Ein letzter Cà phê
Kapitel 01: Auf dem Weg nach London
Die Sonne stand schon eine Handbreit über dem Horizont, und der Morgen hatte seine Unschuld verloren. Dicht drängte sich der Verkehr auf der kleinen Straße vor meinem Fenster, und die ersten Smogwolken trübten schon das Licht der Sonne. Aus dem neunten Stock betrachtet, kroch ein endloser Strom von Motorrädern dahin, klein wie Ameisen in der Ferne. Nur gelegentlich mischten sich größere Käfer darunter, Busse, Lastwagen und vereinzelt auch ein paar PKW. Alles strömte in Richtung City, Arbeitsbeginn in Saigon.
Ich liebe diese Stadt, in der man den Aufbruch in die Zukunft Vietnams spürte, fast noch mehr als in Mũi Né, welches mein Geburtsort und die Heimat meiner Eltern und meiner Ahnen war. Betrübt schaute ich auf das auf dem Tisch liegende Ticket, mein letzter Urlaubstag. Ich hatte den Flug zurück nach London schon gebucht. Er sollte heute Nacht starten.
Ich blickte in den kleinen Spiegel an der Wand und betrachtete mich. Mein dichtes, dunkles Haar lag zerzaust, doch die Müdigkeit stand noch fest in meinen braunen Augen.
Ich bin Vietnamese, aber die Jahre als ständiger Beobachter und meine wählerische Haltung hatten meine Züge geschärft. Eine leichte Anspannung umspielte die Mundwinkel. Mit meinen einsfünfundsiebzig und der sportlichen Figur wirkte ich im Spiegel fast wacher, als ich war. Entschlossen zog ich meine Schlafhose aus und ging in die Dusche.
Das lauwarme Wasser verlor schnell an Temperatur und weckte meine Lebensgeister viel schneller als erwartet. Schnell verließ ich den nun zu kalten Strahl und trocknete mich hastig ab, während die warme Luft aus dem geöffneten Fenster mich bereits wieder aufwärmte.
Ich ließ meinen Blick durch das Hotelzimmer streifen; hatte ich etwas vergessen oder übersehen? Die Koffer waren gepackt, der Laptop verstaut. Kurzerhand rief ich den Bellboy, der meine Koffer nach unten bringen sollte. Vollständig angekleidet ging ich nach unten und bestellte einen letzten Cà phê sữa đá, den leckeren Kaffee mit süßer Kondensmilch auf Eis.
Ich machte einen letzten Rundgang durch das Viertel und aß eine kleine Mahlzeit an der Garküche, wo ich immer gerne vorbeischaute; heute wünschte ich mir Phở. Sie wurde hier mit viel Liebe zubereitet und war äußerst schmackhaft. Wie gewohnt wurde ich von Lúan bedient. Ich winkte ihn zu mir an den Tisch und drückte ihm 100.000 Dong in die Hand, und er verschwand auf die andere Straßenseite.
Er tauchte wenige Minuten später wieder auf, um den Inhalt dreier kleiner Plastiktüten, nun in einer Schüssel angerichtet, auf den Tisch zu stellen. Selbstverständlich beließ ich ihm das Wechselgeld als Botenlohn. Ananas, Mango, Melone, Drachenfrucht und Mangostane, genussfertig. Allein dafür liebe ich Vietnam, von den unverzichtbaren Plastiktüten einmal abgesehen.
100.000 Dong sind nicht einmal vier Euro; in Deutschland würde so mancher Vietnamese für so eine Schale voller Obst seinen halben Monatslohn berappen müssen. Ich genoss die frischen Früchte und beschloss, so schnell wie möglich wieder hierher zurückzukommen.
Eine Taxifahrt in Saigon ist eine Geduldsprobe, üblicherweise verbrachte man längere Zeit mit Stehen als mit Fahren, wobei das schneckenartige Voranrollen oft nicht einmal diesem gerecht wurde. So grenzte es fast an ein Wunder, den Flughafen rechtzeitig erreicht zu haben. Alles andere war geübte Routine, sogar der pünktliche Abflug kurz nach Mitternacht.