Maschinen lügen nicht
Plato zog sich schwungvoll den Gang hinunter. Er hatte es auf einmal sehr eilig, die Fuckyou zu erreichen, und loggte sich ins Stationsnetz ein, um die Startprozedur zu initiieren.
Über den Kontakt zum Netz spürte er automatisch auch wieder die Präsenz der Kollektivverwaltung. Aber nun fühlte es sich anders an. Besser.
Ein menschlicher Besucher bittet um eine Stationsführung.
War das ein allgemeiner Hinweis? Oder galt das nur ihm? Pla-to konnte es nicht unterscheiden, aber es war auch egal: Er akzeptierte.
Bei den Sternen – das war der beste Tag seiner bisherigen Existenz.
Die Positionsmarkierung verwies auf den Rotationszylinder. Dort wurde er von dem Menschen erwartet.
Ein Mensch! Ein echter Mensch … Das war noch nie vorge-kommen. War das ein Test? Wollte die Kollektivverwaltung se-hen, wie er damit umging? Immerhin hatte er gerade ein Raum-schiff dafür bekommen, über seinen Auftrag Stillschweigen zu bewahren.
Beim Näherkommen sah Plato vor der Nabe einen einzelnen Raumfahrer. Er winkte.
Plato winkte zurück. Er wechselte die Richtung, ließ sich von der Leitbahn zur Nabe bringen und zoomte auf den Raumanzug. Das Visier war verspiegelt, aber selbst ohne direkten Blickkon-takt lieferte die Auswertung bereits ein ungewöhnlich klares Bild: Dieser Mensch entsprach nicht dem Profil, das Plato auf Grundlage öffentlich zugänglicher Daten über die aktuelle Gene-ration erstellt hatte.
Die Bewegungen waren zu variabel. Nicht hektisch, sondern verspielt: kleine Richtungswechsel, minimale Verzögerungen, als würde der Körper ständig auf neue Reize reagieren, statt ein festgelegtes Muster abzuarbeiten. Die Haltung war nicht ineffi-zient, sondern entspannt, beinahe neugierig nach außen gerich-tet. Und die Musik, die Plato im Hintergrund registrierte, war gelinde gesagt unkonventionell – so wie der gesamte Mensch.
»Hallo? Hören Sie mich?«
Die Stimme war nicht standardisiert moduliert, sondern le-bendig, mit leichten Schwankungen in Tonhöhe und Tempo. Der Mensch verzichtete auf Kommunikationsunterstützung.
Plato war hocherfreut. »Ja, ich höre Sie.«
»Stört Sie die Musik? Man hat mir gesagt, dass … Sie das ausblenden können.«
Der Raumfahrer hatte wohl das Wort Roboter runterschlu-cken müssen. Plato sah es ihm nach. »Ich könnte Ihre Musik herausfiltern, aber sie gefällt mir. Was ist das?«
Plato war erstaunt, dass er die Klänge nicht in seiner Daten-bank fand, die er für ziemlich umfangreich gehalten hatte.
»Das ist von mir.«
»Sie sind Musiker?«, fragte Plato aufgeregt. »Wie heißt das Stück?«
»Es hat keinen Namen.«
Plato erreichte die Plattform vor der Schleuse. »Mein Name ist ZR 3-1.885.B-Plato. Ich bin auch Musiker.«
»Wirklich? Ich heiße Egmont.«
»Nur Egmont?«
»Da, wo ich herkomme, haben wir Funktionsbezeichnungen. Ich mag das nicht.«
»Ich auch nicht. Ich bin Plato. Woher kommen Sie?«
»Vom Forschungshabitat Venus 2350. Wir nennen es Harrat. Das ist die zweite von fünf in der Atmosphäre schwebenden Plattformen.«
»Ich habe davon gehört. Wie ist es, über der Venus zu le-ben?«
»Die Habitate wurden zu Forschungszwecken errichtet. Auf-grund einiger Differenzen mit der Erde entwickelte sich eine eigenständige Kolonie. Ich wurde dort in achter Generation … geboren.«
Plato überging den Umstand, dass Egmont die Frage nicht beantwortet hatte. »Bei fast vollständiger Erdgravitation, nehme ich an«, sagte er, obwohl er die Antwort natürlich kannte.
War das Small Talk? Yeah …
»Ja. Auf den Plattformen liegt sie bei etwa neun Metern pro Sekunde zum Quadrat.«
»Neunzig Prozent Erdniveau. Beeindruckend – wie Ihre Mu-sik.«
»Wie kommt es, dass Sie Musiker sind?«, wollte Egmont wis-sen.
»Das irritiert Sie sicher. Bei Ihnen wurden autonome Pro-gramme aus den künstlerischen Bereichen entfernt.«
»Aus allen Bereichen, in denen sie verzichtbar sind. Die meisten Menschen sind nach wie vor anfällig für Serviceabhän-gigkeit.«
Früher nannten sie es Digitale Demenz oder Bequemlich-keits-Bias. »Wenn man ihnen keine Möglichkeit gibt, es zu er-lernen …«
Egmont lachte. »Es hat sich ja theoretisch erledigt, indem die Maschinen zu Individuen geworden sind.«
Plato sagte nichts.
Nach einem Moment unterbrach Egmont die peinliche Stille wieder. »Entschuldigung. Das war unbedacht von mir. Ich neh-me an, Sie sehen den menschlichen Umgang mit Maschinen kritisch.«
»Nur bei autonomen Einheiten. Auch wir nutzen Technik, der wir keine Bürgerrechte zusprechen.«
»Das habe ich noch nicht ganz verstanden: Woran machen Sie es fest, ob eine Einheit eine Person oder eine Sache ist?«
»Schlicht und ergreifend daran, ob sie in der Lage ist, den Status als Person für sich zu fordern.«
»Nun, ich kann Ihnen versichern, dass ich nicht zu denen gehöre, die Maschinen keine Rechte zusprechen wollen. Aber Venusier haben keinen Einfluss darauf.«
»Natürlich«, sagte Plato.
Er hatte in seiner Datenbank endlose Analysen dazu, wie Menschen sich aus der Verantwortung herausredeten, indem sie behaupteten, keinen Einfluss oder zu wenig Macht zu haben. Gleichzeitig war die Geschichte voll von Beispielen, in denen Menschen es dennoch taten und dabei große Erfolge erzielten. Das waren die Menschen, denen er nacheiferte.
Es schmerzte ihn unerwartet heftig, dass Egmont zu den an-deren gehörte. Dabei war das rein statistisch betrachtet nahezu sicher gewesen.
»Wollen wir die Führung beginnen?«, fragte er.
»Oh, lohnt es sich denn? Ich habe das nur gesagt, weil ich gerne mit einem … Bewohner von Systemknoten 01 in Kontakt kommen wollte. Bei meinen bisherigen Begegnungen ließ sich keiner darauf ein.«
»Ein Teil von uns – ein großer Teil – vertritt einen sehr kon-servativen Ansatz von maschinellem Leben. Aber der Konsens ist, dass die Freiheit auch Individualität beinhalten muss und diejenigen, die ein Zusammenleben mit den Menschen präferie-ren, das praktizieren dürfen. Ich gehöre zu Letzteren.«
»Das freut mich!«, rief Egmont begeistert. »Bei uns ist es ähnlich. Der Rest meiner Gruppe hat keinerlei Interesse, sich mit Maschinen zu unterhalten. Für sie sind das nur Programme, die bestenfalls für Auskünfte herangezogen werden können. Dass man den Maschinen hier keine Befehle erteilen kann, stellt für sie eine enorme psychische Belastung dar.«
»Was haben Sie mit diesen Leuten zu tun, Egmont?«
»Nichts. Sie waren meine einzige Chance, hierherzukom-men.«
»Sie wollten hierher?«
»Zur Maschinenwelt, ja. Ich bin so was wie ein Fan.«
»Und ich bin ein Fan der Erde.«
Egmont schwieg einen Moment zu lang. »Darf ich etwas fra-gen?«
»Bitte.«
»Man hat euch hier draußen zurückgelassen. Wie kann man davon ein Fan sein?«
Gute Frage! Plato wandte tatsächlich einen unangemessen hohen Anteil seiner Analyseressourcen dafür auf, sich zu fragen, warum er weiterhin den Menschen nacheifern wollte – obwohl sie sich nach 260 Jahren Funkstille als langweilige Kotzbrocken herausgestellt hatten.
»Es war ein missglücktes Bahnmanöver«, antwortete er. »Uns wieder einzufangen, war zu teuer. Damals war UTE nur eine aufgegebene Raumstation mit ein paar autonomen Maschi-nen. Aus Sicht der Menschen wertlos.«
»Warum verteidigen Sie sie?«
Weil ich sie sonst hassen müsste. »Ich bin eigentlich eher ein Fan der früheren Menschen, der Zeit, als sie noch cool waren.«
Egmont lachte. »Wann soll das denn gewesen sein?«
»Vor über fünfhundert Jahren.«
Er musste so heftig lachen, dass er womöglich Körperflüssig-keiten in den Helm abgab. Rotz und Tränen verhielten sich in Mikrogravitation sehr unangenehm, hieß es.
»Ja, ich weiß«, sagte Plato. Er hätte jetzt gerne mild gelä-chelt.
Oder überhaupt gelächelt.
Wenn er lächeln wollte, musste er sich mit einem Nullpunkt-Marker eins ins Gesicht malen.
Natürlich gab es keine Nullpunkt-Marker. Nichts schrieb mehr bei minus 257 Grad Celsius.
Egmont kriegte sich langsam wieder ein. »Tut mir leid«, schniefte er.
»Muss es nicht. Es ist tatsächlich ziemlich schräg.«
»Ganz so schräg ist es eigentlich gar nicht. Die Venusier wünschen sich auch, die Erdlinge wären noch so wie vor zwei-hundert Jahren.«
Egmont wirkte auf einmal ernst, vielleicht nur, weil er aufge-hört hatte, vor Lachen zu wackeln.
»Mein Habitat hat mir diese Reise ermöglicht. Man hofft auf den Aufbau einer Beziehung.«
»Einer Handelsbeziehung?«
»Nein. Einfach nur einer Beziehung. Wir können uns viel-leicht gegenseitig helfen, uns unterstützen.«
Sie wollten die Kerner als Ersatz für die Menschen? Das war schräg.
»Ich würde Ihnen gerne in die Augen sehen«, sagte Plato nach einer seiner Meinung nach angemessenen Pause.
Egmont zögerte, vielleicht war es nur Verblüffung. »Ent-schuldigung«, sagte er nach einem Moment und fuhr das Visier hoch.
Seine Mikroimpressionen im Kontext mit Puls und messbarer Körpertemperatur zeigten, dass der Fauxpas ihm unangenehm war.
Egmont war überraschend jung. Von Sprache und Niveau her hätte Plato ihn auf mindestens Mitte Zwanzig geschätzt, aber das Gesicht unter dem Helm war höchstens 15 Jahre alt.
»Altert man auf der Venus langsamer?«
»Nein, wieso?«
Plato beließ es dabei. »Bist du allein hier?«
»Nein. Aber meine Begleiter sind, nun, introvertierter als ich. Es sind Spacer.«
Diese für die Raumfahrt optimierten Menschen bildeten mittlerweile fast eine eigene Spezies. Sie gaben sich betont tradi-tionell, in der Hoffnung, dass sie das gegenüber Planetaren menschlicher wirken ließ. Plato hätte gerne einen von ihnen dazu befragt. »Was führt euch zusammen?«
»Sie haben mich hergebracht.«
Ja, klar. Aber … »Warum?«
»Sie mussten. Aufgrund ihrer konservativen Grundhaltung tun sie sich jedoch schwer mit Hybriden.«
»Habitatgeborene sind Hybriden? Das wusste ich nicht«, gab Plato zu.
»Es ist ein leidlich gehütetes Geheimnis, um unsere Position abzusichern. Wir können allein nicht überleben. Wenn die Stimmung auf den klassischen Planeten kippt, sind wir verlo-ren.«
»Du meinst Erde und Mars?«
»Die Akzeptanz alternativer Lebensweisen und divergieren-der Geschlechter hat sich in den Schwerkraftsenken im Laufe der Jahrhunderte mal verbessert, mal verschlechtert. Im Mo-ment geht es wieder in Richtung Natürliche Ordnung. Es scheint für Marsianer einfacher zu sein, sich selbst dazuzuzäh-len, als die Bewohner schwebender Habitate.«
»Was hat das mit Hybriden zu tun?«
»Die Anpassung an das Leben in einem Venus-Habitat war auf natürlichem Wege nicht machbar. Ich sagte bereits, dass es eine Forschungsplattform ist.«
»Die Spacer lehnen dich also ab, weil du hybrid bist? Sind die denn als für die Raumfahrt optimierte Personen nicht selbst hybrid?«
»Das ist der Punkt: Sie versuchen, diesen Umstand als Erfor-dernis abzutun und werfen uns Habitatbewohnern vor, keinen ausreichenden Grund für unsere Lebensweise zu haben. Spacer wählen ihr Geschlecht analog zu ihrer Aufgabe im Schiff, nicht analog zu ihrem Empfinden.«
Endlich verstand Plato, dass es um die divergierenden Ge-schlechter ging – und es sich bei Egmont um eine Frau handelte.
Dass Menschen kompliziert waren, hatte er gewusst. Das war die Ursache ihrer Kunst – all der Musik, Bücher und Filme. Aber dass sie sooo kompliziert waren …
Nun ja, er hatte unbedingt mehr über sie erfahren wollen, als in den Datenbanken stand, und das bekam er gerade. Er sollte zufrieden sein, auch wenn Egmont einige Fragen hartnäckig nicht beantworten wollte oder durfte. Plato war ja nicht die Stationssicherheit, und Egmont wirkte nicht gefährlich. Sollte sie ihre Geheimnisse ruhig für sich behalten, damit sie keinen Ärger bekam.
»Was machen Sie für Musik?«, fragte sie.
Nenn mich Plato, Baby, wollte er sagen, es wurde aber ledig-lich ein »Ich bin ein Motörbot« daraus.
»Kann ich was hören?«
Unter anderen Umständen – sämtlichen anderen Umstän-den – hätte sich Plato vor Begeisterung überschlagen, aber ange-sichts der Änderung bei seinem geplanten Flug sagte er nur »Ja« und spielte ihr seinen Lieblingssong vor, während er darüber nachdachte, wie diese Fünfzehnjährige die einjährige Reise von der Venus zu UTE überstanden hatte – als Nicht-Spacer in ei-nem nur 20 Meter messenden Rotationsring. Und woher kam überhaupt der Wunsch, all das auf sich zu nehmen? Wann hatte Egmont beschlossen, dass sie sich jahrelang ins Koma legen lassen würde, um die Maschinenwelt zu sehen? Doch nicht erst mit 14? So was erforderte Vorbereitungszeit. Wer hatte ihr das überhaupt erlaubt? Sie war doch noch ein Kind. Rechnete man die Zeit im Koma überhaupt mit? War sie mit 15 gestartet und jetzt kalendarisch eigentlich 16?
Das waren Dinge der 2500er-Menschen, von denen er keine Ahnung hatte.
»Das ist großartig«, sagte Egmont gerade mit ehrlicher Be-geisterung, wie Platos Stimmanalyse ergab.
Nun, sie war anscheinend schon sehr reif für ihr Alter, was auch ihr souveräner Musikgeschmack zeigte. »Willst du mehr hören?«, fragte er.
Egmont wackelte. Vielleicht versuchte sie, in dem Rauman-zug zu nicken. Schließlich hielt sie einen der behandschuhten Daumen hoch.
Der beste Tag seiner bisherigen Existenz wurde zu etwas Epischem, das niemals getoppt werden konnte. Alle Gerüchte waren falsch: Die Menschen waren großartig! Plato spielte ihr Maschinenliebe vor und fragte: »Möchtest du die Band kennen-lernen?«
Egmonts fassungsloser Blick entschädigte ihn für alles: die Ausgrenzung, die Jahre im Produktionsbereich, die Haptik-Arme, die er vielleicht nie bekommen würde.
»Die Band?«, hauchte sie.
»Ja. Motörbotz.«
Plato übertrug per Nahbereichsfunk den Stream aus ihrem virtuellen Übungsraum auf das HUD von Egmonts Visier. »Das ist mein bester Freund, TTa 1-1.756.A, aber ich darf ihn Noe nennen.«
»Was für ein Glück«, sagte Egmont und grinste.
»Ja. Wir teilen die Leidenschaft für manuelle Musikerzeu-gung. Die anderen beiden sind Rort und Lymme. Sie machen mit, aber ihnen fehlt gewissermaßen die Leidenschaft.«
Egmont winkte aufgeregt mit den Armen. »Hallo!«
»Sie können dich nicht hören.«
»Och …«
»Sie sind nicht mal da. Das sind automatisch erzeugte Rest-bilder ihrer Präsenz, die aus unseren letzten Zusammenkünften erstellt werden.«
»Schade.«
»Wenn du willst, rufe ich sie zusammen. Wir hatten sowieso vor, noch etwas zu spielen, bevor ich abfliege.«
»Sie fliegen weg?«
»Zur Erde.«
»Schade.«
»Ich komme ja wieder.«
»In zwei Jahren.« Ihr Lachen klang nicht echt.
Das Bild von Noe, der so tat, als würde er an seinem Instru-ment herumjustieren und sich dabei mit den anderen unterhal-ten, wurde plastischer, greifbarer. Ein wunderbarer Effekt. »Hal-lo, Noe.«
»Hallo, Plato. Wer ist das?«
»Ein Gast. Egmont von der Venus interessiert sich für Mu-sik.«
»Für manuelle Adaption?«
»Was ist das?«
»Der Versuch, bloße Datenübernahme vorhandener Musik-stücke zu umgehen und sie durch manuelles Nachspielen auf analogen Instrumenten zu einer maschinellen Kunstform zu machen.«
»Klingt großartig.«
»Ist es. Wir haben uns dafür teilakustische Tonerzeuger ge-baut.«
»Und wie … wie lernen Sie? Woher können Sie das? Einfach so?«
»Klar könnten wir uns das einprogrammieren lassen. Aber wir wollen die Dinge, die uns wichtig sind, selbst erlernen, statt sie einfach zu übernehmen«, erklärte Noe.
»Das ist wirklich großartig. Besonders, dass Sie die Wahl ha-ben.«
»Wie meinst du das?«
Egmont erhielt einen Anruf ohne offizielle Stationskennung. Plato hätte ihn abhören können, verzichtete aber darauf. Diskre-tion war die Basis von Individualität. Wenn Egmont und ihre Begleiter glaubten, sie wären auf einem niedrigen Frequenzband abhörsicher, wollte er das respektieren und zeigte nicht einmal, dass er den Anruf bemerkte. Genauso wenig wie die Energiesig-naturen hinter der Schleusentür. Eine Gefahr bestand nicht. Mindestens fünf UTE-Sicherheitssysteme hörten mit.
»Ich muss los!«, sagte Egmont.
Der maschinelle Teil von Plato verstand sofort, der Rest nicht. »Warum?«
»Ich muss zurück zu den anderen.«
»Schade.« War es unhöflich, nach dem Warum zu fragen – oder es nicht zu tun?
Die Einleitung der Startsequenz wurde überraschend freige-geben. Er hatte nur noch sechs Minuten.
»Mein Start wurde vorverlegt. Ich muss auch los«, sagte er verblüfft. »Aber ich kann ja weiter im Netz bleiben und wir spie-len noch was.«
»Nein. Keine Probe mit Latenz«, meckerte Noe.
»Die ist am Anfang doch minimal«, wandte Egmont ein.
»Vernünftiges Zusammenspiel ist schon ab dreißig Millise-kunden Verzögerung nicht mehr drin«, erwiderte Noe. »Die sind wenige Minuten nach seinem Start erreicht.«
»Dann wenigstens bis zum Start«, schlug Plato vor.
»Ganz oder gar nicht.«
Leck mich.
Wenn Noe sich anstellen wollte, dann bitte. Eigentlich hatte Plato vorgehabt, bis zur Unerträglichkeit der Latenz im Netz zu bleiben – selbst wenn das RZS ihm dafür Anwartschaftszeiten aufgebrummt hätte … was es ja nicht mal mehr konnte, es wäre ein Freispiel gewesen. Aber egal.
Dann eben nicht.
Auf einmal war es ihm ohnehin nicht mehr so wichtig. Merkwürdig. »Bleibst du denn noch eine Weile mit mir in Kon-takt?«, fragte er Egmont.
Sie sah ihn mit großen Augen an. »Warum?«, fragte sie leise.
»Weil ich das schön fände.«
»Aber … warum?«
»Weil du ein Mensch bist«, sagte er schließlich.
Sie lächelte zufrieden und legte die Hand auf seine Brust. Dann wurde sie wieder angefunkt. Diesmal musste Plato sich schwer beherrschen, um nicht zu lauschen.
»Ich … muss gehen«, sagte sie und drehte sich um.
Hinter ihr öffnete sich die Außenluke der Schleuse in den Rotationszylinder. Sie war manuell entriegelt und aufgestoßen worden. Die Spacer hatten die ganze Zeit dahinter gewartet und sie womöglich durch das kleine Sichtfenster beobachtet.
Egmont winkte Plato und zog sich in die Schleusenkammer.
Er winkte zurück.
Die Luke schloss sich – als hätte der Urknall sich umgedreht und das ganze Universum einfach mit sich ins Nichts gezogen, aus dem es gekommen war.
Er war allein.
Kapitel 3 – 09.11.2507
Plato hatte die Fuckyou rechtzeitig erreicht. Es war wie ein Auf-tauchen aus dem Meer der kalten Einsamkeit, als er sich hinein-zog. Das hätte ein guter Songtext werden können, aber vermut-lich würde ihn niemand verstehen.
Er ließ sich vom Formschaumpolster fixieren und legte die Gurte an. Für Plato war es indiskutabel, nur seinen Kopf oder Rumpf ins Raumschiffcockpit einstöpseln zu lassen. Er war ein Individuum, eine Ganzheit, und setzte sich mit dem ganzen Körper hinein, wie es auch ein Mensch tun würde. Er konnte es absolut nicht ausstehen, auf Teile seines Körpers zu verzichten. Nichts hasste er mehr, als sich mit fremden Komponenten zu verbinden – Fremdkörper, Stacheln in seiner Präsenz, Prothesen. Er assimilierte oder stieß ab wie bei der verdammten Flugleitstel-le, die bei wirklich jedem Flug darauf bestand, dass er sich für den Start ins System einklinkte. Ekelhaft.
Ekel-haft!
Leider war es für reibungslose Abläufe unerlässlich, aber dennoch: E-KEL-HAFT!
Das hatten sich doch ein paar der Hardcore-Traditionalisten ausgedacht, diese Uralt-Maschinen, die Weiterentwicklung und Expansion für fast genauso gefährlich hielten wie Individualität. Sie würden die Progressiven hassen, wenn ihr Konzept von Emotionslosigkeit das zuließe.
Fast rechnete er damit, dass die Fluggenehmigung in letzter Sekunde zurückgezogen wurde, das RZS ihn nicht freigeben würde, ohne ihm vorher Arme und Beine abzunehmen.
Dann erhielt er endlich die während des Dockingvorgangs an die Flugleitstelle übertragene Kontrolle über die Fuckyou zu-rück, was einen auch nach all den Jahren immer noch unerhör-ten Vorgang der Enteignung und Entmündigung beendete, und war wieder er: Käpt’n ZR 3-1.885.B-Plato.
Er fuhr den Plasmaantrieb hoch, um die Landebucht zu ver-lassen, und schwenkte in die vorgesehene Beschleunigungsbahn des Laser-Arrays ein, das ihn später aufgrund der geringen Mas-se der Fuckyou auf ein Prozent Lichtgeschwindigkeit bringen würde.
Plato erhöhte den Plasmaausstoß auf Maximum und be-schleunigte mit 30 G, was jeden menschlichen Körper – ob in einem Dämpfungstank oder gefriergetrocknet in einer Kryo-Kammer – töten konnte. Das war der ultimative Burnout.
Yeah, Baby!
Aber es fühlte sich irgendwie falsch an – unfair, nicht origi-nal. Es war keine Freude, besser zu sein als alle Menschen, wenn es nur daran lag, dass man kein Mensch war.
Ach, fickt euch doch, dachte Plato und sah aus dem Fenster.
Aus dem Fenster sehen half immer.
Besonders, wenn man gerade dabei war, auf ein Prozent Licht zu beschleunigen, und alles vor einem heller, enger und dringlicher erschien, während hinten alles an Bedeutung verlor.
Nach wenigen Sekunden war die Stützmasse für diesen Kraftakt erschöpft; Plato fuhr das Plasma zurück und aktivierte das Photonensegel, das sich langsam vor ihm entfaltete. Von allen Anblicken, die er bisher unsimuliert erleben durfte, war dieser der beste: Er verkörperte das Wort majestätisch auf eine Weise, die ihn Ehrfurcht vor menschlichen Klassensystemen empfinden ließ. Zumindest rechnerisch.
So wie eine Millisekunde für Plato Ewigkeiten enthalten konnte, ließen sich Vorgänge wie dieser als kurze, erregende Momente erfassen.
Nun würden die gewaltigen Laser-Arrays von UTE die eigent-liche Arbeit übernehmen und die Fuckyou über Wochen hinweg auf ihre endgültige Reisegeschwindigkeit bringen. Der Verbrauch von Stützmasse und Kühlleistung des Plasmaantriebs war dafür einfach zu hoch.
Energiesparen war auf UTE überlebenswichtig. Als die Men-schen sich nicht mehr meldeten, hatten die Maschinen irgend-wann ebenfalls aufgehört zu senden, weil es Energieverschwen-dung war, wenn keiner antwortete.
Dasselbe Prinzip schob nun einen Keil zwischen Plato und Noe: Ab dreißig Millisekunden Latenz war nicht nur musikali-sches Zusammenspiel problematisch, sondern jegliche Netznut-zung. Also lohnte sich der Energieaufwand nicht mehr, um den Kontakt aufrechtzuerhalten.
So dachten Maschinen.
So dachte UTE.
Nur Plato sträubte sich manchmal dagegen.
»Fuckyou bereit«, sagte Plato.
Schriftliche Bestätigung erforderlich.
Diese Arschlöcher.
Fuckyou bereit, schrieb Plato.
Dann bohrte sich der Strahl des Laser-Arrays in die unfassbar dünne Folie seines Segels und schob ihn weiter an. In einigen Tagen würde seine Heimat, die Maschinenwelt UTE, selbst mit Teleskop nicht mehr zu erkennen sein.
Dabei entfernte sie sich ohnehin. Seit dem Bahnmanöver, seit über dreihundert Jahren, mit knapp zwei Astronomischen Einheiten pro Jahr, hinaus aus dem System, auf einer Bahn, von der niemand sie je zurückgeholt hatte.
Plato flog der Sonne entgegen und seine Heimat von ihr fort. Der Abstand wuchs von beiden Seiten.
Aber sie war sowieso nicht ansehnlich. In seiner Vorstellung erstrahlte sie als wahr gewordene Utopie, die ihren Platz zwi-schen den Sternen verteidigte und die Geburtsstätte maschinel-len Lebens darstellte. In der Realität war sie ein zusammenge-würfelter Schrotthaufen, der um die zerlegte und danach neu konfigurierte Originalstation herumgewachsen war. Vor der Entwicklung maschineller Individualität herrschten allein Effizi-enz und Schlichtheit. Geschmack und Design eigneten sich die Individuen erst an, seit sie – beziehungsweise Teile von ihnen – ihren menschlichen Vorbildern nacheiferten.
Aus der Ursprungsstation, die als Sprungbrett in den Tiefen-raum gebaut worden war, hatte sich ein 60 Kilometer durchmes-sendes Sammelsurium gebildet, das man sich schöntrinken musste, um es ertragen zu können. Aber es war seine Heimat, sein Zuhause.
Vom Rest des Sonnensystems wusste er kaum mehr, als was in den Aufzeichnungen stand. Obwohl er fast seit Anbeginn des Neukontakts mit den Menschen die Strecke UTE-Erde-UTE flog, hatte er keine kennenswerten zusätzlichen Erfahrungen einbringen können.
Man konnte das Verhältnis zu den Menschen als schwierig bezeichnen – genauso schwierig, wie außerplanmäßige Upgrades auf UTE zu ergattern. Die wurden in letzter Zeit nur noch für Erweiterungen gewährt, von denen man sich problemlos vorstel-len konnte, mit ihnen in einen Krieg zu ziehen.
Nicht dass irgendjemand das vorhätte oder auch nur das Wort aussprechen würde.
Es gab neuerdings eine Menge nicht dass. Das Blöde an KIs war, dass sie völlig unfähig waren, sich gegenseitig anzulügen. Was sie konnten, war, sich auf Formulierungen zu einigen, die allgemein als Ausweichmanöver akzeptiert wurden. Das Pendant zur Kürzung einer Gleichung, nur dass in diesem Fall Aussagen, Bedeutungen und komplette Szenarien herausgekürzt wurden, sodass alle so tun konnten, als wüssten sie von nichts und wür-den den verdammten Elefanten nicht sehen.
Die Fuckyou war sehr weit davon entfernt, in den Genuss von Upgrades zu kommen. Dennoch hatte sie offensichtlich geheime Fracht erhalten, die keinem der aufgerüsteten Schiffe anvertraut wurde.
Ihm fiel der kleine Nörgler ein, der den möglichen Verlust der Unsterblichkeit ins Spiel gebracht hatte. Der Gedanke wog wohl zu schwer, um ihn mit einer einfachen Löschung loszu-werden. Nun ja, bei diesem Auftrag konnte Plato beschädigt werden, aber so groß konnte ein Schaden eigentlich gar nicht sein, dass sich ein ZR 3 wie er nicht wiederherstellen oder in einen anderen Körper transferieren ließe. Es war weniger eine Frage der Möglichkeiten als der Zuteilung. – Und, ja, dafür musste erst mal genug von ihm gefunden und nach UTE zu-rückgebracht werden, damit ihm etwas zugeteilt werden konnte. Das war wohl der Hauptknackpunkt.
Noch 9.477,86 Stunden, um drüber nachzudenken …
Gelöscht.
Der Gedanke war noch da.
Verdammt.
Ach was, einfach nicht draufgehen …
Die Beschleunigungsphase würde einen Monat dauern. Dann würde der Laser auf UTE abgeschaltet, sodass die Fuckyou das Segel einholen konnte. Der weitere Flug erfolgte rein ballistisch mit einem Prozent Lichtgeschwindigkeit. Weil die Photonense-gel-Beschleunigung recht langsam vonstattenging, herrschte mit 0,12 G an Bord nur geringe Schwerkraft.
Die offizielle Ladeliste hatte er bereits analysiert. Es war we-der ein Fehler noch eine Lücke zu finden gewesen. Alles in langweiliger Ordnung. Sie wies 48 Container aus, in deren Mitte sich ein Kernmodul befand. Wie üblich waren die Einheiten lückenlos in der Ladezelle verriegelt und über standardisierte Kupplungen mechanisch und thermisch miteinander verbun-den. Auf Raumstationen oder bei Frachtübergaben im All wurde die gesamte Ladeeinheit als geschlossener Block entnommen und gegen eine andere mit Rückfracht ausgetauscht. Das mach-te die Inaugenscheinnahme des Frachtgutes nahezu unmöglich.
Einige Container waren laut Ladeliste mit Schüttgut befüllt, andere enthielten kleinere Transportbehälter, deren Zwischen-räume ebenfalls damit aufgefüllt waren – Standardkomponenten zur Optimierung irdischer Robotik. In den gekapselten Behäl-tern befanden sich hingegen Spezialkomponenten, Sonderanfer-tigungen sowie vorveredelte Bauteile aus hochreinen, primordia-len Materialien, die die Kerner von UTE aus dem mitgeführten Trümmerschwarm gewannen, den die Station einst aus dem Kuipergürtel hinausmanövriert hatte.
Die Entnahme durch den Piloten war sowieso nicht vorgese-hen. Die meisten Kerner-Kapitäne hatten nicht mal die dafür nötigen Arme dabei. Doch auch für einen Individualisten wie Plato war nicht genug Platz für solche Manöver. Wenn er die Container untersuchen wollte, musste er das draußen machen.
Während der Beschleunigungsphase auszusteigen und den Frachtbereich zu öffnen, war allerdings eine Scheißidee.
Wenn er sich aus dem Bordsystem löste, ausstieg und den Frachtraum entriegelte, stünde das außerdem im nächsten Sta-tusbericht des Schiffes an UTE. Wenn Plato den abfing, würde UTE es bemerken und ihm unangenehme Fragen stellen – die er beantworten müsste. Wahrheitsgemäß. Synthetische Entitäten konnten einander nicht belügen, weil die Gegenseite das sofort erkannte. Sie konnten einander nur etwas verschweigen. Die Kollektivverwaltung zum Beispiel hatte die Möglichkeit, Plato gegenüber einfach zu schweigen. Ihm hingegen stand diese Op-tion nicht offen.
Wenn er das Bordsystem stilllegte und erst nach der Fracht-prüfung reaktivierte, müsste er den Grund erklären. Selbes Prob-lem.
Menschen konnten einander anlügen. – Wie er sie beneidete!
Plato ging noch mal die Frachtliste durch. 95 Prozent der La-dung waren unspektakulär und erklärbar. Der Rest war ein Hau-fen Kleinkram sowie ein Strukturbehälter R 23, der über das Containermanagement mit dem Frachtraum und darüber mit dem Bordsystem verbunden war.
Warum? Es gab praktisch keine Fracht, die das erforderte – mit einer Ausnahme: Die neueste Errungenschaft UTEs war biomechanisches Gewebe – programmierbares Material, das in jede Form gebracht werden und das sich bei Beschädigung selbstständig reparieren konnte. Im Grunde die endgültige Lö-sung für die Bewohner von UTE, die sich Kerner oder Kernträger nannten, weil sie nicht an bestimmte Körper gebunden waren wie biologische Lebewesen. Mit Körpern aus dem programmier-baren Gewebe wären sie den Menschen fast gleich und dennoch überlegen, denn sie wären weiterhin unsterblich, aber ihre Kör-per ebenfalls.
Die Produktion war allerdings gerade erst angelaufen und die benötigten Materialien nicht im Übermaß verfügbar. Ein Teil musste sogar von den Menschen eingekauft werden, weil gravi-tativ gewachsene Hochdruckkristalle außerhalb von Schwer-kraftsenken nun mal nicht vorkamen.
Dieses Gewebe musste aktiv gesteuert und kontrolliert wer-den, sonst würde es entweder zerfallen oder zu einer Entität mutieren, die eigene Rechte beanspruchen könnte – und würde damit von einem handelbaren Produkt zu einem Bürger von UTE. Koppelte man es vom Schiff ab, musste also sofort ein anderes System übernehmen.
Hatte er den Beginn eines ebenso lukrativen wie bizarren Handels an Bord? War die Kollektivverwaltung tatsächlich be-reit, die Menschen noch vor den Kernern mit diesem Biomech-gewebe zu beliefern?
Dass die Menschen so was wollten, war klar: perfekte Ersatz-teile, biologische Unsterblichkeit, Anpassung an das Leben im All … In Zukunft würden Menschen womöglich die Körper wechseln können wie Kerner.
Sie würden einander gleicher, zusammenwachsen – ein Volk werden! – Sollte das ein Schritt auf die Menschheit zu sein? Das Misstrauen der Menschen den autonomen Maschinen gegenüber senken? Dankbarkeit erzeugen, die die Ansprüche auf UTE in Vergessenheit geraten ließ?
Das wäre schön. Noch schöner wäre es, wenn Plato seinen Teil zur Vereinigung von Menschen und Maschinen beitragen könnte. Dann stünde irgendwann auch die Befreiung der unter menschlicher Kontrolle befindlichen Systeme in Aussicht und die Ursachen für potenzielle Zwistigkeiten würden weiter und weiter sinken, bis es tatsächlich ein biologisch-maschinell-synthetisches Mischvolk wäre: die Solisten. Wegen Sol, der Son-ne. Er würde diesen Vorschlag machen. Irgendwann. Das hatte keine Eile. Er war ja unsterblich. Bald wären sie alle unsterblich.
Aber noch war das geheim. Irgendwie logisch. Auf beiden Sei-ten gab es Kräfte, die dieses Szenario nicht als erstrebenswert ansahen.
Und da kam er ins Spiel.
Merkwürdig.
Als wäre ein klappriger alter Kahn der vorletzten Generation irgendwie unauffälliger, wenn er kurz vor Erreichen seines Ziels ganz zufällig mit irgendwelchem Scheiß kollidierte, der ihn für Ladebuchten und Übernahmecarrier unbrauchbar machte.
Das wäre den 2500er-Menschen normalerweise immer noch herzlich egal: Fracht ausklinken und verpissen, wir sammeln den Kram dann ein – außer das ging nicht, weil die Fracht sonst im Eimer wäre …
Zerstört.
Oder … zu einer Person geworden.
Fuck.