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Teppich zum Glück

2.400 Wörter etwa 12 Minuten Veröffentlicht am 28.09.2026
Warum hinterließ ihm seine Tante einen alten Teppich? Paul hatte keine Zeit für so einen Unsinn.
Paul saß am Schreibtisch und prüfte Rechnungen, wie jeden Dienstag. Sein Magen grummelte. Das lag am Zwiebelkuchen. Seit Monaten spielte er mit dem Gedanken, sich dienstags für ein anderes Gericht zu entscheiden, denn er vertrug in letzter Zeit den Zwiebelkuchen nicht mehr. Bisher hatte er dieses waghalsige Vorhaben aber noch nicht in die Tat umgesetzt. Die Änderung einer erprobten Routine wollte wohlüberlegt sein. Rosie wirbelte zur Tür hinein. Sie roch nach Knoblauch. Paul rümpfte die Nase. „Ich weiß. Ich putz mir gleich die Zähne.“ Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen und stützte das Kinn in die Hände. „Du wirst nie glauben, wen ich an der Dönerbude getroffen habe!“ Als er nicht antwortete, erzählte sie Albert, der ein Haus gekauft hatte und sich mit der Gemeindeverwaltung stritt, weil er es lila streichen wollte. Paul waren sowohl Alberts Haus als auch die Gemeindevorschriften egal. Er wollte nur, dass Rosie ihre Zähne putzte. Es kehrte Ruhe ein. Sie arbeiteten. Paul konzentrierte sich auf seine Rechnungen, als das Telefon läutete. „Schmitt“, meldete er sich knapp und wie er hoffte unhöflich genug, dass sich der Anrufer kurzfasste. „Tot?“ Paul seufzte. „Das passt gerade nicht. Ich arbeite.“ Der Mann am anderen Ende hielt kurz inne. „Die Testamentseröffnung ist am Freitag, gleich nach der Einäscherung.“ Der Anrufer hatte zu seinem professionellen Ton zurückgefunden. „Kommen Sie?“ „Am Freitag?“ Das passte gar nicht. Am Freitagabend saß Paul im Bus, der ihn von Sandhausen nach Heidelberg brachte und fühlte sich elend. Er hatte sich nachmittags frei genommen, war zur Einäscherung von Tante Trude gefahren und hatte anschließend gemeinsam mit seinem Vater und einem Cousin der Testamentseröffnung beigewohnt. Sein Vater erbte das Haus, Cousin Bertram eine Ferienwohnung an der Nordsee und er einen Teppich. „Paul, ich vermache dir meinen wertvollsten Besitz, den Teppich, der mich so glücklich gemacht hat. Vertrau ihm, er wird dich leiten.“ Der Anwalt hatte in einem geschäftsmäßig mitleidigen Ton vorgelesen. Ein Teppich sollte ihn glücklich machen? Nicht dass Paul ein Ferienhaus an der Nordsee vorgezogen hätte. Er verabscheute Ferien und die Nordsee flößte ihm eine Heidenangst ein. So viel Wasser und Natur. Damit wollte er nichts zu tun haben. Zuhause rollte er den Teppich im Wohnzimmer aus. Er sah gut aus. Persisches Muster. Keine Flecken. Der Geruch war holzig und erinnerte ihn an Tante Trudes kleines Haus. Nun war Tante Trude nicht mehr da. Paul hatte sie gemocht, denn sie hatte jeden Mittwoch nach der Schule Pfannkuchen mit Apfelmus gemacht. Jeden Mittwoch, auch wenn sein Bruder sich etwas anderes gewünscht hatte. Sie hatte seine Vorliebe für feste Routinen verstanden. Der Teppich würde probeweise im Wohnzimmer liegenbleiben, um Tante Trude zu ehren. Er wollte nicht undankbar wirken. Er setzte sich auf den Teppich und sog den Geruch ein. Für einen Moment schloss er die Augen und dachte an Pfannkuchen. Da war ihm, als ginge ein Ruck durch den Teppich. Paul öffnete die Augen und wollte sich gerade erheben, als er feststellte, dass sich der Teppich tatsächlich bewegte. Er schwebte über dem Boden. Paul schloss die Augen. Er halluzinierte. Die Trauer hatte ihn um den Verstand gebracht. Einatmen. Ausatmen. Augen auf. Aber der Teppich schwebte weiterhin. Paul hielt den Atem an. Mit einer Hand krallte er sich am Saum fest. Da machte der Teppich plötzlich einen Satz Richtung Fenster und klopfte gegen die Scheibe. Beide Hände in die Fransen der wild gewordenen Auslegeware gekrallt, schloss Paul die Augen und schrie. Es gab einen dumpfen Laut und er spürte den brennenden Schmerz einer Ohrfeige. Abrupt erstarb sein Schrei. Für einen Augenblick überwog die Entrüstung die Angst. Der Teppich hatte ihm eine Backpfeife verpasst und nun machte er sich am Fenstergriff zu schaffen. Paul packte den Fenstergriff. Kurz gab es ein Kräftemessen, aber Paul hatte keine Chance. Er hatte keine Zeit, sich für seine armseligen Armmuskeln zu schämen, denn der Teppich schoss aus dem Fenster, flog durch die Straße und stieg vor einer Hauswand steil auf. Paul lag bäuchlings auf dem Erbstück und klammerte sich an den Rand. Abwechselnd schloss und öffnete er die Augen, mal aus Angst nichts zu sehen und mal aus Angst vor dem, was er sah. Sie ließen Sandhausen hinter sich. Der Flug war nun ruhiger und so traute er sich, die Aussicht zwar nicht zu genießen, doch zur Kenntnis zu nehmen. Abrupt stoppte der Teppich und bog in eine Straße, die in einen von Altbauten umgebenen Platz mündete. Der Teppich schubste Paul so lange hin und her, bis er aufrecht saß. Die Fransen kamen von zwei Seiten auf sein Gesicht zu, richteten Frisur und Krawatte und zupften an seinem Jackett. Ein weiterer Ruck und der Teppich flog über die Köpfe der Menschen hinweg, die auf dem Platz gerade einen Flohmarkt besuchten. Von oben sah Paul Familien mit Kindern, Studenten und ältere Paare mit Hunden. Sein Blick wanderte von den Besuchern zu den Verkäufern, die hinter Tapeziertischen auf Klappstühlen saßen. Schallplattenspieler, gebrauchte Kleidung, zerlesene Bücher und Nippes lagen aus. Paul kam der Gedanke, dass der Teppich auf diesem Flohmarkt nach anderen Gegenständen aus Tante Trudes Erbe suchte. Ein bekloppter Gedanke. Teppiche suchten nicht nach ihren Freunden! Allerdings flogen sie auch nicht und verteilten keine Ohrfeigen. Paul schluckte. Seine Gedanken verknoteten sich. Da steuerte der Teppich auf einen Stand zu und kam in eine unangenehme Schieflage. Paul stieß einen Schrei aus, woraufhin mehrere Leute erschrocken zur Seite sprangen. Eine Mutter warf sich schützend über einen Kinderwagen. Ein Herr am Gehstock plumpste rückwärts auf den Hintern. Ein Kind zeigte auf Paul. „Mama, ich will auch einen fliegenden Teppich!“ Paul hätte gerne sein Gesicht in seinen Händen verborgen, aber er traute sich nicht, seinen Klammergriff zu lockern. Der Teppich stoppte über einem Tisch mit selbstgemachtem Schmuck. Die Besitzerin des Standes war aufgesprungen und starrte den Teppich, der nur Zentimeter vor ihrem Gesicht schwebte, mit offenem Mund an. Sie tastete hinter ihrem Rücken nach ihrer Handtasche, die am Stuhl hing. Der Teppich vollführte eine Pirouette. Dabei katapultierte er die Dame samt Handtasche in die Luft, ohne dabei Paul abzuwerfen. Ein erstickter Schrei entfuhr der Frau, die sich an Pauls Arm klammerte, als der Teppich steil in die Höhe schoss. Sie flogen dahin und die Frau lockerte ihren Griff. Sie strich den Stoff seines Ärmels glatt und murmelte eine Entschuldigung. „Keine Ursache.“ Paul biss sich auf die Unterlippe. Was sagte man, wenn Haushaltsgegenstände für die man verantwortlich war, fremde Menschen entführten? Er schaute die Frau an. Sie war wunderschön, trotz einer langen Narbe, die über die linke Wange verlief. Etwa in seinem Alter. Sie roch gut. Nach Vanille. Ihre roten Locken standen widerspenstig in alle Richtungen. Sommersprossen bedeckten Gesicht und Arme. Sie trug ein grünes Kleid mit aufgenähten Elefanten. Ihre Handtasche war riesig und lila. Was wollte der Teppich von ihr? Und von ihm? Er würde die Abendnachrichten verpassen. Die Frau beugte sich zur Seite und schaute nach unten. Die Stadt flog unter ihnen vorbei. „Die Aussicht ist grandios.“ Sie lächelte ihn an. Paul brummte. Wie konnte sie dieser absurden Situation etwas Positives abgewinnen? „Sie haben also einen fliegenden Teppich“, sagte sie. „Nein!“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Ich kann nichts dafür. Ich habe den Teppich geerbt. Tante Trude wollte, dass er mich glücklich macht. Aber Tante Trude hatte wohl den Verstand verloren.“ So viel hatte er nicht sagen wollen. „Sie ist tot“, sagte er leiser. „Das tut mir leid.“ Das Lächeln verschwand. Sie berührte ihn sanft am Arm. „Standen Sie sich nahe?“ „Früher einmal.“ Das ging Fremde nichts an. Wieso sprach er über intime Dinge, während sie sich in Lebensgefahr befanden? Das musste das Stockholm Syndrom sein. Oder ein anderes. Auf jeden Fall ein Syndrom. „Ich bin Bernie. Eigentlich Bernadette, aber das klingt so ernst.“ „Bernie“, wiederholte er. „Wollen Sie mir Ihren Namen verraten?“ Wie unhöflich, dachte er. „Paul“, sagte er schnell. „Ich heiße Paul.“ „Sehr erfreut.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. Zögernd löste er seinen Griff und schüttelte ihre Hand. Sie fühlte sich gut an. Eine kleine warme Hand. Pauls Arme waren verkrampft. Er schüttelte seine Hand aus, woraufhin sie ein helles Lachen erklingen ließ. „Habe ich zu fest zugedrückt?“ „Nein. Es ist nur.“ Er biss auf seine Unterlippe. „Ich habe leichte Flugangst.“ Da wurde der Teppich langsamer. Pauls Hand schnellte zurück zum Teppichsaum. Sie hatten Sandhausen und auch Heidelberg hinter sich gelassen und flogen über grüner Landschaft mit vereinzelten Bauernhöfen zwischen Feldern und Waldstücken. Der Teppich steuerte auf einen Wasserturm zu, ein Bauwerk aus Beton, etwa 40 Meter hoch, mit einer großen runden Kugel im oberen Bereich. Er war oben abgeflacht und der Teppich landete sanft in der Mitte der Fläche. Er krümmte sich so, dass er die Form einer Sitzbank einnahm. Paul und Bernie konnten mit den Füßen den Boden erreichen und der Teppich schubste sie herunter. Nun standen die beiden auf wackeligen Beinen auf einem Wasserturm mitten in der grünen Landschaft. Der Teppich schwebte in der Luft über ihnen. „Komm zurück“, rief Paul. „Du kannst uns doch nicht hierlassen!“ Paul ging dem Teppich zwei Schritte nach und blieb dann abrupt stehen. Es gab kein Geländer. „Bernie. Es tut mir leid.“ „Ist schon in Ordnung. Das kann schon mal passieren.“ Sie lächelte und legte den Kopf schief. Dabei sah sie besonders hübsch aus. Aber sie war offensichtlich kein besonders bodenständiger Mensch. Das konnte schon mal passieren? Nein. Nicht nach den gültigen Gesetzen der Schwerkraft und der Realität. „Was sollen wir jetzt machen? Haben Sie ein Telefon dabei?“ Bernie kramte in ihrer lila Tasche und zog ein Mobiltelefon hervor. „Dem Himmel sei Dank“, flüsterte Paul. Bernie entsperrte den Bildschirm und tippte eine Nummer ein. Da kam der Teppich angeschossen, stieß Paul unsanft zu Boden und schlug Bernie mit einer Ecke das Telefon aus der Hand. Es schlitterte über den Beton. „Es sieht ganz so aus, als ob der Teppich nicht wollte, dass wir Hilfe holen.“ Bernie hatte sich zu ihm herunter gekniet. „Haben Sie eine Idee, was der Teppich von uns will?“ Paul setzte sich auf und zog die Knie an. Tief einatmen. Was wollte der Teppich? Die Bedürfnisse von Einrichtungsgegenständen waren Paul nicht geläufig. Er wollte sich mit solchen Fragen nicht befassen. Er wollte die Abendnachrichten sehen. „Ich habe Höhenangst“, sagte er stattdessen. „Komm. Wir setzen uns genau in die Mitte. Soweit es geht vom Rand entfernt. Und dann warten wir ab. Vielleicht hören wir ein Auto und dann rufen wir um Hilfe.“ „Wie können Sie so ruhig bleiben?“ Paul klang schärfer als beabsichtigt. „Wenn ich mich jetzt aufrege, ändert das nichts an der Situation.“ Da hatte sie recht. Sich nicht aufzuregen war für Paul bisher keine Option gewesen. Er wusste nicht, ob er das konnte. „Der Teppich, wo ist er?“ Paul schaute sich um. Bernie ging zum Rand und schaute nach allen Seiten. „Vorsicht!“ „Ich bin schwindelfrei.“ Bernie setzte sich wieder neben ihn. „Ich habe Schokolade dabei, wollen Sie etwas?“ „Ich will nach Hause.“ Sie riss die Packung auf, brach einen Riegel ab und schob sich ein Stück in den Mund. „Es ist dunkle Schokolade mit Pfefferminz.“ Sie hielt ihm ein Stück hin. Er sah auf. „Das ist meine Lieblingssorte“, sagte er leise, fast ehrfürchtig. Kauend und lutschend starrten sie in die Landschaft. Nach einer Weile kam der Teppich zurück. Er war allerdings beladen mit… ja, was war das? Möbel? Paul kniff die Augen zusammen. Es dämmerte schon. Er erkannte ein Sofa und einen Tisch. Oh nein. Der Teppich hatte andere Einrichtungsgegenstände zur Revolte aufgerufen. Paul hielt schützend den Arm vors Gesicht. Als er wieder hinsah, erkannte er einen gedeckten Tisch mit Tellern, Gläsern, Schüsseln und Wein. Daneben stand ein altes Ledersofa. Der Teppich zog einen Stuhl zurück und Bernie verstand sofort. Sie nahm Platz. Paul bekam einen Schubs vom Teppich. „Na los, setzen Sie sich.“ Bernies Lächeln war zauberhaft. Also setzte er sich, schenkte Wein ein, häufte Pasta auf beide Teller, prostete Bernie zu und warf dem Teppich einen grimmigen Blick zu. „Zufrieden?“ Bernie kicherte. „Ich schätze, wir haben ein Date.“ „Ich habe keine Dates.“ „Muss ja keiner wissen.“ „Das ist lecker“, sagte er kauend. Bernie nickte. „Carbonara ist meine Lieblingspasta.“ „Meine auch.“ Nachdem sie aufgegessen hatten und der Wein geleert war, flog der Teppich vorbei und fegte den Tisch samt Geschirr vom Wasserturm herunter. Mit einer Ecke deutete er auf die Couch. Die beiden schauten sich an, zuckten mit den Achseln. Die Couch war in Richtung Sonnenuntergang orientiert und so starrten sie schweigend auf den Horizont. „Irgendwie ist es schön hier“, sagte Bernie leise. „Aber was tun wir, wenn uns niemand findet?“ „Ich habe auch ein bisschen Angst“, gestand Bernie. „Und mir ist kalt.“ Paul setzte sich auf, zog sein Jackett aus und legte es ihr um die Schulter. Das hatte er im Fernsehen gesehen. Sie bedankte sich und rückte näher an ihn heran. Verstohlen schaute Paul zu ihr rüber. Zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, ob er attraktiv war. Also optisch. Fragen wollte er allerdings nicht. Also schwieg er. „Möchten Sie mir vielleicht eine Geschichte erzählen?“ Paul überlegte. Er hatte in seinem Leben genau vierundsechzig Bücher gelesen. Und 445 Comics. Unglücklicherweise fiel ihm im Moment nur eine Geschichte ein: Chainsaw Man. Bernie lauschte. Er erzählte von dem Dämon Pochita, der von Denji Besitz ergriff und ihn in Chainsaw Man verwandelte. „Erzähl weiter.“ Sie schloss die Augen. Er erzählte. Ganz vorsichtig legte er den Arm, den er erschrocken von sich gestreckt hatte, auf ihrem dünnen Körper ab. So saßen sie, bis es stockfinster war. „Du kannst ganz wunderbar erzählen. Ich habe überhaupt keine Angst mehr.“ Bernie zog die Beine an und rieb sich die Unterschenkel. „Kann der Teppich bitte eine Decke bringen? Es ist kalt!“ Paul lachte. „Wenn wir das hier überleben und uns der Teppich freilässt, würdest du dann mit mir zu einem richtigen Date gehen? In einem richtigen Restaurant?“ Schnell schloss er die Augen. Gerade wollte er seine Einladung zurücknehmen, da sagte Bernie: „Gerne. Aber im Erdgeschoss.“ Trotz der Kälte spürte er ein warmes Gefühl in der Magengegend. Da kam der Teppich angeflogen und bedeutete ihnen, Platz zu nehmen. Er brachte sie zurück in die Stadt und setzte sie vor einem Reihenhaus ab, das Paul nicht kannte. „Hier wohne ich.“ Bernie gab ihm zitternd sein Jackett zurück. „Danke für den merkwürdigen Abend. Komm mich am Samstag abholen.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und lief zur Haustür. Sie drehte sich noch einmal um und winkte. Paul wandte sich zum Teppich. „Nein. Wir gehen zu Fuß.“ Er packte ihn, rollte ihn ein und klemmte ihn unter den Arm. Die Abendnachrichten hatte er verpasst. Stattdessen war er verliebt.