Schau nicht zurück
Inhaltswarnung:
Krieg / bewaffnete Konflikte
Kindheit in Krisensituationen / Verlust der Eltern
Tod und Bedrohung
Gewalt und Schreie / akustische Bedrohung
Postapokalyptische Atmosphäre / gesellschaftlicher Zusammenbruch
Angst, Verzweiflung, psychische Belastung bei Kindern
Einsamkeit / Isolation
Krieg / bewaffnete Konflikte
Kindheit in Krisensituationen / Verlust der Eltern
Tod und Bedrohung
Gewalt und Schreie / akustische Bedrohung
Postapokalyptische Atmosphäre / gesellschaftlicher Zusammenbruch
Angst, Verzweiflung, psychische Belastung bei Kindern
Einsamkeit / Isolation
Ein einsames Licht flackert in der Dunkelheit. Das leise Klicken bei jedem Flackern, ein schwaches Echo der verstummenden Welt. Getrippel versteckter Ratten hallt durch den Tunnel, verstummt, als sich Schritte nähern. Halb geschlurft, halb geschlichen.
»Bist du sicher, dass wir noch immer auf dem richtigen Weg sind?« Die geschniefte Frage wird nicht beantwortet. Das kleine Mädchen mit den verfilzten Haaren blickt über die Schulter und wird wie von einer unsichtbaren Macht weitergezogen. Sie wischt sich die Nase mit dem Ärmel ab, stolpert. Eine Lasche ihres Rucksacks rutscht herunter. Als sie ihn sich wieder zurechtrückt, knirscht die letzte noch verbliebene Naht bedrohlich.
Ihre rechte Hand streift an der Wand entlang, fühlt die feuchte Härte des Steins. Die Kälte zieht sich langsam, wie Ameisen auf ihrem Weg zum Bau, den Arm hinauf, setzt sich in der Schulter fest. Und trotzdem verlässt ihre Hand nie die Wand.
»Wir hätten vorhin bestimmt rechts abbiegen sollen. Der Stein war dort wärmer und die Luft roch weniger nach Tod.«
Als Antwort leuchtet ein blasses, violettes Licht in Form einer Kugel vor ihr auf. Sie hätte ihre Kinderfaust darum ballen können. Es schwebt unruhig vor ihren Augen. Eine Figur ist darin schemenhaft zu erkennen. Kaum mehr als ein Geist. Das Licht der Kugel kämpft gegen die Dunkelheit an wie ein Wellenbrecher im Sturm und vermag sie dennoch kaum zu vertreiben. Auf dem Asphalt werden Schatten sichtbar. Ratten huschen dazwischen, geblendet von der ungewohnten Helligkeit. Flüchten, als müssten sie etwas verbergen.
»Wir dürfen nicht abbiegen. Das haben sie uns doch gesagt, bevor wir losgelaufen sind, richtig?« Die Kugel fliegt dichter vor das Gesicht des Mädchens, berührt fast ihre Nase. »Weißt du noch, was sie gesagt haben, Fiona? Kannst du es für mich nochmal wiederholen?« Fiona presst ihre Lippen aufeinander und blickt zu Boden, die rechte Hand noch immer an der Wand.
»Papa hat gesagt, dass ich dir vertrauen und immer geradeaus laufen soll. Schau niemals zurück, kleine Fio, hat er gesagt, dann ist er zurückgerannt …«, sie stockt, bevor sie weiterspricht. Ihr Blick geht hinaus in die Dunkelheit, als würde sie erneut den Moment durchleben, der ihr Leben auf den Kopf stellte. »Und … und Mama hat nur geweint. Wieso hat sie geweint? Und wieso ist sie auch zurückgerannt? Es war so laut. Alle haben durcheinander geschrien.«
Die Person in der Kugel schnauft. »Weil sie keine andere Wahl hatten. Jetzt komm, es wird spät, und sie kommen in der Nacht. Wir sollten vorher einen Platz finden.«
»Woher weißt du, wann Tag ist und wann Nacht?«, fragt Fiona und macht einen zögerlichen Schritt nach vorne. Sie tritt in eine Pfütze. Das klatschende Geräusch lässt sie zusammenzucken. Hatten sie es gehört? Ihr Körper verfiel in eine Schockstarre, den zweiten Fuß noch halb in der Luft, als sie horchte. Hörte sie weiter hinten ein Geräusch, oder waren das wieder nur aufgeschreckte Nager? Fiona kneift ihre Augen zusammen, kann aber nichts außer der Schwärze erkennen. Sie macht einen weiteren Schritt, blickt sich wieder um, und als eine weitere Minute ohne Geräusch vergeht, entspannen sich ihre Gesichtszüge.
»Na komm. Niemand hat uns gehört.« Der hoffnungsvolle, ermunternde Ton der Kugel zieht Fiona magisch an. Ihr Schritt beschleunigt sich, wird federnder, als wäre sie auf einer nächtlichen Wanderung mit Freunden. Stille Stunden, oder waren es doch nur Minuten, vergehen. In der Monotonie erscheint die Zeit zu verschwimmen. Was vielleicht nur zweihundert Schritte waren, kommen Fiona wie zweitausend vor. Aus dem Gequieke der Schattentiere wird das Geschrei der Menge, als sie losgeschickt wurde. Bilder flackern vor ihrem inneren Auge.
Waren sie echt oder doch nur ihrer Fantasie entsprungen?
Erdacht, um alles erträglicher zu machen.
Die Zäune, die in kürzester Zeit überall errichtet wurden. Menschen, die davor marschierten, immer im Kreis, Gewehre im Anschlag. Dann schloss auf einmal die Schule, und was sich anfangs wie sehr lange und spontane Ferien anfühlte, entwickelte sich zu einer langweiligen Zeit, in der sie mit ihren Eltern nur vor dem Fernseher saß und Nachrichten schaute. Bis der Strom nicht mehr da war. Dann das Wasser, und als sie nur noch Haferflocken übrig hatten, stritten ihre Eltern, welchen Weg sie gehen sollten.
Wäre in dieser Zeit nicht Bryian erschienen, hätte ihr Vater vermutlich den falschen Weg gewählt. Die Straße runter, rechts anstatt links, direkt in die Hände der Anderen. So aber fanden sie unbehelligt den Eingang zu den Menschen mit Gewehren vor ihren Zäunen. Bryian sorgte auch dafür, dass Fiona nicht zum Arzt musste, als das Fieber kam … flog einfach in sie hinein und kam einen Tag später wieder raus. Ein paar Schweißperlen auf der Stirn, aber ansonsten fröhlich wie immer. Fiona war aufgewacht und wollte Fußball spielen, aber niemand hatte an einen Ball gedacht.
»Woran denkst du, Kleines?«, unterbrach Bryian ihre Gedanken. Er ließ sich auf ihrer Schulter nieder, und dort, wo sein Licht sie berührte, breitete sich Entspannung und Wärme aus. Nicht die unangenehme Wärme, die man spürt, wenn man im Hochsommer auf offener Straße merkt, dass man sich nicht eingecremt hat.
Es glich mehr der angenehmen Wärme der ersten richtigen Sonnenstrahlen im Frühling. Dann, wenn man überlegt, ob man noch eine Jacke benötigt oder nicht, und die Energie zum ersten Mal im Jahr in den Körper zurückkommt. Wenn sich Glücksgefühle und Lächeln auf den Gesichtern der Menschen zeigen.
»An Fußball«, kam die geflüsterte Antwort, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Keine Sorge, Fio. Siehst du dort hinten?«, fragte er und zeigte auf das inzwischen stärker werdende Licht am Ende des Tunnels. »Dort ist unser Ziel, und vielleicht … vielleicht hat von denen jemand an einen Ball gedacht.«
Fiona strafft ihre Schultern. Ein schwaches Zucken in den Mundwinkeln. »Das wäre schön.« Ihre Schritte beschleunigen sich. Sie rennt fast, und als erste Details erkennbar werden, zerstört ein schrilles Kreischen hinter ihr die Stille.
Fionas Augen sind weit aufgerissen, als sie hinter sich die rot glühenden Augen der Anderen erkennt. Sie stehen aufgereiht über die ganze Breite der Straße, bewegen sich nicht. Hinter ihnen bildet sich ein kurzer Tumult, als sich etwas oder jemand nach vorne durchdrängt. Dort, wo der Tumult am größten ist, ertönt erneut ein Kreischen, überschlägt sich fragend, doch niemand antwortet.
»Lauf, Fio. Lauf so schnell du kannst und schau nicht zurück!« Bryians Leuchten wird heller. Grell wie die Sonne. Er schwebt zwischen das Mädchen und die Anderen, die nicht zurückweichen. Bleiche, ausgemergelte Gesichter. Wie wandelnde Skelette mit leuchtend roten Augen. Bryian schaut noch ein letztes Mal zu Fiona und schreit: »Lauf jetzt!«
Sie stolpert rückwärts, fällt hin, und die Lasche des Rucksacks reißt endgültig. Sie will daran herumfummeln, als vom Ende des Tunnels Stimmen und Schreie laut werden. Rennende Schritte neben ihr, dann eine Hand, die sie in die Höhe hievt, als wäre sie leicht wie eine Puppe. Bryians Licht wird noch immer heller, sodass sie ihren Blick abwenden muss. »Lass mich nicht allein!«, ruft sie und versucht, sich aus dem Griff zu strampeln.
Keine Minute später wird sie erneut durch ein Tor getragen, am Arzt vorbei in ein Zelt hinein.
Dann wird vor dem Zelt erneut geschrien, Schüsse hallen durch den Abend. Das zittrige Kreischen der Anderen geht in Explosionen von Granaten unter. Der Gestank von Schießpulver beißt ihre Nase, lässt sie niesen, während sie wartet.
Auf Bryian.
Auf Ruhe.
Und vielleicht einen Ball zum Spielen.