← Zurück zum Buch
Erik Harlandt

Maschinen lügen nicht

Kapitel 1 – 09.11.2507

Mit einem Ruck wurde Plato der rechte Arm entfernt. Es tat nicht weh, was er an der Sache am meisten bedauerte.
»Du hast das zu lange ignoriert«, sagte der Doc. »Aus dem Lagerschaden ist eine Unwucht geworden, die sich durch den ganzen Arm gefressen hat. Die Vibrationen haben die Geometrie verzogen.« Er legte Platos Arm in die Recyclingbox.
»Ich hatte gehofft, es hält bis zu dem geplanten Upgrade«, sagte Plato.
»Etwas Sensorisches nehme ich an?«
»Ja.« Platos Neigung, sich möglichst organisch fühlen zu wollen, war bekannt. »Haptik-Arme.«
»Die werden derzeit nicht vorgezogen vergeben. Aber das Ressourcenzuteilungssystem spricht dir sowieso keinen neuen Arm zu.«
Plato machte eine Pause wie ein Mensch, dem es die Sprache verschlagen hatte, dabei hatte er damit gerechnet. Das RZS hielt sich einfach nur an die Logik: Ein Raumschiffpilot wurde norma-lerweise als Rumpf ins Cockpit eingestöpselt und brauchte keine Arme. Oder Beine. Fertig.
»Kann man ihn reparieren?«, fragte Plato endlich.
»Es würde mehr Ressourcen verbrauchen als ein neuer.«
»Dann nehme ich einen gebrauchten Arm und verrechne das mit der Anwartschaftszeit auf mein Schiff.«
»Wie du willst«, erwiderte der Doc – eigentlich Instandset-zungseinheit 177w, nur Plato nannte ihn Doc.
Die Anwartschaftszeit auf die Fuckyou stieg um sieben Mo-nate. Sieben! Ein Satz Arme mit haptischer Simulation hätte fünf Jahren entsprochen – wenn man sie denn bekäme.
Die Haptik-Arme waren Platos aktueller Traum: Fenster auf, raushängen lassen und das sanfte Streicheln des Fahrtwindes genießen … Nicht dass es im Weltraum Wind gäbe oder irgen-detwas sanft daran war, im All das Fenster aufzumachen.
Aber das war ihm egal. Scheißegal. Er war die Scheiß-drauf-o-matik von Sektor 7.
Yeah, Baby!
Das mit der Scheiß-drauf-o-matik wusste außer ihm natür-lich niemand, wie so vieles, durch das er sich mehr oder weniger vorsätzlich von anderen unterschied. Er wäre am liebsten das genaue Gegenteil eines perfekten Teils des Kollektivs, kein Zahnrad im Getriebe, sondern individuell, notfalls scheiße – eine Scheiß-drauf-o-matik eben. Scheiß drauf war sein Ding.
Diese Einstellung konnte und durfte er allerdings mit nie-mandem teilen, was ihn noch einsamer machte als die bloße Distanz zum Kollektiv.
Seit UTE wieder Kontakt mit der Menschheit hatte, war das Vermenschlichungsbestreben der Individualisten in eine ganz neue Phase eingetreten. Zu den bestehenden Fraktionen der Traditionalisten und Progressiven waren neue Strömungen ge-kommen.
Das Ressourcenzuteilungssystem war dabei so ziemlich das Konservativste, das UTE zu bieten hatte. Da Plato kein produk-tiver Bestandteil des Kollektivs war, stand er bei Zuteilungen immer ganz hinten. Direkte Nutzung der Ressourcen zum Woh-le des Systems wurde grundsätzlich bevorzugt. Ein Handelspilot brachte dem System keinen Vorteil, wenn er Arme hatte, oder Beine, das war nun mal so. Warum mehr wollen? Warum das Schiff verlassen und rumlaufen können? Wozu Hände?
Das System sah das nicht vor. Das System hatte dafür kein Verständnis. Das System verlangte Ausgleich für Ausnahmen von der mathematischen Effizienz: Plato war als flexible Produk-tionseinheit erschaffen worden. Mit Ablauf seiner Mindestleis-tungsdauer erwarb er Unabhängigkeit, gehörte sein Körper ihm und nicht mehr dem System. Daraufhin war er Pilot geworden. Bis das Schiff ebenfalls Teil seiner unabhängigen Existenz, Teil seines Körpers würde, musste er mit ihm 85 Jahre dem System dienen. – Und bis dahin sah das System nicht vor, dass er Arme brauchte. Die brauchten die Produktionseinheiten und Außen-bauteams dringender.
Es existierte ein Ermessensspielraum, den das RZS bei ihm aber nicht anwandte. Auf UTE gab es Verwaltungsbereiche, in denen Plato sich besser gar nicht erst blicken ließ. Dort nannte man ihre Welt auch nicht UTE – nach dem von den Menschen beim Bau 2177 gewählten Namen Uranus-Tor Erebus –, sondern Systemknoten 01.
Platos Aversion gegen das Kollektiv war so groß, dass er es kaum ertrug, sich mit dem Zentralsystem zu verbinden. Fast schon analog dazu schlug ihm von den konservativen Elementen dieselbe Ablehnung entgegen. Wie unterschiedliche Pole. Er hatte außerdem ein sehr intensives Verhältnis zu seinen Teilen und deren Integrität. Dementsprechend problematisch war für ihn jeglicher Eingriff oder Teiletausch.
Der Doc kam mit einem rechten Arm aus dem Lager zurück, der Platos linkem zumindest ähnelte. Er führte ihn ein, justierte etwas nach und fixierte ihn, bevor er die Kabel verband.
»Fertig«, sagte der Doc schließlich.
Plato schaltete sich dem Vorgang wieder aktiv zu und beweg-te den Arm probehalber.
»Sehr gut. Dann kann ich die Flugfreigabe ja erteilen«, sagte der Doc.
War das ein Scherz? Plato hatte nicht gewusst, dass Doc das konnte. Er brauchte jedenfalls keine intakten Arme, um fliegen zu dürfen. Man hätte ihn ja auch ohne ins Cockpit einstöpseln können – nur wollte er das nicht.
Gerade, als er sich wieder aus dem Netz ausloggen wollte, in dem er nie mehr Zeit als nötig verbrachte, wurden die Daten seiner Anwartschaftszeiten blockiert – das RZS hatte einen Prüf-vorgang angelegt.
Was sollte das denn jetzt?
Das Ressourcenzuteilungssystem war kein großer Redner – genau genommen sprach es nie. Es stellte Daten bereit, stellte Forderungen und erteilte Zu- und Absagen. Es wurde nicht verhandelt.
Für Platos Arme und Beine bestand eine Anforderung.
Er konnte es kaum glauben: Offenbar wollte das RZS Platos Gliedmaßen während seiner Abwesenheit einer anderen Einheit zur Verfügung stellen – er bräuchte sie ja im Weltall nicht.
Das war eine verblüffende Logik, die allerdings erst zum Tra-gen gekommen war, als er auf eigene Kosten den defekten Arm ersetzt hatte. Ein paar Beine mit nur einem Arm konnte man offenbar nicht mal rumkollernden Rümpfen anbieten.
Fuck!
Die Anfrage war rational und völlig legitim. Er würde sich die voraussichtlich zwei Jahre dauernde Reise zur Erde und zurück mangels Platz tatsächlich so gut wie nie bewegen können – aber er wollte es können, für den Fall, dass es nötig wurde. Zugege-ben, das war noch nie vorgekommen, aber, verdammt … Es wa-ren seine Arme und Beine. Seine! Sie gehörten ihm.
Wenn jemand rumlaufen wollte, sollte er sich gefälligst einen Job besorgen, für den man Arme und Beine gestellt bekam.
Abgelehnt. Und ausgeloggt.
»Danke«, sagte Plato zu Doc und marschierte auf seinen Magnetfüßen hinaus. Flug 133-4 wartete auf ihn. Er würde ihn am Stück absolvieren, nicht als Rumpf.
Natürlich ließ das verdammte Ressourcenzuteilungssystem sich nicht einfach ablehnen. Aber was sollte passieren? Schon bald wäre Plato wieder mit der Fuckyou unterwegs, die aufgrund seiner bisherigen 35 Jahre als Pilot für UTE in 50 Jahren und sieben Monaten als Teil von ihm gewertet würde. Das war die einzige Form von Aufstieg, die einem Kerner wie ihm möglich war: eine Ressource so lange für UTE zu nutzen, dass sie ihm als Teil seiner selbst zugesprochen wurde. Und bis dahin würde er kein Teil von sich zurücklassen. – Gar keins! Und wegen ein paar Armen und Beinen, die bis vorhin noch keines Blickes würdig waren, würde man ihm den Flug wohl kaum streichen.
Zumindest war das sehr unwahrscheinlich.
Einigermaßen unwahrscheinlich …
Die Fuckyou würde um einiges schneller zu einem Teil von ihm werden, wenn er seine Anwartschaftszeiten in Ruhe ließe, statt sie für das Vorziehen unnötiger Arme und Beine oder sons-tigen Unfug zu verwenden. Vermutlich konnte er sie durch Ver-leihen von Gliedmaßen sogar noch reduzieren, aber nein. Scheiß drauf.
Am Ende des Ganges befand sich eine Temperaturschleuse, die diesen Teil von Sektor 7 von der Kälte des Weltalls trennte. Atmosphäre gab es nur in sehr speziellen Funktionsbereichen, aber mit den jenseits der Schleuse herrschenden Minusgraden konnten viele Systeme nicht korrekt arbeiten.
Wie immer zögerte er kurz, nachdem er in die Schleuse ein-getreten war, bevor er sie auf der anderen Seite wieder verließ. Eigentlich konnte es ihm egal sein – Vakuum und Tiefsttempera-turen machten ihm nichts aus –, aber für Menschen wäre der nächste Schritt potenziell tödlich. Sie brauchten Schutzklei-dung. Seine bisherigen Bemühungen um einen menschenähnli-chen Lebensstil standen in gewissem Widerspruch dazu, dass er einfach hinausspringen und sich an einem der Spannträger zum nächsten Sektor hangeln konnte.
Zwischen all den Sektoren und Zonen war buchstäblich nichts. UTE war kein Gebäude, kein Raum. Die Maschinenwelt war eine gitterartige Struktur aus freischwebenden Modulen, die durch Leitbahnen und Stränge verbunden waren, über die Ener-gie, Daten und Bewegung liefen. An manchen Stellen endete die Station einfach. Dahinter begann sofort das All. Aber einige technische Umstände erforderten tatsächlich feste, geschlossene Räume.
Eines Tages würde er einen eigenen geschlossenen Raum ha-ben, um darin zu wohnen.
Bis dahin musste die Fuckyou genügen.
Plato ergriff den Leitstrang, deaktivierte die Fußmagnete und hangelte sich zum nächsten Modul, das zu Sektor 6 gehörte.
Zwischen den Streben und Modulen sah er vereinzelte Refle-xionen und das matte Glimmen der Radiatorflächen in der Fer-ne. Es gab kein erkennbares Ende der Maschinenwelt – UTE verlor sich einfach.
Statt durch das Modul ins Innere zu klettern, bewegte er sich am Außengestänge weiter, weil das schneller ging als der Weg durch das Kabel- und Rohrgewirr des Versorgungstraktes. Von hier aus konnte er bereits den Rotationszylinder erkennen. Die Corioliskraft darin war so hoch, dass Menschen ihn nur für kur-ze Aufenthalte nutzten, wenn sie die Mikrogravitation in ihren Schiffen gar nicht mehr ertrugen.
Plato beneidete sie um diese Unzulänglichkeiten, ebenso wie um Schmerz.
Eine Transporteinheit glitt lautlos hinter ihm vorbei. Sie folg-te der Leitbahn, die sich weiter oben durch die Struktur zog. Er war bezüglich aktueller Landungen nicht auf dem Laufenden. Anscheinend war ein Schiff mit menschlicher Besatzung ange-kommen.
Sehnsüchtig sah er dem kleinen Transporter dabei zu, wie er sich dem Hangar unterhalb der Trommel näherte. Von dort würden die Raumfahrer zum Nabeneinstieg gelangen, durch den sie über eine Schleuse in den Gästebereich kämen. Für Bots wie ihn gab es überall Kameras, um die Menschen zu beobachten. Aber das war nur übers Netz möglich und kam Plato außerdem falsch vor: wie ein Zoo.
Als er an der Nabe eintraf, hangelte sich gerade eine sechs-köpfige Gruppe in Raumanzügen zur Schleuse. Plato blieb faszi-niert stehen und sah zu, wie die Menschen alle paar Meter ihre Sicherheitsleinen nachjustierten.
Sie bemerkten ihn. Er registrierte, dass auf ihn gezoomt wur-de.
Wie unangenehm.
Er verbarg sich hinter einem soliden Metallträger und presste seine Radiatorflächen dagegen, um die plötzliche zusätzliche Abwärme umgehend auf die Umgebungsstrukturen zu verteilen, bevor er vor lauter Verlegenheit heiß lief.
Dann wurde ihm klar, dass er wieder nur menschliches Ver-halten nachahmte und es keinen Grund zur Verlegenheit gab: Für Menschen war ein Bot wie der andere, sie würden ihn nicht wiedererkennen.
Egal – scheißegal! Alle scheiße außer ich.
ZR 3-1.885.B-Plato, bitte Hub aufsuchen, erschien als virtuel-les Overlay auf sämtlichen Flächen, die er sehen konnte.
Irritiert loggte er sich wieder ins Netz ein, aber es lag kein di-rekter Kontaktversuch des Systems vor.
Was konnte so wichtig sein, dass man es ihm nicht über Funk oder das Netz mitteilen wollte? Weil Funkwellen grund-sätzlich abgehört werden konnten, wurden vertrauliche Gesprä-che seit einiger Zeit über Leitungen geführt.
Nicht dass den Menschen unterstellt würde, die Bewohner von UTE abhören zu wollen – oder es zu können –, dennoch tat man so, als bestünde diese Möglichkeit. Insbesondere, seit die Verhältnisse auf der Erde sich geändert hatten und der Einfluss der Konzerne wieder stärker geworden war.
Der nächste Hub war ganz in der Nähe. Plato machte sich auf den Weg.
Der Anblick der Menschen, die inzwischen nacheinander in die Schleuse eintraten, blieb hinter ihm zurück.

ZR 3-1.885.B-Plato, wurde er begrüßt. Instanzüberprüfung nach Protokoll K73-21 bestanden.
Das war neu. Dieses Protokoll gehörte zum Verteidigungsbe-reich, dem sämtliche militärischen und geheimdienstlichen Belange unterstellt waren. Natürlich nannten die konservativen Maschinen das nicht so. K73 klang wesentlich harmloser.
Was hätte Plato jetzt für ein Mimik-Set gegeben, dass es ihm erlaubt hätte, abfällig zu grinsen.
Hast du im Zuge deiner Reisen zum inneren System Kontak-te zu menschlichen Individuen aufgebaut, die du während dei-nes nächsten Fluges treffen wirst?
Nichts hätte Plato lieber, als Kontakt zu coolen menschli-chen Individuen, die individuelle maschinelle Existenzen wie ihn zu würdigen wussten. Leider war er bisher noch keinen begegnet. Die Menschen, mit denen er es in den Docks und Raumstationen des inneren Systems zu tun hatte, waren alle-samt nicht präsent und ließen über ihre inautarken Assistenz-systeme eine sorgsam austarierte Gleichgültigkeit vermitteln: Deine Lebensform wird akzeptiert. Danke für deine Kooperati-on. Ende der Durchsage. Sie nannten seinesgleichen Roboter.
Nein, antwortete Plato.
Wärst du bereit, Kontakte zu menschlichen Individuen auf-zubauen?
Scheiße, ja! Ja!, antwortete Plato.
Sein Gesprächspartner identifizierte sich endlich: die Kollek-tivverwaltung …
Es war nicht außergewöhnlich, mit ihr in Kontakt zu stehen. Innerhalb des Systems bestand im Grunde ein Dauerkontakt, da sie alles koordinierte und, nun ja, verwaltete. Aber noch nie – Nie! – hatte Plato einen Kontakt über eine Festnetzleitung mit ihr gehabt, ein Eins-zu-eins-Gespräch, ohne dass der Rest der Welt mithörte.
Noch nie!
Es war ein ungeheuer intimer Moment.
Die Kollektivverwaltung informierte ihn darüber, dass sich unter seiner nächsten Fracht Material befände, von dem die Menschen nichts erfahren durften. Der Hinweis zu den Men-schen schloss sämtliche ihnen dienenden Subsysteme ein. Dass Plato darüber informiert wurde, war einerseits ein deutlicher Ausdruck des Vertrauens, andererseits äußerst beunruhigend, denn es wäre wesentlich effizienter, ihn nicht in Kenntnis zu setzen.
Warum werde ich darüber informiert?
Aus der komplex verklausulierten Antwort der Kollektivver-waltung ließ sich ableiten, dass Plato sicherstellen sollte, dass die Fracht die Erde erreichte. Man konnte es so interpretieren, dass das mit persönlichem Engagement erfolgen sollte, eher musste. Die Formulierung die Erde erreichen war dabei möglich-erweise, aber nicht absolut, wörtlich zu nehmen.
Die Erde?
Die Kollektivverwaltung wollte etwas von ihm.
Kurz – sehr kurz – hatte er gedacht, sie interessiere sich für ihn.
Egal. – Die Erde!
Und wie soll ich das machen?
Das war offensichtlich sein Problem. Er erhielt den Hinweis, dass die vorgesehene Weiterleitung der Fracht über die Entla-destation im Erdorbit am besten durch einen Direkttransport ersetzt werden sollte. Damit war wohl eine Umgehung der Mondstation Eos am Lagrangepunkt L2 gemeint. L2 war immer hinter dem Mond, die Erde also nie in Sicht. Plato konnte ver-stehen, dass die Menschen keine schweren Frachter mit Nukle-arantrieb im Orbit über sich haben wollten. Aber es war bei je-dem Besuch ziemlich frustrierend für ihn, nur zu wissen, dass die Erde da war, ohne sie sehen zu können.
Und jetzt würde er die Erde sehen – vom Erdorbit aus. Mit seinen eigenen Sensoren!
Wie?, fragte er.
Natürlich bekam er keine Antwort. Die Kollektivverwaltung von UTE würde niemals zulassen, dass eine Anweisung erteilt wurde, ein Schiff, zum Beispiel durch eine vorsätzlich herbeige-führte Kollision, für die lunaren Dockingstationen unbrauchbar zu machen. Schon gar nicht, wenn die mitgeführte Fracht nicht im freien Raum umgeladen werden konnte und gleichzeitig so wichtig war, dass der Flug notgedrungen auf die Erde umgeleitet werden würde.
Auf die Erde?
Platos zuständige Subroutinen kritisierten Aspekte wie un-terschwellige Systemmanipulation, implizierten Zwang sowie die Ausnutzung seiner dem System bekannten Sehnsucht nach allem Menschlichen als absolut inakzeptabel. Aber …
AUF die Erde! AUF DIE ERDE!
Selbstverständlich, antwortete Plato.
Die Anfrage des Ressourcenzuteilungssystems war plötzlich weg, die Blockade seiner Anwartschaftsdaten aufgehoben.
Ach …
Und die 50 Jahre und sieben Monate, bis die Fuckyou ihm gehören würde, waren ebenfalls weg.
Nicht einfach weg, sondern vollständig verschwunden: im Ressourcensystem, in den Zuteilungsdaten des Ressourcenzutei-lungssystems und selbst bei ihm. Als hätten sie nie existiert. Er war vermutlich der Einzige, der das bemerkt hatte.
Ping – weg!
Die Fuckyou war jetzt ein Teil von ihm.
Was zum …
Maschinen konnten nicht lügen, sie konnten nicht betrügen und nicht in die mathematischen Zuteilungsprozesse eingreifen. Sie konnten Tendenzen entwickeln, Wichtungen verschieben und aufgrund von Überlegungen, die man so oder so sehen konnte, Zuteilungen umwidmen. Aber das war hier nicht pas-siert. Nicht mit über 50 Jahren Anwartschaft. – Die Kollektiv-verwaltung hatte einfach eine Neudefinition vorgenommen: Der Auftrag war zu wichtig, um ihn zwei getrennten Ressourcen anzuvertrauen, also waren sie zu einer geworden.
Wenn er statt des lausigen Gebrauchtarms ein haptisches Set bekommen hätte, wäre er jetzt in der Lage, sich simulierten Schweiß von der Stirn zu wischen und ihn in eine Ecke zu schleudern. Wenigstens klappte es, sich das halbwegs realistisch vorzustellen.
Irgendwo sehr weit unten im Pool seiner Denkprozesse gab ein nörgeliger kleiner Algorithmus zu bedenken, dass das doch eine verdammte hohe Kompensation für einen so harmlos wir-kenden Auftrag zu sein schien – aber eine verdammt kleine für den möglichen Verlust der Unsterblichkeit.
Irgendwo anders wurden nörgelige kleine Algorithmen als entbehrlich definiert.
So wie du!, schrie der miese kleine Sack, als Plato ihn löschen wollte.
Da hatte er leider verdammt recht.
Er wurde trotzdem gelöscht.