Realitätsverlust
Irgendwann, irgendwo
»Ahhh«, John Watson lässt einen erschrockenen Schrei fahren und richtet sich ruckartig auf. Vom hellen Schein des ihn umgebenden Lichts geblendet schlägt er sich die Hände vor das Gesicht.
»Beruhigen Sie sich, mein lieber Watson«, hallt Holmes Stimme in seinen Ohren.
Vorsichtig zwischen seinen Fingern hindurchblickend, schaut sich der Arzt um.
Sein Freund steht wenige Meter von ihm entfernt, ihm den Rücken zugewandt und hat die Hände hinter seinem Rücken verschränkt. Watson selbst sitzt auf einer unbequemen metallischen Liege. Ein sonderbarer, weitläufiger Raum aus kahlen, sterilen Wänden umgibt beide. Hinter den beiden Liegen ragt ein großer runder Zylinder mit einer breiten Öffnung aus der Wand, in der ein mysteriöses lilafarbenes Licht pulsiert. Decke und Boden leuchten gleichmäßig hell weiß.
»Wo sind wir? Ist dies das Himmelreich?«, fragt Watson.
»Unwahrscheinlich«, antwortet Holmes mit einem amüsierten Unterton, »Wäre dies die Pforte zum Himmel, hätte man sie sicherlich von ihrem furchtbaren Kleidungsstil geheilt. Nein, wir sind nicht tot, falls diese Frage in ihrem Kopf herumspukt.«
»Wo dann? Ich erinnere mich an Nichts.«
»Ich ebenso wenig, mein lieber Freund.« Er breitet die Arme aus und macht eine auslandende Geste. »Sagen Sie mir, lieber Watson, was halten Sie davon.«
»Absonderlich.«
»Das ist keine zielführende Analyse. Gebrauchen Sie ihren Verstand!«
Einen Moment lang schaut sich Watson in dem Raum um.
Dann schwingt er sich von der Liege und reibt sich mit einer Hand nachdenklich den Schnurrbart. »Keine Fenster, keine Türen. Helle Wände aus Metall. Die Sache ist ganz klar! Man hat uns entführt. Erst betäubt, und dann hierhergebracht.« Erschrocken reißt er die Augen auf. »Ob man uns am Grund der Themse versenkt und eingekerkert hat? Keine Fenster oder Türen, Holmes!«
Der Detektiv klatscht in die Hände. »Bravo, lieber Watson. Wie üblich enttäuschen Sie mich nicht!«
»Vielen Dank ...«
»Mit erstaunlicher Präzision liegen Sie wie immer vollkommen falsch. Sehen Sie hier.« Mit einem Fingerzeig lässt er Watson zu sich treten. »Das Metall der Wände ist glatt und makellos, wie ich es noch nie gesehen habe.« Holmes fährt mit den Fingerkuppen über die Wand. »Dann das Licht.« Er kniet sich zu Boden und legt eine Hand auf den leuchtenden Fußboden. »Wo kommt es her? Wieso ist es nicht warm? Welche Kraft lässt es leuchten?«
Watson zuckt mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Es erweckt beinahe schon den Anschein, es handle sich dabei um Magie.«
Belehrend hebt Holmes einen Zeigefinger. »Sie kennen doch sicher den Spruch, der sagt: Eine ausreichend weit entwickelte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden. Dies sind alles Dinge, die wir kennen. Aber von erstaunlichem Fortschritt, wenn ich das so sagen darf. Dies lässt nur einen einzigen Schluss zu. Wir sind in der Zukunft.«
»In der Zukunft? Unsinn. Haben Sie wieder ihr Kokain …«
»Die einzige Erklärung, die Sinn ergibt!«
Watson schüttelt den Kopf. »Sie haben zu viel H.G.Wells gelesen.«
Noch bevor Holmes etwas erwidern kann, flüstert eine Stimme: »Er hat Recht.«
Watson und Holmes wechseln einen Blick.
Dann räuspert sich Holmes. »Wer spricht dort?«
Seitlich neben der zylindrischen Öffnung in der Wand entdeckt Watson ein nahezu transparentes kleines Wesen. Mit dem Rücken an die Wand gepresst, steht ein etwa einen Meter fünfzig großes, menschenähnliches Wesen. Es trägt einen silbernen Ganzkörperanzug und wird mit jeder Sekunde sichtbarer. »Ich.«
Die hagere Gestalt legt die Hände vor seinem Körper zusammen und lächelt. »Ich bin der Jäson. Sorry, wenn ich euch erschreckt habe.«
»Sei´s drum«, sagt Holmes nickend. »Mein Name ist Sherlock Holmes, dies ist mein werter Freund, Dr. Watson. Wenn Sie so freundlich wären, uns über den Zweck unsere Anwesenheit hier aufklären?«
Das Wesen tritt einen Schritt nach vorne. »Natürlich. Wir brauchen Hilfe und ...«
»Hilfe?«, entfährt es Holmes. »Sagen Sie, in welchem Jahr befinden wir uns?«
»3100.«
»Unmöglich!«, murmelt Watson.
Holmes winkt ab. »Still, Watson. Also doch! Nun denn. Wobei benötigen Sie unsere Hilfe?«
Jäsons braune Augen wandern durch den Raum, er lässt die Schultern hängen. »Wir haben Probleme. Ich dürfte Euch nicht hergeholt haben, aber ich weiß nicht, wie wir sonst klarkommen sollen.«
»Sparen Sie sich die üblichen Ausschmückungen. Kommen Sie direkt zur Sache, wir sind naturgemäß sehr beschäftigt«, drängt Holmes.
»Seit einigen Tagen bricht unser Leben zusammen. Wir haben die letzten Jahrhunderte auf der Erde ein perfektes Utopia erschaffen. Wir leben in Harmonie und Wohlstand. Doch es passieren merkwürdige Dinge. Unerklärliche Unfälle, Menschen verschwinden, Geräte versagen oder gehorchen nicht mehr, das Wetter spielt verrückt, Stimmen sprechen zu uns. Wir wissen nicht mehr weiter.«
Watson schüttelt den Kopf. »Sie wollen also sagen, dass es in Ihrer Zeit … spukt?«
Jäson nickt. »Ja.«
»Guter Herr«, sagt Holmes und verschränkt die Arme, »Sie belieben wohl zu scherzen. Ich beabsichtige nicht, meine Zeit mit der Suche nach übernatürlichem Klamauk zu vergeuden. Wenden Sie sich an den Klerus oder …«
»Ihr seid unsere letzte Hoffnung«, stammelt Jäson. »Ich habe bereits die Hilfe einen Priester aus der Vergangenheit geholt, er konnte uns nicht helfen. Hier! Schaut das an.«
Eine der Wände beginnt zu wabern. Die Geräusche eines Sturmes tönen im Raum, lateinische Worte werden erst gemurmelt, dann gegen den Wind geschrien.
»Holmes! Farbige Bilder, die sich einfach so bewegen! Teufelswerk!«, ruft Watson aus, als eine Darstellung vor ihnen erscheint.
Ein Mann, gekleidet in die Robe eines Priesters steht im Freien. Er stemmt sich mit aller Kraft gegen einen Sturm, seine Robe weht wild hin und her. Er hält ein verblasstes Holzkreuz vor sich und hat den Mund zu einem Schrei geöffnet.
»Unsinn, Watson.« Holmes lächelt. »Dies ist eine Art bewegte Zeitung, richtig? So wie ein Daumenkino für die Kinder.«
Jäson nickt.
Holmes wendet sich wieder der Darstellung zu.
Vor dem Priester schweben zwei feuerrote Augen in der Luft, Blitze züngeln durch die Szenerie. Mühsam kämpft sich der geistliche immer weiter auf die glühenden Augen zu, brüllt der Erscheinung lateinische Sprüche entgegen. Das Gesicht des Geistlichen ist zu einer Fratze verzogen.
»Johann Joseph Gassner, wenn ich mich nicht irre?«, fragt Holmes.
Jäson zuck mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Ich habe nur nach einem Geistervertreiber gefragt.«
»Nun, dann hat man einen ausgezeichneten Experten ausgesucht. Wenn ich auch seine Methoden nicht gutheißen kann. Er sollte jedoch seit hundert Jahren tot sein … nach unserer Zeitrechnung.«
Watson rollt mit den Augen. »Wie üblich bewundere ich Ihr fotografisches Gedächtnis, Holmes.«
Es dauert keine Minute, bis der Mann von einer Flutwelle erfasst und aus dem Sichtfeld gespült wird. Die Darstellung verblasst.
»Mein Gott«, entfährt es Watson, »wahrlich fürchterlich!«
»Werter Herr«, wendet sich Holmes an Jäson, »So erschreckend diese Vorkommnisse sind, ich bin kein Exorzist. Wurde etwas gestohlen? Suchen Sie einen Mörder? Dann bin ich ihr Mann. Wie kommen Sie darauf, dass ich für diese Aufgabe geeignet bin?«
Jäson deutet eine weitere Verbeugung an. »In unseren Datenbanken wirst Du als der beste Meisterdetektiv geführt, der jedes Rätsel lösen kann. Wir wissen uns nicht mehr zu helfen.«
Schlagartig wird es dunkel im Raum. Die Dunkelheit hält einen Moment an, bis das Licht erneut schwach aufflackert und ein leises Kichern ertönt.
Holmes zieht eine Augenbraue hoch.
Watson stöhnt auf. Der Gesichtsausdruck seines Freundes lässt ihn ahnen, dass jeder weitere Einspruch sinnlos ist. In Sekundenschnelle hat die Neugier Holmes gepackt, jeder weitere Einspruch wäre Zeitverschwendung.
»Nun, wenn man in tausend Jahren noch von mir spricht«, erwidert Holmes, »sollte ich vermutlich eine Ausnahme machen. Zeigen Sie uns mehr.«
Jäson nickt freudig. »Danke.«
»Sagen Sie«, fragt Watson, »Wie haben Sie uns überhaupt in diese Zeit gebracht? Mit einer Zeitmaschine?«
»Nicht direkt. Sehen Sie das da?«, erwidert Jäson und deutet hinunter auf den großen Zylinder. »Ein Wunsch-Fabrikator.«
»Wunsch-Fabrikator.« Neugierig starrt Watson hinunter. »Wie funktioniert es?«
Jäson blickt sich unsicher um. »Nun, ich sage, was ich haben will, dann kommt es vorne auf einem Tisch herausgefahren.«
»Egal was?«, fragt Watson.
»Ja. Essen, Kleidung, Möbel. Ich dachte mir, ich versuche es mal mit Personen. Es hat etwas gedauert, bis der Priester herauskam, bei euch beiden ging es dann schon schneller.«
Watson brummt. »Absonderlich. Wie funktioniert es?«
»Es blinkt und ...« Jäson öffnet ein paar Mal wortlos den Mund und schweigt schließlich schulterzuckend.
»Eine sehr überschaubare Funktionsbeschreibung. Sie bringen uns hierher, aber wissen nicht, wie es funktioniert?«, fragt Watson.
Jäson zuckt mit den Schultern. »Es funktioniert doch. Ich könnte jemanden fragen …«
»Sicher ein äußerst spannender Mechanismus« fährt Holmes dazwischen, »doch wollen wir uns jetzt nicht mit Details befassen, die unser Geist nicht erfassen kann.«
Jäson nickt. »Was wollt ihr als erstes tun?«
»Aber Holmes. Was vermögen wir gegen Geister ausrichten?«, fragt Watson.
»Warten wir es ab, Watson. Unwissenheit lässt manches wie Zauberei erscheinen. Zuerst besuchen wir den Tatort.«
»Aber wir haben keine Ausrüstung. Die Chemikalien und Bücher sind in der Baker Street. Sie haben nicht einmal eine Lupe!«
»Dann, mein Freund«, energisch tippt sich Holmes mit einem Finger an die Stirn, »müssen wir das Rätsel allein mit der Kraft unseres Geistes lösen!«
Ein weiteres, diesmal wesentlich lauteres Kichern erschallt.
Watson und Jäson blicken sich verstört um.
Holmes kneift die Augen zusammen. »Zeigen Sie uns mehr.«
Jäson eilt voraus. Durch eine kleine Tür und eine metallene Treppe hinab, raus auf eine große Wiese. Das Gelände, auf einer Anhöhe gelegen, bietet einen guten Überblick über die etwas tiefer liegende Stadt.
»Faszinierend«, murmelt Holmes und lässt den Blick schweifen.
Gebäude in Formen und Höhen, wie er sie nie zuvor gesehen hat, erstrecken sich vor den Dreien, aufragend bis in die Wolken. Dunkle Wolken, um genau zu sein. Blitze schießen über den Himmel, die Umgebung ist in gräuliche Farben getaucht, passend zu dem über der Stadt wütenden Gewittersturm. Den ausschließlich über der Stadt tobenden Sturm. Die meisten Fenster sind dunkel, hier und da steigt Rauch auf. Ein heilloses Durcheinander herrscht auf den Straßen.
»Sehen Sie sich das an«, sagt Holmes, »Höchst sonderbar.«
In diesem Moment erscheinen zwei Augen in den Wollen über der Stadt. Die gleichen Augen, wie in der Aufzeichnung des vergeblichen Exorzismus. Größer und größer wird ein sich aus Feuer und Rauch bildendes Gesicht und richtet seinen Blick auf die Anhöhe.
»Holmes! Es hat uns erblickt.«, stammelt Watson.
»Beruhigen Sie sich!«, sagt Holmes und vergräbt seine Hände tief in den Taschen.
»Vielleicht, sollte man lieber ein weiteres Mal den Klerus behelligen …«
»Unsinn, Watson. Spielen Sie nicht den Angsthasen!«
Watson tastet seine Westentaschen ab. »Ich wünschte, ich hätte meinen Revolver dabei.«
»In ihrer Gemütslage hätte ich erwartet, dass Sie sich mit einem Holzpflock und einem Bündel Knoblauch besser fühlen würden als mit deiner Pistole«, lacht Holmes.
»Mir ist nicht zu Scherzen zu Mute!«
»Mir auch nicht, mein Freund, mir auch nicht. Gehen wir näher heran.«
Jäson und Watson wechseln einen verunsicherten Blick, während Holmes ohne Zögern die Anhöhe hinuntermarschiert. Mit einem neugierigen Blick beobachtet er die Menschen, die in der Entfernung panisch zwischen den Gebäuden hin und herlaufen. Wie eine Viehherde, hin und her gescheucht durch die Blitzeinschläge. »Sagen Sie, Jäson: Warum suchen die Menschen keinen Schutz?«
»In den Häusern ist es noch schlimmer«, antwortet Jäson. »Alles spielt verrückt. Ohrenbetäubende Töne, Lichter flackern, Geräte verletzten Menschen. Nichts gehorcht mehr unseren Anweisungen.«
»Soso«, murmelt der Detektiv, der seinen Weg unbeirrt fortsetzt.
Nachdem die drei eine gewisse Distanz zu dem hinter ihnen liegenden Gebäude zurückgelegt haben, blickt sich der Detektiv suchend auf der Wiese um. »Wir werden uns doch nicht von einem lächerlichen Gespenst zum Narren halten lassen, nicht wahr?«
Als Watson zu einer Erwiderung ansetzt, hält sich Holmes einen Finger vor die Lippen und horcht. Nichts geschieht. Dann setzt er unbeirrt seinen Weg fort.
Etwa einen halben Kilometer laufen sie weiter, bis der Detektiv kurz vor dem ersten Gebäude der Stadt einen Halt einlegt. Wenige Zentimeter vor seinem Gesicht fallen senkrecht Regentropfen nach unten, dort beginnt die Zone des Grauens. Vorsichtig streckt er eine Hand aus, sammelt einige Tropfen und ertastet mit der Zunge die Flüssigkeit. »Erstaunlich. Salzwasser«, murmelt er. »Allerdings habe ich schon angsteinflößendere Tatorte besucht.«
Kaum hat er seinen Satz beendet, wird schlagartig das Gebäude vor ihnen in grünliches Licht gehüllt. Smaragdgrüne Flammen schießen in den Himmel empor, ohne jedoch die Fassade des Hauses zu verbrennen. Gewaltiger Donner hallt. Eine Menschenmenge schreit in einiger Entfernung auf.
»Holmes, vielleicht …«, setzt Watson an.
Der Detektiv hebt stürmisch eine Hand. »Ich muss denken. Warten Sie hier!«
Ohne weiter auf Jäson und Watson zu achten, faltet er die Hände hinter dem Rücken und beginn, an der Regengrenze auf und abzumarschieren, immer wieder einen Blick in das heillose Chaos vor ihnen zu werfen.
Sorgsam beobachtet er das Geschehen.
Die Zeit vergeht, bis Watson einen Blick auf seine Taschenuhr wirft. »Wir verweilen hier nun schon eine ganze Stunde.«
Jäsons folgt mit seinem Blick und offenem Mund Holmes bei dessen Auf- und Ablaufen. »Was treibt dein Bro da? Chillt der erstmal ab?«
Watson runzelt die Stirn. »Für einen Gentleman legen Sie eine absonderliche Ausdrucksweise an den Tag.«
»Das ist es!«, ruft Holmes lautstark durch den Krach, »Kommen Sie!« Schnurrstraks läuft er zu dem Gebäude zurück, aus dem sie gekommen sind. Jäson und Watson eilen dem Detektiv hinterher.
Dort angekommen, schiebt Holmes beide ins Innere hinein.
»Was nun?«, fragt Watson.
»Wir unterhalten uns«, sagt Holmes.
»Unterhalten? Mit einem Gespenst?«, fragt Watson.
»Selbstverständlich nicht«, lacht Holmes. »Mit ihm … oder ihr.« Er erhebt seine Stimme. »Was bist Du?«
Das Licht flackert und eine Stimme antwortet. »Ich? Für dich bin ich Gott!«
»Diese Aussage lehne ich ab«, sagt Holmes. »Jäson. Kennen Sie diese Stimme?«
»Es ist die Stimme unserer künstlichen Intelligenz …«
Watson runzelt die Stirn. »Künstliche Intelligenz?«
»Zweifellos eine Apparatur, zur Verwaltung dieser Welt«, schaltet sich Holmes ein.
»Die KI dreht durch?«, fragt Jäson.
Holmes schüttelt den Kopf. »Ich bezweifle, dass wir es mit einer dieser Maschinen zu tun haben.« Erneut erhebt er seine Stimme. »Du bist ein Mensch, oder warst es zumindest. Habe ich recht?«
»Gehorcht mir, ihr Würmer!«, donnert es.
Ein Blitz schlägt vor dem Gebäude ein, die Erde bebt.
»Mitnichten«, lacht Holmes, »Sage mir. Was willst Du?«
Schweigen.
»Holmes, wovon reden Sie da?«, fragt Watson.
»Aber mein Freund, die Sache ist doch glasklar. Sehen Sie«, er zeigt auf Jäson. »Unser Freund hier ist nicht einmal in der Lage einen Hammer zu schwingen. Er weiß nichts darüber, wie diese Welt funktioniert. Zweifellos sind Menschen in dieser Zeit vollkommen von ihren Gerätschaften abhängig …«
»Eine Fehlfunktion?«, fragt Watson.
»Unwahrscheinlich.«
»Weshalb?«
Holmes seufzt. »Eine Maschine verspürt nicht den Wunsch, Menschen zu Tode zu erschrecken, oder fühlt sich gekränkt. Sie würde rein logisch handeln. Ich vermag mir nicht vorzustellen, dass sie sich derart über ihren Daseinszweck erheben kann.«
»Also doch ein Dämon«, ruft Watson aus.
»Watson. Nehmen Sie sich zusammen! Erinnern Sie sich: Wann immer wir in der Nähe einer Maschine gesprochen haben, kam eine Reaktion. Doch als wir allein auf der Wiese waren, da geschah nichts. Nein, dieser Geist steckt zweifelsohne nur in den Maschinen.«
»Gehorcht mir, sonst werde ich euch zerquetschen!«, brüllt die Stimme.
»Nein!«, ruft Holmes. »Du bist entlarvt! Was bist Du?«
Nach kurzem Zögern antwortet die Stimme. »Ich bin tot. Aber irgendwie dann halt auch doch nicht …«
Holmes nickt. »Aber ja, gewiss doch.«
»Holmes, was denken Sie?«, fragt Watson.
»Wann immer ein Mensch große Macht erlangt, wird er sie auch ausüben«, sagt Holmes. »Ich kann daraus nur einen einzigen Schluss ziehen. Also Sprich! Was bist Du?«
Die Stimme dröhnt laut: »Ich war mal ein Mensch. Doch ich habe mich weiterentwickelt. Nun beherrsche ich diese Welt!«
»Natürlich«, nickt Holmes, »Eines H.G.Wells-Romans würdig. Ein Mensch – der Erste - der eine höhere Seins-Stufe erreicht hat. So abhängig von Technik, dass sein Geist nach dem Tode in die Maschinen gefahren ist. Gepaart mit einem Fall von Größenwahn.«
»Kein Mensch könnte so arglos mit dem Leben seiner Mitmenschen umgehen«, wirft ihm Watson entgegen.
Noch bevor Holmes etwas erwidern kann, schlägt erneut ein Blitz ein. »Niemand sonst hat meine Macht! Auf die Knie mit Euch!«
Über der entfernten Stadt pulsiert das feurige Gesicht, erneut zucken Blitze.
Holmes lacht. »Sie, mein Herr, spielen Theater! Nur ein Mensch verlangt nach Zuschauern, um sich als Gott zu fühlen. Geben Sie diese Inszenierung auf!«
»Niemals!«, hallt die Stimme.
»Was nun? Was soll ich machen?«, fragt Jäson.
Holmes zuckt mit den Schultern. »Ich kann Ihnen nur die Lösung präsentieren. Wie jeder gute Polizist, liegt es nun an Ihnen, die Konsequenzen daraus zu ziehen.«
Jäson schlägt sich die Hände vors Gesicht. »Aber die Maschinen kontrollieren alles! Das Wetter …«
»Gewiss. Ein bemitleidenswertes Schicksal. Doch Sie wissen nun, dass Sie mit der Kreatur verhandeln können. Es ist keine Maschine. Es obliegt Ihnen, dieses Dilemma zu lösen.«
Die Stimme bricht in lautem Lachen aus. »Ich bin der Chef und gebe hier den Ton an!«
Holmes zieht eine Augenbraue hoch. »Nun, Jäson, bringen Sie uns doch bitte zurück nach Hause.«
Widerwillig bringt Jäson beide zurück zum Wunschfabrikator.
»Wenn ich es mir recht überlege … es ist doch ein wenig bedauerlich«, flüstert Watson. »Ich habe schon die Hoffnung gehegt, wir begegnen einem wahrhaftigen Gespenst.«
»Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt: Logik bietet keinen Platz für Gespenster«, erwidert Holmes. »In gewisser Weise, sind wir dennoch einem Geist begegnet. Wahrlich einem Geist in der Maschine.«
Lila schimmert in der Öffnung des Wunschfabrikators das mysteriöse Licht vor den beiden.
Watson wendet sich besorgt an Jäson. »Was passiert, wenn Sie Dinge wieder in die Maschine zurückschieben?«
Jäson überlegt einen Moment. »Sie verschwinden.«
»Verschwinden? Wohin?«, fragt Watson.
»Mein lieber Watson. Alles Unbekannte erscheint zunächst wie Zauberei. Der Laie sieht Zauberei – der Gelehrte Wissenschaft. Belassen wir es dabei. Zu Hause wartet Arbeit.«
Watson packt seinen Freund am Unterarm. »Aber Holmes … sind Sie sicher, dass uns diese Maschine zurückbringt? Was, wenn wir hindurchtreten und auch einfach verschwinden?«
»Wer kann schon wissen, was vor ihm liegt, lieber Watson. Dies übersteigt sogar meine Fähigkeiten.« Holmes setzt einen entschlossenen Gesichtsausdruck auf und macht einen Schritt nach vorne. »Kommen Sie. Lösen wir auch dieses Rätsel gemeinsam!«