Ein letzter Cà phê
Ich hatte gestern auf das Treffen mit Olga verzichtet und ihr einfach abgesagt. Ich wollte einfach mal in Ruhe meine Gedanken ordnen und meine Entscheidungen reflektieren. Heute Früh rief ich nach ein paar Tagen Pause Nong an. Ich wollte Nägel mit Köpfen machen, sehen, wie er zu meinem Plan, ihn zu treffen, stand, wie er reagieren würde, ob er es begrüßen würde und ob er überhaupt Zeit für mich hätte. Ich war innerlich noch viel zu unsicher, auch meinen eigenen Gefühlen gegenüber.
Welch erfreuliche Wendung nahm unser Gespräch. Nong schien geradezu auf ein Telefonat mit mir gewartet zu haben und war schon kaum, dass der erste Klingelton verklungen war, am anderen Ende.
„Kim, ich freue mich, dich zu sehen, ich habe dich so vermisst.“
Ja, wir konnten uns sehen, wir nutzten Videocall. Stimme ist schön, aber den anderen zu sehen, seine Emotionen und Reaktionen zu sehen, war doch ein gewaltiger Unterschied. Wie konnten vor Jahrzehnten Fernbeziehungen nur durch Briefverkehr aufrechterhalten werden, war mir aus heutiger Sicht total schleierhaft.
„Ich freue mich auch sehr. Was gibt es bei dir Neues?“, antwortete ich knapp, aber voll Spannung, und Nong platzte gleich heraus.
„Ich habe es gesagt, den Holländern, die ich letzte Woche begleitet habe.“ Nong schien förmlich zu platzen, während ich nur total verdutzt fragte.
„Was hast du gesagt?“
Nong zeigte ein breites Grinsen von einem zum anderen Ohr. „Na, dass ich dich liebe“, als sei es das Selbstverständlichste der Welt.
„WOW“, war das einzige, was ich sagen konnte, ja wow, das war wirklich ein wow, da hatte der süße Kerl gleich einiges zusammengefasst, was mir fast die Fassung raubte. Er sagte mir, er hätte anderen Menschen gesagt, er würde mich lieben, und somit auch mir damit dieses nicht nur wiederholt gesagt, sondern es der Welt mitgeteilt. Was für eine Tat! Da wollte ich nun nicht nachstehen.
„Danke, Nong, und weil auch ich dich liebe und vermisse, werde ich am langen Wochenende am Ende des Monats nach Saigon kommen und will dich dort über das Wochenende treffen. Ich hoffe, du hast Zeit für mich und magst kommen. Das Busticket bezahle natürlich ich für dich.“
„Schatz, für dich habe ich immer Zeit oder werde sie mir nehmen. Sehr, sehr gerne will ich dich in Saigon treffen. Sage mir, wo es sein soll.“
„Natürlich, ich schicke dir alles per Mail. Ort, wo und wann und natürlich auch, wann ich landen werde.“
Der Rest des Gespräches belief sich auf gegenseitige Liebesbekundungen, virtuellen Küssen und Umarmungen. Ich war wieder einmal mehr als überrascht, welche konsequente Haltung mein Freund einnahm. Es machte mich sehr glücklich. WOW.