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Mein Gott, ist das duster hier.

1.274 Wörter etwa 7 Minuten Veröffentlicht am 22.08.2026
Lore rückte ihre Brille zurecht und sah sich um. „Kann hier mal jemand das Licht anmachen?“
Inhaltswarnung:
Kann zu spontanem Lachen führen. Nebenwirkungen wie Grinsen, Kopfschütteln und eine unerklärliche Sympathie für vorlaute Hühner können nicht ausgeschlossen werden. 🐔
„Mein Gott, ist das duster hier.“ Lore blieb stehen und versuchte, in diesem seltsamen Dämmerlicht irgendetwas zu erkennen. Links eine Säule. Rechts noch eine. Vor ihr führten ein paar ziemlich mitgenommene Stufen irgendwohin, wo sie ganz sicher nicht freiwillig hinwollte. Sie nahm ihre Brille ab, putzte sie am roten Schal und setzte sie wieder auf. Keine Verbesserung. Dafür sah sie jetzt etwas anderes. Über ihr bewegte sich das Licht. Nicht ein bisschen. Es schwankte. Lore legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die helle Fläche weit über sich. Dann stieg direkt vor ihrem Schnabel eine Luftblase nach oben. Lore sah ihr hinterher. Noch eine. Und noch eine. Sie blickte an sich herunter. „Ach du Scheiße.“ Sie war unter Wasser. Einen Moment lang sagte Lore überhaupt nichts. Was bei Lore durchaus als medizinischer Notfall gelten konnte. Dann schob sie ihre Brille zurecht. „Wer auch immer mich hier abgesetzt hat: Hühner können nicht tauchen!“ Sie überlegte. „Also ich jedenfalls nicht.“ Noch eine Luftblase stieg an ihr vorbei. Lore starrte ihr hinterher. „Und warum kann ich dann reden?“ Gute Frage. Sehr gute Frage. „Das kommt ins Notizbuch.“ Lore griff unter ihren Flügel und zog das rosa Notizbuch hervor. Erstaunlicherweise war es trocken. Sie blätterte eine Seite auf. Auch trocken. „Natürlich.“ Dass ein Huhn unter Wasser sprechen konnte, ohne zu ertrinken, war schon merkwürdig genug. Dass sein Notizbuch dabei trocken blieb, schien Lore dagegen vollkommen logisch. Sie setzte den Stift an. Hühner können unter Wasser atmen. Zumindest hier. Weitere Untersuchungen erforderlich. Lore betrachtete den Satz und strich ihn wieder durch. „Nein. Nachher liest das noch jemand und hält es für eine wissenschaftliche Erkenntnis.“ Sie klappte das Buch zu und sah sich genauer um. Jetzt, da sich ihre Augen an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, erkannte sie mehr von diesem seltsamen Ort. Mächtige Säulen ragten zu beiden Seiten empor, bewachsen mit Pflanzen, die sich langsam in einer Strömung bewegten, die Lore selbst überhaupt nicht spürte. Vor ihr führte eine breite Steintreppe nach oben zu einem Torbogen. Ein ziemlich großes Tor für einen ziemlich kleinen Vogel. Lore setzte einen Fuß auf die erste Stufe. Dann den zweiten. Das funktionierte erstaunlich gut. Sie schwamm nicht, sie trieb nicht davon und sie musste auch nicht mit den Flügeln rudern. Sie konnte einfach gehen. „Das wird ja immer bekloppter.“ Sie stieg weiter. Auf der fünften Stufe blieb sie stehen, denn plötzlich hörte sie etwas. Ein Klappern. Lore lauschte. Da war es wieder. Metall auf Metall. Dann eine Stimme. „Die Kartoffeln müssen zuerst weg.“ Lore riss den Kopf hoch. Diese Stimme kannte sie. „Harald?“ Keine Antwort. Sie lief die nächsten Stufen hinauf. Je näher sie dem Torbogen kam, desto deutlicher wurden die Geräusche. Stimmen. Geschirr. Irgendwo lachte jemand. Und dann dieses unverkennbare Zischen, wenn etwas auf einer heißen Plancha landete. Lore blieb mitten auf der Treppe stehen. „Das kann jetzt nicht wahr sein.“ Sie kannte dieses Geräusch. Und plötzlich wusste sie auch, was sie roch. Gebratene Zwiebeln. Unter Wasser. Lore schloss für einen Moment die Augen. „Ich stelle keine Fragen mehr.“ Natürlich stellte sie weiter Fragen. Sie beschleunigte ihre Schritte und erreichte den Torbogen. Dahinter lag jedoch nicht, wie erwartet, der nächste Teil dieser versunkenen Ruine. Dahinter lag der Balkon des Lebenshauses. Lore blieb wie angewurzelt stehen. Der Regen peitschte gegen die Scheiben. Unter der Überdachung glühten die Planchas, Menschen liefen zwischen Küche, Balkon und Atrium hin und her, und auf einer der heißen Flächen brutzelten Kartoffelspalten neben Paprika, Zwiebeln und Lauch. Lore kannte diesen Tag. Sie kannte sogar den Regen. Und sie wusste, dass es draußen im Dorf stockdunkel war. Der Blackout. „Ach du meine Güte.“ Niemand reagierte auf sie. Harald stand an der Plancha und kümmerte sich um das Essen, während drinnen vorbereitet, geschnitten und organisiert wurde. Niemand rannte kopflos herum. Niemand jammerte darüber, was gerade alles nicht funktionierte. Sie machten das, was die Menschen im Lebenshaus in diesen Tagen immer wieder getan hatten. Sie schauten, was da war. Und daraus machten sie etwas. Lore ging auf Harald zu. „Du weißt schon, dass ich gerade aus einer Unterwasserruine komme?“ Keine Reaktion. Sie stellte sich direkt vor ihn. „Harald!“ Nichts. Er griff durch Lore hindurch nach einer Schüssel. Lore sprang erschrocken zur Seite. „Sag mal!“ Jetzt wurde es unheimlich. Sie sah an sich herunter. Sie war noch da. Roter Schal, Füße, Federn, rosa Notizbuch – alles an seinem Platz. Nur für die anderen offenbar nicht. Langsam begriff sie. Das hier passierte nicht gerade. Sie sah etwas, das bereits passiert war. „Na toll. Jetzt bin ich auch noch ein Geist.“ Lore ging ins Atrium. Dort saßen Menschen zusammen, obwohl das Licht ausgefallen war. Kerzen standen auf den Tischen. Manche redeten, andere hörten einfach nur zu. Die Dunkelheit hatte das Dorf verändert, aber sie hatte das Lebenshaus nicht stillgelegt. Schon in dem Moment, als damals das Licht ausgegangen war, war niemand in Panik geraten. Erst war da diese merkwürdige Stille gewesen, dann hatte Lene gesagt, sie würden bleiben, warten und atmen – und danach hatten die Menschen angefangen, das zu tun, was getan werden musste. Lore setzte sich auf die Lehne eines freien Stuhls. Jetzt erinnerte sie sich wieder daran, was sie damals beobachtet hatte. Die Älteren hatten anders reagiert. Ruhiger. Nicht, weil ihnen alles egal gewesen wäre. Sondern weil viele von ihnen schon Situationen erlebt hatten, in denen nicht auf Knopfdruck alles funktionierte. Lore sah sich um. Da waren Menschen, über die draußen gern gesprochen wurde, als wären sie diejenigen, um die man sich kümmern müsse. Die Alten. Die Hilfsbedürftigen. Die, die irgendwann nicht mehr könnten. Und ausgerechnet jetzt, als Strom, Licht und ein Stück der gewohnten Sicherheit verschwunden waren, saßen sie hier und wussten plötzlich Dinge, die andere längst vergessen hatten. Wie man improvisierte. Wie man Lebensmittel rettete. Wie man mit dem auskam, was vorhanden war. Und vielleicht auch, dass eine dunkle Nacht nicht automatisch bedeutete, dass die Welt unterging. Lore zog ihr Notizbuch hervor. Diesmal schrieb sie: Vielleicht ist Erfahrung einfach Wissen, von dem man erst merkt, dass man es braucht, wenn das Licht ausgeht. Sie las den Satz noch einmal. „Der darf bleiben.“ In diesem Moment veränderte sich etwas. Das Stimmengewirr wurde leiser. Das Atrium verschwamm vor ihren Augen, der Duft nach gebratenen Zwiebeln verschwand und sogar der Regen klang plötzlich weit entfernt. „Nein, nein, nein. Nicht schon wieder.“ Lore sprang vom Stuhl. „Ich bin gerade erst angekommen!“ Zu spät. Das Licht der Kerzen wurde blasser und die Menschen verschwanden, bis Lore wieder allein zwischen den gewaltigen Säulen stand. Unter Wasser. Mit ihrem rosa Notizbuch. Sie sah nach oben zur Wasseroberfläche, die noch immer unerreichbar weit über ihr schimmerte. Dann zurück zu dem Torbogen, hinter dem eben noch das Lebenshaus gewesen war. Jetzt war dort nur Dunkelheit. Lore stemmte die Flügel in die Seiten. „Also gut. Ich habe verstanden.“ Sie wartete einen Moment. „Zumindest ungefähr.“ Denn wenn dieser merkwürdige Ort ihr ausgerechnet den Blackout gezeigt hatte, dann vielleicht nicht, um sie daran zu erinnern, dass man Kartoffeln auf einer Plancha braten konnte. Das wusste sie schließlich selbst. Vielleicht ging es um etwas anderes. Darum, was Menschen konnten, wenn plötzlich etwas wegfiel, auf das sie sich immer verlassen hatten. Und darum, wer dann vielleicht Fähigkeiten hatte, die vorher niemand mehr für wichtig gehalten hatte. Lore sah auf die nächste Treppe, die noch tiefer in die Ruinen führte. „Wenn da unten jetzt auch noch der Blackout-Westerwald-Burger wartet, werde ich allerdings misstrauisch.“ Aus der Dunkelheit kam keine Antwort. Aber irgendwo dort unten erschien ein Licht. Lore seufzte, klemmte das Notizbuch wieder unter ihren Flügel und setzte den Fuß auf die erste Stufe. „Natürlich.“ Sie ging los. Denn wenn Lore etwas überhaupt nicht leiden konnte, dann waren es Geschichten, die mitten in der spannendsten Stelle aufhörten. 🐔
Lore, das Huhn, mit großer runder Brille, rotem Schal und rosa Notizbuch in einer versunkenen Unterwasserruine.
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