten Verbände an den Beinen des Piloten. »Ich muss es versuchen. Uns bleibt keine Wahl, wenn wir nicht erfrieren oder verhungern wollen. Die ersten haben schon Durchfall von dem verdammten Schneewasser.« »Nichts da. Du bleibst hier. Wenn du weggehst, finden wir dich vielleicht nicht, wenn die Rettungsmaschine landet.« Leiser fügt er hinzu: »Das ist ein Befehl, Lieutenant.« Für einen Moment stehen sie sich schweigend gegenüber. Widerwillig nickt der Copilot. »Jawohl.« Thurston-Halbinsel, 8. Januar 1947, 05:30 Uhr Einen tiefen Schlaf vortäuschend, wartet Bill, bis LeBlanc eingeschlafen ist. Dann nimmt er eine Leuchtpistole, drei passende Patronen, die Taschenlampe und steckt sich seine Pistole in den Holster. Seinen verletzten Arm bindet er enger an den Körper. Der Weg zum Berg erscheint vom Wrack aus sehr kurz – eine optische Täuschung, wie sich herausstellt. Entfernungen ohne Bezugspunkt einzuschätzen stellt sich in dieser Einöde als schwieriger heraus, als Bill dachte. Nach über einer Stunde strammen Marsches hat Bill nicht einmal die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Ein mulmiges Gefühl begleitet jeden Schritt durch den frischen Schnee, der bei jedem Schritt zusammengedrückt wird und sein Vorankommen erschwert. Unter dem Schnee verbergen sich sicher gefährliche Spalten. Zweimal bricht er bis zur Hüfte ein und kann sich nur mit Mühe, unter Aufbietung seiner ganzen Kraft befreien – was mit nur einem Arm umso schwieriger ist. Aber er hat genug vom Warten. Langsam zu erfrieren ist nicht das Ende, das er sich vorgestellt hat. Als er den Fuß des Gipfels erreicht, ist sein Gesicht taub. Schweiß gefriert unter seiner Kleidung, Eis klebt in seinen Augenbrauen. Bill lehnt sich gegen den schwarzen Fels und blickt zurück. Das Wrack von George One ist kaum noch zu erkennen – aber noch sichtbar. Sicher hätte man es aus diesem Stützpunkt brennen sehen. Könnte LeBlanc Recht haben? Will man sie nicht retten? »Verdammter Idiot«, murmelt er, ohne sicher sagen zu können, ob er damit LeBlanc oder sich selbst meint. Der Aufstieg führt über einen schmalen Grat die Felswand entlang. Die Felsen sind glatt, als hätte man sie abgeschliffen – und schneefrei. Keine einzige Flocke liegt darauf, kein Eis erschwert ihm den Weg. Immer wieder entdeckt Bill rechteckige Vertiefungen im Gestein. Einige sind kaum größer als seine Hand, andere breit genug für einen ganzen Menschen. Keine davon ist mit Schnee gefüllt. Nach weiteren zwei Stunden erreicht er die gerade Linie, welche er vom Boden aus sehen konnte. Aus der Nähe erweist sie sich als mehrere Meter hoher Spalt. Die Ränder sind vollkommen eben und verlaufen senkrecht durch den Berg. Bill zieht die Taschenlampe und tritt hinein. Der Gang dahinter ist breit genug für ein ganzes Flugzeug – er erinnert ihn an einen der Hangars, die er bei einem Besuch an Bord des Trägers gesehen hat. Die Wände sind genauso dunkel und glatt. Warme Luft schlägt ihm entgegen und brennt auf seinem kältegewohnten Gesicht. Das Eis an seiner Jacke beginnt zu schmelzen. »Hallo?«, ruft er. Seine Stimme hallt in der Dunkelheit wider. Eine Antwort bekommt er nicht. Vorsichtig geht er weiter, tiefer in den Berg hinein. Nach wenigen Schritten geht tief vor ihm im Felsen ein bläuliches Licht an. Weitere Lichtquellen folgen, eine nach der anderen, bis ein langer Tunnel vor ihm sichtbar wird. Er zieht seine Pistole aus dem Holster und richtet sie nach vorne. »United States Navy! Zeigen Sie sich!« Bill hat keinen Zweifel daran, dass er kaum in der Lage wäre, die Waffe mit seinen dicken Handschuhen und den vor Kälte starren Fingern abzufeuern. Eins ist ihm klar: Die Wände bestehen nicht aus natürlichem Felsen. Die glatte, schwarze Oberfläche bedeckt den gesamten Gang, als hätte man diese Konstruktion aus einem einzigen dunklen Marmorblock geschlagen. Bill zieht sich den linken Handschuh aus und fährt mit den Fingern darüber. Das Material fühlt sich warm an, fast wie menschliche Haut. Langsam geht er weiter, öffnet seine Fliegerjacke, da ihm mittlerweile warm geworden ist. Woher die Hitze kommt, vermag er nicht zu erkennen. Nach einigen hundert Metern, am Ende des Tunnels, erstreckt sich eine weitläufige Halle. Bill bleibt stehen. Über ihm verliert sich die Decke in der Dunkelheit. Drei kreisförmige Plattformen sind in den Boden eingelassen. Eine davon ist leer, auf den beiden anderen stehen runde Flugmaschinen. Sie gleichen den Objekten, die aus dem Berg aufgestiegen sind. Die kleinere Maschine ist silbern und scheibenförmig. Keine Schraube, keine Niete und keine Naht unterbricht ihre Oberfläche. Daneben ruht ein schwarzes Fluggerät mit spitzem Bug und kurzen, nach unten abgewinkelten Tragflächen. Auf dem Rumpf erkennt Bill dasselbe Zeichen wie zuvor: einen Kreis mit drei Strahlen. Der Copilot tritt näher an die längliche Maschine heran. Unterhalb des Zeichens verläuft eine Reihe kantiger Symbole. Einige erinnern ihn an Runen, die er in einem Buch über die Wikinger gesehen hat. Andere sehen aus wie Sterne, Wellen und menschliche Augen. Bill berührt mit seiner Hand den Rumpf und streicht mit den Fingerkuppen darüber. Überrascht reißt er die Augen auf. Etwas Sanfteres, Glatteres hat er noch nie ertastet. Trotz des harten Widerstandes an seinen Fingerkuppen drängt sich das Gefühl auf, er würde mit den Fingerkuppen über eine Art … Wolke gleiten. In diesem Moment ertönt ein tiefes Summen. Eines der Zeichen leuchtet für einen Moment grell auf und blendet ihn, sodass er die Augen zusammenkneift. Sofort zieht er die Hand zurück. »Hallo?« Rechts von den Plattformen öffnet sich lautlos eine breite Treppe in einen tiefer gelegenen Bereich. Es wirkt, als würde der Felsen zur Seite fließen, wie Wasser. Bill tritt an die Treppe heran und wirft einen Blick nach unten. Dort stehen Dutzende Fluggeräte mit den verschiedensten Formen. Gläserne Zylinder reichen vom Boden bis zur Decke. In ihrem Inneren schweben Metallringe in einer klaren Flüssigkeit. Dazwischen verlaufen Rohre aus einem rötlichen Material, die abwechselnd leuchten. Kein einziges Kabel ist zu erkennen. Er macht einen Schritt nach vorne, noch immer die Pistole im Anschlag haltend, und geht vorsichtig die Treppe hinunter. Seine Schritte hallen ohrenbetäubend laut. Die Halle wirkt auf Bill gleichzeitig uralt und fabrikneu. An einer Wand entdeckt Bill ein Relief. Es zeigt eine Landkarte der Antarktis, zumindest erkennt er das anhand der Gebirge, doch die Küstenlinien stimmen nicht mit den Karten der Navy überein. Wo sich kilometerdickes Eis befinden müsste, sind Flüsse, Berge und eine große kreisförmige Stadt dargestellt. Über der Stadt schwebt das gleiche Symbol, das er bereits auf den Fluggeräten gesehen hat. Unterhalb der Karte sind mehrere kleinere Bilder angeordnet. Menschen in langen Gewändern stehen neben Scheiben am Himmel. Männer in eng anliegenden Uniformen bedienen Maschinen. Eine dritte Gruppe trägt Helme mit schmalen schwarzen Sichtschlitzen. Die Darstellungen könnten Jahrtausende alt sein - oder vor wenigen Jahren angefertigt worden. Die Farben wirken frisch und kräftig. Hinter ihm ertönt ein tiefes Signal, ähnlich einer altertümlichen Trompete. Blaues Licht erhellt die Halle. Das blaue Licht wechselt zu Rot. »Ich brauche Hilfe …«, ist alles, was Bill noch rufen kann. Dann durchzieht ein Schmerz seinen Körper und alles wird schwarz um ihn herum. USS Pine Island (CV47) 12. Januar 1947, 17:40 Uhr Das Schlagen von Metall weckt Bill. Er öffnet die Augen. Über ihm verläuft eine niedrige graue Decke, von Rohren und Leitungen durchzogen. Der Raum schwankt leicht. Es riecht nach Desinfektionsmittel, Maschinenöl und Meerwasser. »Was … Wo bin ich?«, fragt er. Eine Gestalt in weißem Kittel tritt an seine Koje. Der Schiffsarzt des Flugzeugtenders leuchtet ihm mkt einer kleine Lampe in in die Augen. »Sie sind an Bord der Pine Island. Bleiben Sie liegen und halten Sie still.« Bill versucht sich aufzurichten. Ein stechender Schmerz fährt durch seine Schulter und zwingt ihn zurück auf die Liege. »Die anderen? Frenchy?« »Alle sechs Überlebenden sind an Bord. Lieutenant LeBlanc wird gerade auf die Philippine Sea gebracht. Seine Beine sind schwer verletzt.« Bill schließt die Augen, erst jetzt wird ihm der Druck in seinem Kopf bewusst. Mit einer Hand tastet er an seinen Hinterkopf, fühlt ein großes Pflaster auf einer kahlrasierten Stelle. »Wie haben Sie uns gefunden?« »George Two hat das Wrack gestern entdeckt. Die Männer hatten Namen in die Tragfläche geritzt und einen Weg zur Küste markiert. Sie sind wohl ohne Sie aufgebrochen. Eine Rettungsmannschaft hat sie heute Morgen erreicht.« Der Arzt macht eine Pause und betrachtet Bill mit gerunzelter Stirn. »Nur Sie waren nicht dort. Unerlaubt von der Truppe entfernt, hat man mir gesagt.« Bill öffnet die Augen wieder. »Man fand Sie auf einem Berggipfel, fast zehn Meilen vom Wrack entfernt«, fährt der Arzt fort. »Zehn Meilen?« »Sie lagen mit einer schweren Kopfverletzung bewusstlos im Schnee. Wie sind Sie dorthin gekommen?« In Bills Geist formen sich Erinnerungen. Eine Karte ohne Eis, die lautlosen Flugmaschinen … »Ich habe Lichter gesehen«, sagt er leise. »Lichter?« »Ich dachte, es wäre ein Suchflugzeug. Ich bin ihnen gefolgt.« »Mit einer ausgekugelten Schulter sind Sie auf einen Berg geklettert?« Bill zwingt sich zu einem schwachen Lächeln. »War wohl keine besonders gute Idee.« »Nein«, sagt der Arzt. »Das war es sicher nicht. Zumindest erklärt das Ihre Kopfverletzung. Vermutlich sind Sie irgendwo abgerutscht und mit dem Kopf aufgeschlagen.« Er überprüft ein letztes Mal Bills Verband und nickt. »Ruhen Sie sich aus. Wir sprechen später noch einmal.« Dann verlässt er das Lazarett. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss. Bill wartet, bis die schweren Schritte im Gang verklungen sind. Stumm dröhnt in seinen Ohren noch der tiefe Ton, den er innerhalb des Felsens zuletzt gehört hat. »Kopf angeschlagen ...«, murmelt er. »Mein Verstand ging wohl wirklich mit mir durch.« Zwanghaft versucht er die verschwommenen Bilder in seinem Geist schärfer zu bekommen. Vergeblich. »Nur ein Berg.« Seufzend lehnt er sich zurück und schließt die Augen, um etwas Schlaf zu finden. Vor seinen Augen tanzen Lichter im Dunkeln.
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